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Anschlag auf Zug in Russland Terror gegen ein Symbol

Bei dem Sprengstoffanschlag auf der Zugstrecke Moskau - Sankt Petersburg starben mindestens 25 Insassen. Ein Terroranschlag gegen den Petersburger Clan Wladimir Putins titelt eine russische Internetzeitung. Von Stefan Scholl

Die Bombe auf der Strecke ließ den Zug von Moskau nach Sankt Petersburg entgleisen. Foto: afp

Viele der Passagiere schauten auf die mit fast 200 Stundenkilometer vorbei fliegenden Fichtenwälder, andere auf ihre Laptops oder auf die LCD-Monitore mit Kinofilmen, als das Unglück sie aus ihren ergonomischen Sesseln riss. Bei dem Sprengstoffanschlag auf der Zugstrecke Moskau - Sankt Petersburg am Freitagabend starben nach offiziellen Angaben mindestens 25 Insassen des Schnellzugs Newski Express. In einigen Quellen ist von fast 40 Toten die Rede. Etwa 100 Menschen wurden verletzt. Das Schicksal von 18 Menschen ist noch ungeklärt.

Experten schätzen die Sprengkraft der Bombe auf zwei bis sieben Kilogramm Trotyl. Die Terroristen hatten sie zwischen Kilometer 285 und 286 platziert, in einem menschenleeren und unwegsamen Gebiet im Waldai-Mittelgebirge. Offenbar wollten sie die Rettungsarbeiten erschweren.

Der Anschlag traf 21 Eisenbahnangestellte und 661 Fahrgäste, die bis zu 150 Euro für ihr Zugticket bezahlt hatten. Der Newski Express, seit 2001 in Betrieb, verbindet die Zentren beider Metropolen in viereinhalb Stunden - schneller, bequemer, auch teurer als die meisten Fluglinien.

Der Schnellzug gilt als Vorläufer jener modernen Infrastruktur, von der ganz Russland so sehnsuchtsvoll träumt. Während gewöhnliche Personenzüge auf anderen russischen Eisenbahnlinien oft 15 Stunden lang herumschaukeln, um die gleiche Entfernung zurückzulegen, fährt der Newski Express im Durchschnitt 144 Kilometer pro Stunde. Seine Bordbars sind bestens sortiert, die Hostessen jung und freundlich. Ein "Terroranschlag gegen die aus Piter", titelt die Internetzeitung gazeta.ru. "Die aus Piter", so nennt der russische Volksmund den Petersburger Clan Wladimir Putins. Der russische Premier gilt als Spitzenmann jener Seilschaft aus der nördlichen Hauptstadt, die in Moskau Karriere gemacht hat, aber Petersburg weiter als ihre Heimat betrachten. Während Putin selbst im Dienstjet reist, pendeln Hunderte seiner Gefolgsleute jedes Wochenende im Newski Express zwischen Moskau und Sankt Petersburg, "wie in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit", so der Radiosender Echo Moskwy.

Bei dem Anschlag starben Top-Beamte wie Boris Jewstratikow, der Chef der Föderalen Agentur für Staatsreserven, oder Ludmilla Muchina, stellvertretende Abteilungsleiterin der russischen Fischereiverwaltung. Schwer verletzt wurden der Verwaltungsleiter des Moskauer Bezirks Kusminki, Viktor Rodionow sowie seine Frau. Und das Massenblatt Komsomolskaja Prawda stellt die bange Frage, wann denn Anastasija Kolegowa, Ballerina des Petersburger Marientheaters, auf ihrer Japan-Tournee erfahren werde, dass auch ihr frisch angetrauter Gatte Sergej Tarasow, Chef des staatlichen Straßenbauamtes Rosawtodor, umkam.

Schon einmal, im August 2007, hatten Terroristen versucht, den Newski Express in die Luft zu jagen. Damals ging es glimpflich aus, 19 Verletzte mussten ins Krankenhaus. Hinterher wurden erst Petersburger Linksradikale verdächtigt, dann islamistische Terroristen. Zurzeit läuft ein Prozess gegen zwei Kaukasier, laut Anklage legten sie die Bombe im Auftrag des tschetschenischen Untergrunds.

Am Sonntag hat die ultrarechte Gruppe "Kombat18-Newograd" aus Sankt Petersburg sich in einem Internetschreiben zu dem neuen Anschlag bekannt. Allerdings betrachten viele Experten "Kombat18" eher als Trittbrettfahrer, schon deshalb, weil russische Neonazis bisher nie Jagd auf Bürokraten gemacht haben. So fahndet man wieder nach den üblichen Verdächtigen - linksbolschewistischen Extremisten oder der tschetschenischen Guerilla. Der Newski Express hat offenbar die gleichen Todfeinde wie das System Putin.

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