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Anschlag in Weißrussland Rätselraten in Minsk

Die Behörden ermitteln wegen eines Terroranschlags in Minsker Metro und lässt die Redaktion einer regimekritischer Zeitung durchsuchen. Die Bevölkerung hält es für möglich, dass die Attentäter für den Geheimdienst arbeiten.

Die Polizei durchsucht am Dienstag die Passagiere der Metro in Minsk. Foto: Vladimir Nikolsky/rtr

Die Behörden ermitteln wegen eines Terroranschlags in Minsker Metro und lässt die Redaktion einer regimekritischer Zeitung durchsuchen. Die Bevölkerung hält es für möglich, dass die Attentäter für den Geheimdienst arbeiten.

Die ersten Blumen in der U-Bahn-Station Oktjabrskaja stammten vom Präsidenten selbst: Alexander Lukaschenko, seit 16 Jahren Oberhaupt von Weißrussland, besuchte schon nach Stunden den Ort, wo am Montagabend eine Bombe zwölf Menschen tötete und fast zweihundert verletzte. Durch Trümmer und Blutlachen ging er mit seinem sechsjährigen Sohn Nikolaj, so zeigte es das Staatsfernsehen. Dann berief er seine Minister ein. Die Täter „werden uns keine Ruhe geben“, sagte er grimmig. „Aber wer sind sie? Ich bitte, sich mit der Antwort zu beeilen.“

Der Bombenanschlag lässt Minsk nicht nur trauern, sondern auch rätseln. Es gibt, anders als in Russland, keinen bekannten Feind, der Anschläge verübt. Umso banger erwartet die Öffentlichkeit, wen der diktatorisch regierende Lukaschenko und seine Behörden schuldig sprechen werden. Um ein Selbstmordattentat handelte es sich offenbar nicht, gab Innenminister Anatoli Kuleschow bekannt. Der Sprengsatz wurde offenbar über Funk gezündet. Er befand sich in einer Sporttasche, zusammen mit Nägeln und Metallkugeln. Die Tasche explodierte unter einer Bank auf dem Bahnsteig zur Stoßzeit und riss einen Krater von fast einem Meter Durchmesser.

Große Nervosität

Wie der weißrussische KGB sagte, wird als Verdächtiger ein Mann im Alter von bis zu 27 Jahren gesucht. Abgesehen von einem Versuch zur allgemeinen „Destabilisierung“ der Lage oder der Tat eines verrückten Einzeltäters erwäge der KGB auch, ob es sich um die Rache jugendlicher Anarchisten am Geheimdienst handele. Es gab mehrere Festnahmen. Ermittelt wird mit Hilfe von angereisten Experten des russischen Geheimdienstes FSB. Die Ermittler durchsuchten auch die regimekritische Zeitung Nascha Niwa. Sie beschlagnahmten Videos und Fotos vom Anschlagsort, wie ein Mitarbeiter der FR sagte. Wie groß die Nervosität ist, zeigten Gerüchte über einen zweiten Anschlag, die auf den Brand eines Busses zurückgingen. Drei Minsker wurden wegen Verbreitung des Gerüchtes festgenommen, ihnen drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Lukaschenko wies die Behörden an, eine Verbindung zum Anschlag vom Juli 2008 zu prüfen. Damals hatte ein Sprengsatz auf ein von Lukaschenko besuchtes Straßenkonzert 50 Leute verletzt. Die Behörden nahmen damals Fingerabdrücke aller wehrpflichtigen Männer des Landes. Doch Täter wurden nie präsentiert.

Die Opposition kommt als Urheberin kaum infrage: Seit im Dezember 2010 Bürgerproteste gegen die Fälschung der Präsidentschaftswahl brutal niedergeschlagen wurden, werden die Gegner auf Schritt und Tritt überwacht. Von islamistischen Extremisten ist Weißrussland nicht bedroht.

Misstrauen in der Bevölkerung

Wenn es sich also um keinen Einzeltäter handelte, dann fällt der Verdacht zwangsläufig auf Gruppen innerhalb der Sicherheitskräfte. Bei einer Umfrage des regimekritischen Senders Radio Swaboda verdächtigten rund 1600 von 2000 Hörern die eigenen Geheimdienste. Ob diese dabei im Interesse Lukaschenkos oder gegen ihn handelten, wurde dabei offengelassen.
Der Verdacht zeugt vom extremen Vertrauensverlust in die Behörden. Offenbar traut man dem Regime alles zu, seit es jede Kritik im Keim erstickt. Zudem ist die wirtschaftliche Not des Regimes offensichtlich: In diesen Tagen kam es zu Hamsterkäufen von Zucker und Speiseöl, aber auch von Devisen. Vor zwei Wochen erst war die Zentralbank gezwungen, den weißrussischen Rubel abzuwerten und den Wechselkurs faktisch aufzuteilen. Seit Anfang des Jahres ging ein Fünftel der Devisenreserven verloren.

Jetzt verhandelt die Führung mit Russland und anderen Ex-Sowjetrepubliken über einen Drei-Milliarden-Dollar-Kredit. An Hilfe aus dem Westen ist nicht zu denken. Die EU etwa verhängte nach der Niederschlagung der Opposition Sanktionen gegen Minsk.
Daher kann nun jede Schuldzuweisung als Versuch gedeutet werden, der Notlage zu entrinnen. Die russische Zeitung Moskowskie Nowosti berichtete unter Berufung auf nicht genannte Quellen, die weißrussischen Ermittler verdächtigten ausgerechnet das mit Russland verfeindete Georgien des Anschlags. Das ist in etwa so glaubwürdig wie Lukaschenkos Vorwurf, Deutschland und Polen hätten im Dezember versucht, das Regime durch die Proteste zu stürzen.

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