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Anschlag in Afghanistan Kabul - übernehmen Sie

Die USA übergeben klammheimlich die erste Provinz an Kabul – da muss die Friedensprognose schlecht sein. Wie zur Bestätigung tötet ein Anschlag einen engen Berater von Präsident Karsai.

Wo geht’s lang? Afghanische Soldaten bei einer Übung. Foto: rtr

In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist ein enger Berater von Staatschef Hamid Karsai bei einem Angriff getötet worden. Der frühere Gouverneur der südlichen Unruheprovinz Urusgan, Dschan Mohammed Chan, sei am Sonntagabend bei einem Angriff auf sein Haus in Kabul getötet worden, sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur AFP. Chan sei für Karsai ebenso wichtig gewesen wie dessen am Dienstag ermordeter Halbbruder Ahmed Wali Karsai. Laut einem Bericht des afghanischen Nachrichtensenders Tolo TV dauerte der Angriff auf das nahe dem Parlament gelegene Haus von Chan noch an.

Über die genauen Umstände der Tötung konnte der Regierungsvertreter zunächst keine Angaben machen. Chan gehörte wie Karsai dem einflussreichen südafghanischen Popalsai-Stamm der paschtunischen Volksgruppe an. Er war ein langjähriger Freund des afghanischen Staatschefs, gegen den die 2001 von der Macht vertriebenen radikalislamischen Taliban einen bewaffneten Aufstand führen.

Die ersten Soldaten reisen ab

Der Abzug hat begonnen, doch nicht mit lauten Fanfaren, sondern seltsam still und leise. Die Amerikaner holten nun die ersten 650 ihrer knapp 100.000 Soldaten aus Afghanistan heim. Zudem startete am Sonntag offiziell der Übergabeprozess, im Militärjargon „Transition“ genannt: In der besonders sicheren Provinz Bamiyan übernahmen afghanischen Sicherheitskräfte offiziell das Kommando von der Nato. Aus Angst vor Anschlägen hatte man das Datum jedoch vorher geheimgehalten.

„Die Übergabe fängt mit einem Wimmern an“, spottete ein westlicher Journalist. In den nächsten Tagen sollen sechs weitere Gebiete folgen, darunter auch die Stadt Masar-i-Scharif, wo 2000 deutsche Soldaten stationiert sind. Die Nato wird den afghanischen Truppen aber noch weiter zur Seite stehen. Während der kriegsmüde Westen dem Abzug entgegenfiebert, wächst in Afghanistan die Angst. Denn bisher bleibt US-Präsident Barack Obama ein Konzept schuldig, wie er das zerrissene Land vor einem neuen Bürgerkrieg bewahren will.

Kabuls Armee ist zu schwach

Der „Transition“-Plan klingt zwar simpel: So sollen bis Ende 2014 die Afghanen schrittweise selbst für ihre Sicherheit sorgen, damit die 150000 ausländischen Soldaten abziehen können. Doch das Ganze hat laut Experten einen Haken: Es werde scheitern. Die afghanischen Sicherheitskräfte seien zu schwach und untrainiert, um die Taliban niederzuhalten, meint etwa der Landeskenner und Autor Ahmed Rashid. Ohne eine Verhandlungslösung mit den Militanten drohe das Land nach Abzug des Westens wieder im Bürgerkrieg zu versinken, wie er bereits nach Abzug der Russen ausbrach. Das fürchten auch viele Afghanen – immer mehr versuchen, ihre Heimat zu verlassen.

Zwar verbreitet die Nato Optimismus: Man habe das Momentum der Taliban gestoppt und eine Wende erreicht. Doch Beobachter und Soldaten an der Front malen ein anderes Bild: Demnach hat die Nato in einigen Gebieten durchaus Erfolge vorzuweisen, ansonsten werde der Aufstand aber immer blutiger. Die USA setzen offenbar darauf, mit den Taliban einen notdürftigen Frieden auszuhandeln. Angeblich stehen sie in Kontakt mit den Militanten. Als Geste des guten Willen strich der UN-Sicherheitsrat nun 14 Taliban von seiner Terrorliste. Doch bisher ist unklar, welche Erfolgsaussichten solche Friedensgespräche haben – und vor allem, wer für die Taliban verhandelt und für welche Gruppen er spricht.

Verkompliziert wird ein Friedensdeal dadurch, dass die USA offenbar nicht daran denken, ganz abzuziehen, was bisher eine Kernforderung der Taliban ist. Washington ringt mit Afghanistans Präsidenten Hamid Karsai um eine „strategische Partnerschaft“. Das klingt harmlos, hat es aber in sich. Nach Medienberichten wollen die US-Amerikaner fünf riesige Militärbasen in dem Land, das auch an den Iran, China und Pakistan grenzt, dauerhaft nutzen. „Die Hinweise sind, dass die USA 20000 Soldaten in Afghanistan behalten werden, und das ist nur das bescheidenste Szenario“, schreibt der indische Politiker und Außenpolitik-Experte Shashi Tharoor.

Auch ist Friede ohne Afghanistans Nachbarn kaum vorstellbar. Daher verwundert, wie rasant sich die Beziehung zwischen den USA und Pakistan verschlechtern. Einfach war das Verhältnis nie, aber dass die Verbündeten nun in die tiefste Krise seit Jahren schlittern, scheint kein Zufall. Die USA froren sogar 800 Millionen Dollar ein, ein Drittel der Militärhilfe. Offiziell begründet Washington dies damit, dass Pakistan 125 US-„Militärtrainern“, von denen etliche wohl mehr spioniert als trainiert haben dürften, die Visa entzogen hatte – und dass Pakistan den Extremismus nicht genug bekämpfe.

Indien will mitmischen

Viele meinen jedoch, dass der Streit sich in Wahrheit um Afghanistan dreht. Während die USA selbst Friedenschancen mit den Taliban ausloteten, verlangten sie von Pakistan, einen Vollkrieg mit den Taliban anzufangen, damit Washington seine Truppen schneller aus Afghanistan abziehen könne, schreibt der pakistanische Analyst Imtiaz Gul. „Darin liegt der Kern der pakistanisch-amerikanischen Differenzen.“

Für Pakistan macht es aber wenig Sinn, es sich mit allen Taliban-Gruppen zu verscherzen, wenn die USA diese in Kabul an der Macht beteiligen wollen. Obendrein kämpft auch Pakistans Erzfeind Indien um Einfluss in Afghanistan. Delhi engagiert sich nicht militärisch, hat aber sagenhafte 1,5 Milliarden Dollar an ziviler Hilfe geleistet. Nervös wird in Pakistan verfolgt, dass US-Außenministerin Hillary Clinton nächste Woche nach Delhi reist. Eines der Hauptthemen, so die indische Zeitung „Mint“, werde die Zukunft Afghanistans sein.

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