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Angriff auf Diplomatenviertel in Kabul Die müde Offensive der Taliban

Die Attacken der Taliban in Kabul laufen sich schnell tot. Sie sind entgegen der Bekundungen der Extremisten kein Beweis der Stärke, sondern machen einen politischen Dialog immer realistischer.

Ein afghanischer Polizist vor einem Militärfahrzeug der NATO in Kabul. Foto: REUTERS

Afghanistans Regierung brauchte gerade mal einen Tag, um die üblichen Verdächtigen zu identifizieren. Bei den Taliban, die am Sonntag das Machtzentrum Kabuls in ein Schlachtfeld verwandelten, habe es sich um Leute der „Hakkani-Fraktion“ gehandelt. Später warf sie den afghanischen und ausländischen Geheimdiensten dann noch Versagen vor. Bei den Kämpfen, die gut 17 Stunden dauerten, waren mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen.

Mit der Schuldzuweisung an jene im benachbarten Pakistan beheimateten Talibanmilizen, die im Allgemeinen die Selbstmordattentäter beisteuern, lenkt Kabul den Blick auf eine unverrückbare Wahrheit: Egal wie stark die Sicherheitskräfte des Landes aufgerüstet werden, es gibt keine vollkommene Sicherheit.

Die Angriffe, von den Taliban etwas vollmundig als Beginn einer „Frühlingsoffensive“ gefeiert, waren freilich auch kein Beweis der Stärke. Sie zeigten, dass ein paar zu allem entschlossene Kämpfer Kabul zwar verunsichern können, aber dann aufgerieben werden. Die Bewohner reagieren zudem mit gesundem Menschenverstand. Sie suchen Schutz in ihren Häusern und schlagen sich auf keine der Seiten im Konflikt.

Keine Bewährungsprobe für Sicherheitskräfte

Die Attacke kann aber ebenso wenig als Bewährungsprobe für die afghanischen Sicherheitskräfte gewertet werden. Denn sie wurden massiv von der Internationalen Schutztruppe unterstützt. Das große Problem der Armee besteht nach wie vor. Sie ist ethnisch nicht repräsentativ. Es gibt viel zu wenige Paschtunen in ihren Reihen. Zudem haben selbst ihre Generäle wenig Gutes über die eigenen Soldaten zu sagen. Sie könnten, so heißt es, jeden Tag davonlaufen.

Der Angriff in Kabul erweckte einerseits die selbstgefälligen Optimisten aus ihren Träumen, wonach die Taliban immer schwächer werden. Aber vor allem bestätigt die Attacke die alte Binsenweisheit, wonach die Regierungsseite die Milizen nicht besiegen kann und die Taliban die Karsai-Regierung nicht vertreiben können. Das ist, so sollte man meinen, eine ideale Voraussetzung für eine politische Lösung.

Die Taliban zieren sich aber. Und die Nato braucht einen solchen Deal, nachdem sie die Dummheit beging, der Welt ein Datum für ihren zu nennen. Die Taliban stellen ihre Strategie auf diesen Zeitpunkt ab und sehen einen Dialog als Instrument, ihre Position zu stärken. Die Frühjahrsoffensive gilt ihnen als ein probates Mittel dazu, und sie hilft der Taliban-Führung auch, nach den schweren Verlusten der vergangenen zwei Jahre müde gewordenen Kämpfern vorzugaukeln, der Sieg der islamistischen Sache rücke näher.

Unzufriedene junge Taliban

Das gilt vor allem für die pakistanischen Taliban, bei denen die Unzufriedenheit wächst. Mullah Omar, Chef der afghanischen Milizen und auf dem Papier auch Führer des pakistanischen Ablegers, legte 2011 die Prioritäten klar: Erstmal müsse man in Afghanistan gewinnen, und daran hätten sich auch die pakistanischen Kampfgenossen zu halten. Islamabads Sicherheitskräfte verleihen dem Nachdruck, indem sie ihre schützende Hand über die Omar-Gefolgsleute halten und die radikalsten Elemente zunehmend unter Druck setzen. Unter den Extremisten steigt seit Monaten die Wut auf Islamabad und auf Mullah Omar, weil man Verrat wittert. Auch in den eigenen, afghanischen Reihen muss Omar sich gegen die Ansprüche und Vorstellungen seiner jüngeren – radikaleren – Kommandeure wehren.

Deshalb sollte man die militärische Bedeutung des Angriffs nicht überbewerten. Sie fiel zwar spektakulär aus, aber der Spuk war nach Stunden vorüber. Weitreichender sind die politischen Folgen: Bei einer Bevölkerung, die wieder einmal verunsichert wird; bei Talibankämpfern, die sich am Heldentum ihrer Kampfgenossen berauschen – und bei den afghanischen Politikern, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen.

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