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Anschlag in Manchester Jeremy Corbyn erntet Wut für die Wahrheit

Die Analyse zu den Ursachen des Anschlags von Manchester komme „zur Unzeit“: Die Konservativen reagieren verärgert auf die scharfe Kritik des Labour-Politikers.

Manchester
Die Princess Road in Moss Side, Manchester: Sicherheitsbeamte sind auf vielen Straßen präsent. Foto: AFP

Mit einem Frontalangriff auf die Sicherheitspolitik der konservativen Regierung hat Jeremy Corbyn am Freitag den britischen Wahlkampf wiederaufgenommen. Sein Land müsse sich stark zeigen gegenüber dem islamistischen Terrorismus, aber auch genau dessen Ursachen analysieren, sagte der Labour-Chef. Die Ursachen finden sich für ihn im „Krieg gegen den Terror“, in der britischen Beteiligung am Irak-Krieg und am Sturz des libyschen Diktators Gaddafi. Darauf hinzuweisen reduziere „in keiner Weise die Schuld jener, die unsere Kinder angreifen“.

Der libysch-stämmige Salman Abedi riss am Montagabend an der Arena-Konzerthalle seiner Heimatstadt Manchester 22 Menschen mit in den Tod, mehrere Dutzend erlitten teils lebensgefährliche Verletzungen. Unter den Toten sind sieben minderjährige Mädchen und zahlreiche Mütter und Väter, die ihre Kinder von einem Pop-Konzert abholen wollten. Wenige Stunden nach dem Bombenanschlag unterbrachen die Parteien den Wahlkampf bis Freitag.

Corbyn stützte sich bei seiner Rede auf Fachleute wie die frühere Chefin des Inlands-Geheimdienstes MI5, Eliza Manningham-Buller. Die hatte zu Protokoll gegeben, die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus habe durch den Irak-Krieg „erheblich“ zugenommen. Die unabhängige Irak-Untersuchungskommission kam zu dem Schluss: Erst nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 konnte Al-Kaida im Zweistromland Fuß fassen. Es sei „offensichtlich“, sagte Kommissionsmitglied Professor Lawrence Freedman am Freitag, „dass der Zorn über die Politik des Westens im Nahen Osten einen – aber nicht den einzigen – Faktor für den islamistischen Terror darstellt“.

Von den Tory-Ministern – May weilte auf dem G7-Gipfel in Taormina – musste sich Corbyn schwere Vorwürfe gefallen lassen. „Er entschuldigt Terrorismus“, sagte Verteidigungsminister Michael Fallon. Dschihadisten würden „nicht unsere Außenpolitik angreifen, sondern die Werte unserer Gesellschaft“, sekundierte der Sicherheits-Staatssekretär Ben Wallace. Die Liberaldemokraten, die 2003 als einzige gegen den Krieg gestimmt hatten, kritisierten Corbyns Timing. Vor der Bestattung der Todesopfer sei „nicht die Zeit“, bemerkte Parteichef Tim Farron.

Die nervöse Reaktion der Konservativen dürfte mit einer Wahlumfrage zusammenhängen, wonach der lange Zeit zweistellige Abstand zwischen Torys (43) und Labour (38) arg geschrumpft ist. Vor dem Anschlag geriet Premier May stark unter Druck, weil sie Vorschläge zur Neuordnung der Pflegeversicherung in ihrem Wahlprogramm binnen weniger Tage widerrufen hatte. Manchester bringt die einstige Innenministerin noch mehr in Schwierigkeiten, wurde doch unter ihrer Ägide das Budget der Polizei massiv gekürzt. Dadurch würden jetzt Streifenbeamte gerade in Problembezirken fehlen, argumentieren Kritiker.

Hingegen erhielt der Inlandsgeheimdienst MI5 zuletzt 2000 Mitarbeiter mehr. MI5 hatte Abedi kurzzeitig auch im Visier, verlor aber das Interesse an dem Halbwüchsigen. Man beobachte 3000 Dschihadisten, gab Staatssekretär Wallace zu bedenken. Weitere 9000 zähle MI5 zum Umfeld, darunter aber auch „viele Großmäuler, die nie im Leben wirklich eine Bombe anfassen würden“, so Wallace.

Der Uni-Abbrecher Abedi muss den bisher bekannt gewordenen Ermittlungsergebnissen zufolge seinen Anschlag mindestens ein Jahr lang geplant haben. Zum Zusammenbau mietete er eigens eine Wohnung im Zentrum Manchesters. Die dort hinterlassenen Spuren deuten darauf hin, dass Abedi mindestens eine weitere Bombe konstruiert haben könnte.

Die Kripo war auch am Freitag damit beschäftigt, Abedis Umfeld auf den Kopf zu stellen. Acht Männer zwischen 18 und 38 Jahren befanden sich noch in Polizeihaft. Übers verlängerte Wochenende – auf der Insel ist am Montag Feiertag – bleibt die Terror-Alarmstufe „kritisch“, die Behörden rechnen also mit einem weiteren Anschlag. Um den zu verhindern, ist Informationsaustausch mit anderen Geheimdiensten besonders wichtig; nach kurzzeitiger Unterbrechung wegen Leaks an die „New York Times“ kehrte die Kripo von Manchester am Freitag zur Praxis zurück, ihre eigenen Erkenntnisse umgehend an US-Dienste weiterzugeben – in der Hoffnung, umgekehrt Hilfe bei den Ermittlungen zu erhalten.

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