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Anhörung im Rechtausschuss Kinderärzte warnen vor Beschneidung

Bundesregierung und Bundestag wollen religiös motivierte Beschneidungen erlauben. Heute befasst sich der Rechtsausschuss mit dem Gesetzentwurf dazu. Doch der Verband der Kinderärzte hält an seinen Warnungen fest - und hat erschreckende Zahlen parat.

26.11.2012 12:43
Bettina Vestring
Die Bundesregierung schlägt vor, dass Beschneidungen unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleiben. Der Eingriff müsse aber nach den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgen. Foto: dapd

Vor dem Rechtsausschuss des Bundestags haben die deutschen Kinderärzte dringend davor gewarnt, die Beschneidung von kleinen Jungen aus religiösen Motiven zu erlauben. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, warnte davor, dass es bei Beschneidungen weitaus mehr unangenehme Folgen und Komplikationen gebe als allgemein vermutet. Die männliche Vorhaut erfülle wichtige Funktionen zum Schutz der sehr empfindlichen Eichel; sie schütze sie vor Schadstoffen, Reibung, Austrocknung und Verletzungen.

In seiner Stellungnahme berief sich Hartmann auf eine Umfrage, an der sich 458 Kinderarztpraxen in den letzten zwei Monaten beteiligt hätten. In der Zeit seit dem 1. Januar 2010 hätten sie insgesamt 1858 Patientenbesuche verzeichnet, bei denen es um Komplikationen in der Folge einer Beschneidung gegangen sei. In den meisten Fällen seien Infektionen festgestellt worden, in immerhin 249 sein eine neuerliche Beschneidung nötig gewesen. Dabei sei die überwiegende Mehrheit der Jungen von einem Arzt beschnitten worden.

"Es muss uns als Anwälten für das Kindeswohl erlaubt sein, Jahrtausende alte religiöse Riten und Gebräuche, die die körperliche Unversehrtheit eines minderjährigen und nicht einwilligungsfähigen Kindes dauerhaft beeinträchtigen, aufgrund neuer Erkenntnisse im 21. Jahrhundert zu hinterfragen", erklärte Hartmann. Er wolle ein Nachdenken darüber anregen, ob es nicht für Jungen möglich sei, in der religiösen Tradition seiner Eltern erzögen zu werden, ohne dass ihnen die Vorhaut beschnitten werde.

Gute Erfahrungen im Jüdischen Krankenhaus

Ärzte vom Jüdischen Krankenhaus in Berlin verwiesen in der Anhörung auf ihre eigenen Statistiken. Zwischen 2003 und 2012 seien in ihrem 1531 Beschneidungen durchgeführt worden. Gut ein Viertel davon seien Wunschbeschneidungen an neugeborenen jüdischen Jungen innerhalb der ersten beiden Lebenswochen gewesen. Insgesamt sei nur eine einzige schwere Komplikation mit Nachblutung bei einem vierjährigen Jungen beobachtet worden, der sich die Nähte und den Verband am Tag nach der Operation abriss.

Der Rechtsausschuss war am Montag zusammengetreten, um sich mit dem Gesetzentwurf der Bundesregierung zu befassen, der die Beschneidung von neugeborenen Jungen erlaubt. Jüdische und muslimische Verbände hatten ein solches Gesetz gefordert, nachdem das Landgericht Köln im Juni entschieden hatte, eine religiös motivierte Beschneidung als Körperverletzung einzustufen. Ein fraktionsübergreifender Alternativentwurf sieht dagegen vor, Beschneidungen erst ab 14 Jahren zu erlauben. Ihn werden allerdings keine großen Chancen eingeräumt.

Viele Juristen, viele Meinungen

Hartmann plädierte dennoch dringend dafür, mit der Beschneidung abzuwarten, bis ein Jugendlicher aufgrund seiner geistigen und körperlichen Reife in der Lage sei, selbst über diesen Eingriff zu entscheiden. "Die Befürworter der Beschneidung bagatellisieren diese Form der Körperverletzung, bei der es auch zu lebenslangen körperlichen und vor allem seelischen Verletzungen kommen kann, und werfen den Verfechtern des Kindeswohls immer wieder Antisemitismus vor", sagte er. "Das ist nicht hinnehmbar."

Äußerst kontrovers wird die Debatte über Beschneidungen auch unter Juristen geführt. Ein Teil der Strafrechtsexperten, die zu der Anhörung geladen waren, sahen den Gesetzentwurf als völlig unproblematisch an. Es sei richtig, den Eltern die Verantwortung darüber zu lassen, ob ihre männlichen Kinder beschnitten werden sollen. Andere Juristen hielten eine solche Erweiterung des Sorgerecht der Eltern dagegen für unzulässig.

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