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Annelie Buntenbach zur AfD „Die Pläne sind zutiefst unsozial“

Rentenexpertin Annelie Buntenbach spricht über die Ideen der AfD zur Familienpolitik.

AfD
Fragwürdige Vorstellungen: Für die Familienpolitik der AfD hat Annelie Buntenbach wenig übrig. Foto: rtr

Frau Buntenbach, die AfD geriert sich als Anwalt der kleinen Leute, sie fordert niedrigere Steuern, gerechtere Renten, weniger Bürokratie und Vollbeschäftigung. Klingt fast wie ein Gewerkschaftsprogramm, oder?
Das mag so klingen, aber da gilt: Vorsicht an der Bahnsteigkante! Tatsächlich klaubt sich die AfD alle möglichen Forderungen zusammen und formuliert dann Allgemeinplätze ohne Substanz, die für ihre jeweilige Zielgruppe gut klingen. Viele Forderungen passen schlicht nicht zusammen. Andere widersprechen sich sogar. Vor allem sind die Vorschläge der AfD gerade nicht, was sie zu sein vorgeben: Sie sind nicht sozial.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel die Rentenpolitik: Die AfD tritt für eine abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren Lebensarbeitszeit ein. Das klingt erst einmal nicht schlecht. Die Rente mit 63, für die sich die Gewerkschaften eingesetzt haben, gibt es ja auch nach 45 Beitragsjahren in der Rentenversicherung. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man schnell den Riesenhaken am rechten Rentenmodell. Die AfD will nämlich das gesetzliche Renteneintrittsalter ganz abschaffen. Das aber bedeutet für viele Millionen Beschäftigte, dass sie erst mit 70 Jahren oder noch später in Rente gehen können.
 
Sie übertreiben.
Keineswegs. Selbst wenn man den Begriff der Lebensarbeitszeit großzügig auslegt, also Phasen des Krankengeldbezugs und der Arbeitslosigkeit voll anrechnet sowie die Pflege von Angehörigen und zehn Jahre Erziehungszeit pro Kind berücksichtigt, müssten 55 Prozent der Beschäftigten über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten, um auf eine 45-jährige Lebensarbeitszeit zu kommen. Mehr als 39 Prozent müssten bis 70 arbeiten, um abschlagsfrei in Rente gehen zu können. Von den Frauen im Westen wären davon sogar 55 Prozent betroffen.

Woher kommen die Zahlen?
Aus der Lebenswirklichkeit. Nehmen wir eine Ingenieurin, die mit 24 Jahren ihren Masterabschluss macht und ins Berufsleben einsteigt. Sie erreicht frühestens mit 69 eine 45 Jahre währende Lebensarbeitszeit – wenn sie denn auf ein Sabbatjahr verzichtet und ihr längere Arbeitslosigkeit oder schwere Erkrankungen erspart bleiben. Selbst eine Erzieherin, die nach dem Abi eine dreijährige schulische Ausbildung absolviert und sofort in einer Kita anfängt, könnte frühestens mit 67 in Rente gehen. Und was ist mit dem, der erst mit 30 nach Deutschland kommt, oder dem Angestellten, der sich nach 20 Jahren sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung selbstständig macht und deshalb keine Beiträge mehr an die gesetzliche Rentenversicherung zahlt? Die dürften dann völlig leer ausgehen. In Wirklichkeit läuft das Rentenkonzept der AfD auf einen Rentendiebstahl nie gekannten Ausmaßes hinaus. Die AfD will genau den Menschen, deren Belange sie angeblich vertritt, tief in die Tasche greifen. Ich nenne das zutiefst unsozial.

Immerhin will die Partei ein Familiensplitting einführen und so Millionen Haushalte entlasten.
Über ein Familiensplitting kann man durchaus reden, aber man sollte den Vorschlag im Zusammenhang mit anderen familienpolitischen Vorstellungen der AfD sehen. Was es darin nicht gibt, sind eine partnerschaftliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern oder der Zugang von Frauen zu einer eigenen sozialen Absicherung oder ein Familienbegriff, der gleichgeschlechtliche Partnerschaften und andere Lebensentwürfe einbezieht. Stattdessen vertritt die Partei ein komplett reaktionäres Familienbild, das mit dem Familiensplitting gefördert werden soll: Der Mann ist erfolgreich und verdient das Geld, die Frau steht am Herd, sorgt für die Kinder und hält dem Gatten „den Rücken frei“. Das ist ein Rückfall in die Adenauer-Ära oder sogar in die Zeit davor.
 
Wie bewerten Sie die arbeitsmarktpolitischen Forderungen der AfD?
Die sind das reinste Chaos. Auf der einen Seite will die AfD die Bundesagentur für Arbeit und damit faktisch auch die Arbeitslosenversicherung abschaffen. Um die Vermittlung sollen sich nur noch die kommunalen Jobcenter kümmern. Abgesehen davon, dass ein Nutzen für die Arbeitsuchenden schwerlich erkennbar ist, fordert die AfD an anderer Stelle bessere Leistungen aus jener Arbeitslosenversicherung, die sie doch eigentlich abschaffen will. Es gibt noch andere Unstimmigkeiten. AfD-Funktionäre geißeln die Hartz-Reformen immer wieder heftig, laut Leitantrag für den kommenden Parteitag sind die Gesetze im Grundsatz in Ordnung und müssten nur marginal verändert werden. Wie das zusammenpassen soll, weiß ich nicht, und die AfD weiß es offenbar auch nicht. Aber das ist der Parteiführung schnuppe. Denen geht es um Wählerfang. Sie tun genau das, was sie den alten Parteien immer vorwerfen: Sie versprechen das Blaue vom Himmel. Aber bei ihnen bleibt nur das Braune unterm Fingernagel.
 
Interview: Stefan Sauer

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier AfD

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