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Angela Merkel und Joachim Löw Schön war die Zeit

Lange lief in Deutschland alles rund – heute stehen Angela Merkel und Joachim Löw vor allem für die Sattheit und Selbstgefälligkeit längst vergangener Sonnenjahre.

Angela Merkel und Joachim Löw
Vereint als Repräsentanten einer goldenen Generation: Angela Merkel und Joachim Löw nach der Weltmeisterschaft 2014. Foto: imago

Zum Auftakt ein Blick in den Abgrund: „Unser Land steht vor gewaltigen Aufgaben. Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel. Millionen Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes sind in einer nie da gewesenen, kritischen Lage. Die bestehende föderale Ordnung ist überholt. Und wir müssen uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten.“ Mit diesen düsteren Worten wendet sich Bundespräsident Horst Köhler am 21. Juli 2005 in einer Fernsehansprache an die Deutschen. Er teilt Ihnen mit, dass er den Bundestag aufgelöst und Neuwahlen für den 18. September angesetzt habe. 

Manchmal lohnt sich ein Blick zurück, um die Dimension des Gegenwärtigen richtig einordnen zu können. Wir erleben heute eine aufgewühlte politische Landschaft wie selten zuvor in der Bundesrepublik. Niemand vermag zu sagen, ob die jetzige Regierung im Herbst noch im Amt sein wird. Das war vor 13 Jahren nicht anders. Die rot-grüne Koalition von Gerhard Schröder hatte den Bundesbürgern eine radikale Reform der Sozialsysteme verordnet und damit wütende Proteste ausgelöst. Köhlers Beschreibung der Rahmenbedingungen ist düster, aus der Sicht eines konservativen Bundespräsidenten, der sich den Wechsel zu einer konservativ geführten Regierung durchaus wünscht. Aber sie ist nicht falsch. Die nach der Vereinigung mit der DDR so prosperierende Bundesrepublik war in eine ökonomisch-politische Sackgasse geraten, sie gilt in der EU als kranker Mann, als Belastung und Gefahr für die ganze Union. 

Um den deutschen Fußball ist es nicht viel besser bestellt. 2004 war die Nationalmannschaft zum zweiten Mal nacheinander schon in der Gruppenphase einer Europameisterschaft gescheitert, der Glaube an eine bessere Zukunft geschwunden. Allerdings war mit Jürgen Klinsmann als Nationaltrainer schon ein radikaler Wechsel eingeleitet, noch mit offenem Ergebnis und von vielerlei Kritik und Häme begleitet. Auch das ein Ausdruck der miesen Stimmung im Land.

Angela Merkel führt die CDU/CSU mit einem neoliberalen Programm in den Wahlkampf, das die Agenda-2010-Reformen Schröders noch bei Weitem übertrifft. Man erinnert sich vielleicht noch an den Begriff Kopfpauschale – Merkels Plan ist, die solidarische Krankenversicherung so umzubauen, dass jeder Versicherte, egal, ob Manager oder Pförtner, einen gleichen Grundbeitrag zahlt. Das kommt in der Bevölkerung nicht gut an. Einer der schärfsten Kritiker stammt aus der CSU. Er heißt Horst Seehofer, damals einer der führenden Sozialpolitiker der Union. Und einer, der offene Rechnungen nicht vergisst. 

Angela Merkel ist den Deutschen damals durchaus bekannt, als überraschend entschlossene Machtpolitikerin. Sie führt schon einige Jahre die CDU, nachdem sie den Niedergang Helmut Kohls und die Unentschlossenheit seiner Anhänger kühl für den Griff nach dem Parteivorsitz genutzt hatte. Der so sicher geglaubte Wahlsieg fällt im September 2005 dann aber viel knapper als erwartet aus. Die Union ist nur wenig stärker als die Sozialdemokraten, Merkel wird zwar Kanzlerin, aber eingehegt von erfahrenen Ministern der SPD. Ihre erste große Koalition nimmt die Arbeit auf, geführt von einer Kanzlerin, der viele das Amt nicht zugetraut haben. Eine protestantisch geprägte Frau aus dem Osten, das war so ziemlich das Gegenteil dessen, was die über Jahrzehnte männlich-westdeutsch und immer auch wenig katholisch geprägte CDU kannte. Das Wort von der Zonenwachtel macht in der Partei die Runde, die gewiss nicht lange durchhalten werde. 

Merkels kooperativen Stil empfanden viele als Wohltat

Wir wissen heute, wie falsch diese Einschätzung war. Die Deutschen entdecken eine erstaunliche Kanzlerin, die es schnell versteht, Sympathien weit über ihre Partei hinaus zu erwerben. Wie oft in ihrer Karriere, kommen ihr dabei glückliche Umstände zu Hilfe. Die Bundesrepublik hat anstrengende Jahre mit den Machos Gerhard Schröder und Joschka Fischer an der Spitze hinter sich. Die Atmosphäre ist durch die scharfen parteipolitischen Auseinandersetzungen vergiftet und die Öffentlichkeit der oft selbstverliebten Inszenierung der Machtmänner überdrüssig. 

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