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Angriffe gegen Roma in der Ukraine „Mittelalterliche Barbarei“

Der Überfall auf Roma in der Ukraine ist nicht das erste Pogrom dieser Art. Offenbar stacheln sich junge Neonazis in Russland und der Ukraine gegenseitig zu solchen Taten an.

Ukraine
Einer der Jugendlichen, die das Romalager bei Lemberg überfallen haben, vor Gericht. Foto: afp

Das sei ja nicht das erste Romalager, das in den vergangenen Monaten überfallen worden sei, sagte der ukrainische Innenminister Arsen Awakow am Montag in einer Talkshow. „Leider ist das mittelalterliche Barbarei.“ Wie üblich verdächtigte Awakow Anstifter aus Moskau: „Die Analytiker der Cyberpolizei haben uns die Kopie einer russischen Seite gezeigt.“

Am vergangenen Freitag fielen Jugendliche am Stadtrand der westukrainischen Stadt Lemberg über das Zeltlager einer Romafamilie her. Sie töteten einen 24-Jährigen mit 15 Messerstichen und verletzten vier weitere Personen schwer, darunter einen 10-jährigen Jungen und seine Mutter, die versucht hatte, ihr Kind mit ihrem Körper vor den Messerhieben zu beschützen. Nach Angaben der Polizei machte man 14 Tatverdächtige dingfest, zum Großteil minderjährige Schüler.

Die Menschenrechtsbeauftragten des Europarats und der deutschen Regierung sowie die US-Botschaft in Kiew forderten die Ukraine auf, die Schuldigen zügig zu bestrafen und weitere Übergriffe gegen Roma zu verhindern. Auch in der Ukraine wird über die Tat heftig debattiert. Wie üblich suchen die Offiziellen die Verantwortung beim verfeindeten Russland, außer Awakow auch Geheimdienstchef Wassili Grizak. Umgekehrt häufen sich Stimmen, die die Sicherheitsorgane kritisieren. Und Awakow steht selbst im Zwielicht.

„Es hat vorher mehrere Pogrome gegen Roma gegeben, bei denen die Schuldigen ohne ernsthafte Strafen davongekommen sind“, sagt Irina Bekeschkina, Leiterin der Kiewer Stiftung „Demokratische Initiative“. Und das Kulturministerium klagte in einer gemeinsamen Erklärung mit der Arbeitsgruppe für die Integration der Roma, schon vor zwei Jahren seien im Dorf Loschtschinowka bei Odessa Roma vertrieben und ihre Häuser zerstört worden. Danach habe man in Olschany in der Region Charkow einen Rom erschossen, ohne dass bisher jemand dafür verurteilt worden sei. Im vergangenen Jahr schlugen Lemberger Einsatzpolizisten bei einer Razzia gegen Roma Türen und Fenster mit Vorschlaghämmern ein und schleppten ihre Gefangenen in Unterwäsche auf die Wache.

Rechte Szene in Kiew

Allein in den vergangenen drei Monaten wurden im Raum Kiew drei Romalager von Nationalisten gestürmt, in den Regionen Lemberg und Ternospyl je eins, diese Pogrome blieben ohne Todesopfer. „Aber wovon haben sich die Jugendlichen, die den Mord in Lemberg begangen haben, leiten lassen?“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. „Und genauer, wer hat sie angeleitet?“ Ukrainische Medien berichten, dass die Lemberger Messerstecher der Neonazigruppe „Nüchterne und böse Jugend“ angehörten. Und dass sie die Symbolik der rechtsradikalen „Misanthropie Division“ verwendeten. Diese Angaben führen allerdings in völlig unterschiedliche Richtungen.

In Kiews rechter Szene wird daran gezweifelt, dass die „Nüchterne und böse Jugend“ mehr darstellt, als nur eine Gruppe in den sozialen Netzwerken. „Das ist im Grunde keine Organisation“, sagt Jewgen Karas, Führer der Naziformation „S-14“, die im April selbst in Kiew ein Romalager niedergebrannt haben soll, dem Portal RBK Ukraina.

Aber tatsächlich gibt es auch im russischen Sozialnetz Vkontakte diverse Gruppen, die sich sehr ähnlich nennen und sehr ähnlich gesonnen sind. Zwar versichert der gleichnamige russische Kanal, die ukrainische „Nüchterne und böse Jugend“ sei ein Plagiat und man habe nicht das Geringste mit ihrer Aktion zu tun. Aber auch die russische Gruppe mit 2700 Abonnenten postet Hakenkreuze und Hitlergrüße sowie eindeutige Sprüche: „Ein Mann ohne Messer ist kein Mann.“

Offenbar haben sich die jungen Neonazis in Russland und der Ukraine gegenseitig beseelt. „Radikalismus gibt es ja nicht nur in der Ukraine und Russland“, sagt Politologin Bekeschkina. „Und dahinter verbirgt sich nicht nur Armut, sondern auch Wut auf die Gesellschaft, das Gefühl, sich nicht verwirklichen zu können. Vor allem bei jungen Menschen.“

Die Lemberger Messerstecher aber werden auch mit der rein ukrainischen Bewegung „Misanthropische Division“ in Verbindung gebracht. Die „Misanthropen“ sollen 2013 von rechtsradikalen Charkower Fußballfans gegründet worden sein. Viele ihrer Mitglieder traten zu Beginn des Donbasskriegs 2014 in das nationalistische „Bataillon Asow“ ein. Dieses wiederum soll sich in den vergangenen Jahren nach Ansicht zahlreicher Politologen der nationalliberalen Partei „Volksfront“ angenähert haben, zu deren Führern Awakow gehört.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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