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Anschlag von Solingen Ins Gedächtnis gebrannt

Die Katastrophe von Solingen beeinflusst das deutsch-türkische Verhältnis bis heute. Die Einschätzung sind dabei durchaus widersprüchlich.

Gedenkstein
Ein Gedenkstein steht vor dem Grundstück in der Wernerstraße. Foto: dpa

Der grauenhafte Brandanschlag von Solingen war nicht nur eine Zäsur für das Verhältnis von Einheimischen und Migranten in Deutschland, sondern auch zwischen der Türkei und der Bundesrepublik. Der Ortsname Solingen hat sich eingebrannt in das kollektive Gedächtnis der Türken wie jener von Mölln, wo sechs Monate zuvor eine andere türkische Familie drei Mitglieder durch einen Mordanschlag verlor. Plötzlich mischte sich in das Bild der Bundesrepublik als Freund und Arbeitgeber das eines Dunkeldeutschlands, in dem fanatischer Ausländerhass wütete.

Türkische Politiker reagierten mit Aufrufen an die Deutschtürken, ruhig zu bleiben. Doch forderten Regierung und Opposition in Ankara zugleich eine „Lebensgarantie“ für Türken und den Schutz ihres Eigentums in Deutschland. Dass auch die deutsche Bevölkerung bestürzt reagierte, viele Menschen gegen Ausländerhass demonstrierten, wurde mit Erleichterung registriert.

Der Journalist und Buchautor Baha Güngör aus Bonn, damals dpa-Korrespondent in Ankara, hat die Beisetzung der ermordeten Angehörigen der Familie Genç in ihrem Heimatdorf Mercimek in Nordanatolien miterlebt. „Es war eine ganz große Sache“, erinnert er sich. „Der türkische Staatspräsident Demirel und Regierungschef Inönü nahmen daran teil, aus Deutschland kam Außenminister Kinkel, leider nicht Bundeskanzler Kohl.“ Die Ereignisse von Solingen und Mölln hätten eine bedrückte Stimmung erzeugt, so Güngör. Aber viele Menschen hätten auf seine Frage nach ihrem Bild der Deutschen geantwortet: „Es gibt überall böse Menschen.“ Auch die Regierung in Ankara machte die Deutschen nicht pauschal verantwortlich, warnte aber vor einem Rückfall in die Nazizeit.

Damals hätten sich die Türken vor allem Sorgen über die Auswirkungen der Ereignisse auf den Tourismus gemacht, sagt Güngör. „Sie befürchteten, dass viele Deutsche aus Angst vor Racheakten nicht mehr in die Türkei reisen würden.“ Diese Sorge war unbegründet.

Die rechtsnationalistische Politikerin Meral Aksener, die jetzt bei den türkischen Präsidentschaftswahlen antritt, sagte damals: „Die Deutschen haben uns als Arbeitskräfte geholt, nachdem sie uns bis auf die Zähne untersucht haben. Da wir uns jetzt ‚in Deutschland festgekrallt‘ haben und sie uns nicht einfach ‚aus ihrem Land werfen‘ können, verbrennen sie uns“. Baha Güngör erinnert daran, dass sich viele Türken in Deutschland schon zu jener Zeit unerwünscht fühlten. „Man war immer beunruhigt, wenn Ereignisse wie Solingen passierten. Man sagte, anders als die Juden im Dritten Reich haben wir zum Glück eine Heimat.“

Bis heute erinnern türkische Medien bei jedem Wohnungsbrand, jeder Gewalttat gegen Deutschtürken an Solingen und Mölln. Vorwürfe des „institutionellen Rassismus“, der Fremdenfeindlichkeit und der Islamophobie gehören zum festen Wortschatz in der Berichterstattung über den Münchner NSU-Prozess. Dass die türkische Regierung die im Ausland lebenden Landsleute zu Recht als Schutzbefohlene ansieht, ist ebenso Konsens in der türkischen Bevölkerung wie die Überzeugung, dass es für den Außenminister Mevlüt Çavusoglu möglich sein muss, am Gedenktag in Solingen eine Rede zu halten.

Momentan sind die türkischen Medien so mit dem Wahlkampf beschäftigt, dass sie dem Solingen-Jahrestag noch keine große Aufmerksamkeit widmen. In der englischsprachigen „Hürriyet Daily News“ analysierte der Politologe Teoman Ertugrul Tulun vom Zentrum für Eurasische Studien in Ankara kürzlich die Auswirkungen des Anschlags auf die Türkei und Deutschland. „Zum 25. Jahrestag der Tragödie von Solingen müssen wir die Frage stellen: Was hat sich in Westeuropa seither geändert? In Österreich ist eine weit rechts stehende Partei, die 25 Prozent der Stimmen gewonnen hat, Teil einer Koalitionsregierung. In Deutschland hat erstmals seit Jahrzehnten eine rechtsextreme Partei den Sprung ins Parlament mit fast 13 Prozent der Stimmen bei allgemeinen Wahlen geschafft.“ Tulun zitiert den britischen Historiker Eric Hobsbawn, der schon 1991 die Befürchtung geäußert habe, dass Fremdenfeindlichkeit zur Massenideologie in Westeuropa werde. Er resümiert: „Leider ist die hässliche Vergangenheit Europas zu seiner Gegenwart geworden.“

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