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Angela Marquardt Auf der Suche nach der Wahrheit

Die frühere PDS-Politikerin Angela Marquardt hat ein Buch über ihre Kindheit geschrieben, die sie an die Stasi verlor.

Angela Marquardt hat sich nicht verändert. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Das Bemerkenswerteste an Angela Marquardt ist vielleicht, dass sie immer noch ein bisschen so aussieht wie früher. Andere Menschen wandeln sich zwischen Anfang 20 und Mitte 40 ja zuweilen grundsätzlich. Die Kleidung wird spießiger, die Haare werden akkurater, das Auftreten bürgerlicher. Bei Marquardt ist das nicht so. Sie trägt eine ähnliche Frisur, an den Seiten rasiert, über dem Kopf nach oben gekämmt, dazu ein Piercing über der linken Augenbraue, zahlreiche Ringe an Ohren und Fingern, einen gelben Kapuzenpulli, eine an den Unterschenkeln bestickte Jeans und schwere schwarze Schuhe, wo einst vielleicht Springerstiefel gewesen wären. Der Gesamteindruck ist weniger schrill. Aber der Ausdruck ist geblieben. Als der Fotograf die 43-Jährige auf dem Flur der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften fragt, ob sie nicht das blaue Halstuch ablegen wolle, lehnt sie ab. Marquardt will keine Zugeständnisse machen.

Wer so aussieht, der hat entweder seine innere Mitte gefunden. Oder er bleibt alten Mustern verhaftet. Auf Angela Marquardt trifft beides nicht zu. Sie erscheint weiterhin als der Punk, der Anfang der 90er Jahre die öffentliche Bühne betrat und zunächst seine alte Partei, die PDS, und dann die Talkshows erfrischte. Doch sie ist nicht mehr die Getriebene. Marquardt will vielmehr in einem sehr planvollen Akt und vor aller Augen zunächst die eigene und überaus schmerzvolle Geschichte aufarbeiten, um danach vielleicht ein neues Leben zu beginnen. Während der Rest der Republik das Thema Staatssicherheit längst zu den sprichwörtlichen Akten gelegt hat, holt die Mecklenburgerin es auf 233 Buchseiten unter dem Titel: „Vater, Mutter, Stasi – Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch) abermals hervor.

Dabei ist auch der Ort des Gesprächs mit ihr bewusst gewählt. Angela Marquardt wollte sich in einem Konferenzraum der Akademie am Berliner Gendarmenmarkt treffen, so schafft sie einen maximal sachlichen Rahmen für eine maximal persönliche Angelegenheit. Eine Stunde lang gibt es nun nur sie, den Besucher und ihre Geschichte.

Menschen, die sich mit Marquardts Leben auskennen, wundern sich. Das vermeintlich Neue ist seit fast 13 Jahren bekannt. Im Prinzip. So kam die Bild-Zeitung am 12. Juni 2002 mit der Schlagzeile auf den Markt: „Enttarnt: PDS-Star Marquardt war Stasi-IM“. Ein Journalist hatte über minderjährige Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit recherchiert. Dabei stieß er zufällig auf den buntesten Vogel, den die Partei des Demokratischen Sozialismus seinerzeit zu bieten hatte: auf Marquardt, zeitweilig stellvertretende Vorsitzende. Die Geschichte sorgte für Aufsehen, natürlich. Marquardt war erst 14, als sie der Stasi von ihren Eltern regelrecht zugeführt wurde. Vor allem hatte sie in den eigenen Reihen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur geworben und Belastete nicht geschont. Da schien eine aus dem Glashaus mit Steinen zu werfen. Das gab der Sache Wucht.

Angela Marquardt war überrascht. Sie sagte, sie könne sich an vieles gar nicht mehr erinnern. Und dass sie doch noch ein Kind gewesen sei, das sagte sie auch. Der Immunitätsausschuss des Bundestages kam zu dem Ergebnis, dass keine wissentliche Verstrickung vorlag. Ohnehin hatte die Faszination des Themas Stasi bereits abgenommen. Und dann stand noch die Wahl des Parlaments bevor, dem die mit 30 Jahren immer noch junge Genossin angehörte und bald nicht mehr angehören sollte, da die PDS die Wahl krachend verlor. Marquardts Geschichte sorgte also nur vorübergehend für Wirbel, hat aber bei ihr, selbstverständlich, Spuren hinterlassen. Genossen reagierten mit Häme. Ein Gewerkschafter rief bei einer Demo: „Ist das nicht die Stasi-Schlampe von der PDS?“ Und spuckte aus. In der „Berliner Zeitung“ war damals zu lesen, was sich rückblickend als prophetisch erweist: „Sie wird das tun müssen, was sie von allen anderen verlangt: Nach der Wahrheit suchen, sich erinnern und alles offenlegen.“

Jetzt hat Marquardt, die seit 2008 der SPD angehört und für Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles arbeitet, sich genau dazu entschlossen. Vordergründig ist ein äußerer Anlass ausschlaggebend. So traf sie im November 2013 im heimischen Greifswald auf ihren ehemaligen Führungsoffizier Jörg S. Während sie die Last ihrer Geschichte bis heute spürt, spürt der, der ein Netz von 20 IMs koordinierte und eigentlich etwas spüren müsste, offenbar gar nichts. Tatsächlich war die Zeit reif, die ganze Geschichte zu erzählen.

Marquardt, die ein ums andere Mal die Beine übereinanderschlägt und mal in diese und mal in jene Richtung schaut, sagt, der Lohn für die Mühe sei, „dass ich meine Angst verliere. Ich löse die eine Angst mit der anderen ab.“ Die Angst, dass „mir wieder andere eine Lesart meines Lebens überhelfen“, mit der Angst vor der Reaktion auf die ungeschminkte Wahrheit. Die Antwort auf die Frage, warum es das Buch gibt, gibt das Buch selbst, in dem es einen doppelten Missbrauch schildert.

Der Stiefvater Angela Marquardts erweist sich als Ungeheuer. Bei einer Fahrt in die Ferien geht der Mann namens Michael mit dem neunjährigen Mädchen auf der Insel Rügen in eine Pension, missbraucht es dort und wird es von da an tun, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Das hatte Marquardt bislang für sich behalten. Sie kann sich nicht wehren. Wie sollte sie auch, als Neunjährige? Der Alkoholiker-Stiefvater, an einem Theater beschäftigt, ist Inoffizieller Mitarbeiter des MfS – wie die Mutter. Eines Tages beginnen sie, die Tochter auch politisch zu missbrauchen. Auf die Vermittlung der Eltern hin arbeitet sie ab dem 14. Lebensjahr ebenfalls als IM und unterschreibt bald eine Verpflichtungserklärung. Stasi-Leute gehen bei den Marquardts ein und aus und geben der Tochter das Gefühl, wichtig und anerkannt zu sein. Sie gehören gleichsam zur Familie, so dass die kleine Angela die Ungeheuerlichkeit gar nicht als solche erkennen kann, sondern davon ausgehen muss, das alles sei letztlich normal.

Sie gibt Informationen über Mitschüler preis, die konfirmiert waren oder deren Familien einen Ausreiseantrag gestellt hatten, und berichtet, dass irgendjemand dem Neuen Forum nahestehe. Später kommt die Stasi auf die Idee, dem nicht religiösen Mädchen, das eigentlich Leistungssportlerin bei der Nationalen Volksarmee werden will, ein Theologiestudium schmackhaft zu machen. Das Kalkül der Staatsmacht ist so klar wie irre. Jugendcliquen und Schulklassen gelten als unzugänglich. Um zu erfahren, was dort gedacht und getan wird, braucht man junge Spitzel. So eine wie Angela. 1989 gab es rund 1300 von ihrer Sorte. Und für die unter Oppositionsverdacht stehenden Kirchen kann man Spitzel erst recht gut gebrauchen. Marquardt findet dieses System heute „nicht nur pervers, sondern auch perfide“. Sie hat Glück, dass die Mauer fällt und der Spuk endet.
Bis dahin ist freilich schon genug passiert. „Vater, Mutter, Stasi“ gibt einen tiefen Einblick in einen emotionalen, sexuellen, politischen und damit letztlich umfassenden Missbrauch eines jungen Menschenlebens, der verstörend ist. Als der Fall publik wurde, war es der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der die Geschichte der PDS-Fraktion mitteilte. Heute sagt er: „Das ist eine furchtbare Geschichte. Als ich das gelesen habe, hätte ich beinahe geheult.“

Frei ist Marquardt bis heute nicht

Als Angela Marquardt im Sommer des Jahres 2002 im Immunitätsausschuss Rede und Antwort stehen musste, reagierten die Abgeordneten Eckart von Klaeden (CDU) und Steffi Lemke (Grüne) unverständig. Der Niedersachse von Klaeden wusste wahrscheinlich nicht allzu viel von der DDR. Lemke, in der DDR aufgewachsen und oppositionell gesinnt, konnte nicht glauben, dass die ungefähr Gleichaltrige mit 15 nicht gewusst haben wollte, was die Stasi war. Für Marquardt zeigte sich, dass Menschen in demselben und dennoch einem ganz anderen Land leben konnten. Allein der Liberale Max Stadler lief aus Verzweiflung aus dem Saal. Der noble Niederbayer sagte, man könne einem Heranwachsenden doch aus all dem keinen Strick drehen.

Kann man nicht? Marquardt, so viel steht fest, ist der Sache nun im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund gegangen, hat alle verfügbaren Akten durchgesehen, sich beim Stasi-Unterlagen-Beauftragten Roland Jahn Rat geholt, mit Zeitzeugen und möglichen Opfern gesprochen. Sie ist, unterstützt von der Co-Autorin Miriam Hollstein, um Distanz bemüht, was dem Buch guttut. Es ist nicht weinerlich, sondern nüchtern. In dieser Nüchternheit hat Selbstbehauptung ebenso Platz wie Scham, Schuld und Wut. So steht in einem der ersten Berichte über den angehenden Inoffiziellen Mitarbeiter „Katrin Brandt“, Marquardts Aliasname: „Es wird eingeschätzt, dass der IM-Kandidat konkreter zur Informationsgewinnung genutzt werden kann, da er ohne Vorbehalte auf Meinungen und Anfragen des MfS positiv reagiert.“ Daher rührt die Scham. An anderer Stelle steht, es bestehe „kein generelles Vertrauensverhältnis zum MfS“. Dazu schreibt Marquardt: „Es sind solche Sätze, die mich an meine Würde glauben lassen – auch als Minderjährige.“ Ja, sie geht mit sich ins Gericht.

Kurz nach dem Mauerfall drückte man Angela Marquardt auf dem Berliner Ku’damm einen Sticker in die Hand mit der Aufschrift „Ich bin frei“. Doch frei ist sie bis heute nicht. Stattdessen spricht sie von „Schuldgefühlen, mit denen ich ein Leben lang klarkommen muss“. Das Buch ist der Versuch, Freiheit zu gewinnen, das immerhin.

Dass ausgerechnet die Frau, die in der PDS für DDR-Aufarbeitung kämpfte wie wenige andere, ihre eigene Verstrickung zunächst der Verdrängung anheimgab, ist einerseits ein Rätsel. Andererseits ist Verdrängung wohl in keinem Fall naheliegender als in diesem. So stieß die längst erwachsene Frau beim Studium der Akten auf den Umstand, dass nicht bloß ihre Mutter, ihr Stiefvater und sie für die Stasi gearbeitet hatten, sondern auch der Opa. Der hörte seinerseits nicht etwa aus Einsicht auf mit der Spitzelei, sondern weil er in ein Neubaugebiet umzog, in dem es genug Spitzel gab. Über den Augenblick, als sie dessen gewahr wird, schreibt Marquardt: „Ich saß wie betäubt im Lesesaal (der Stasi-Unterlagenbehörde) und hatte nur einen Gedanken: Ich will diese Familie nicht.“

Angela Marquardt ist sich nicht sicher, wie die Reaktionen ausfallen werden – zumal sie es ihren alten Freunden in der Linkspartei nicht erspart, die DDR auch im Lichte der eigenen und reflektierten Erfahrungen umso energischer einen Unrechtsstaat zu nennen.
Überhaupt ist sie unsicher, vermutlich weil sie insgeheim nach Geborgenheit sucht. Wie früher.

„Ich werde sicher alles erleben“, sagt Marquardt am Ende des Gesprächs in dem Raum in der Berliner Akademie. „Es werden Leute kommen und mir vorwerfen, dass ich versuche, mich reinzuwaschen. Manche sagen mir, dass sie’s mutig finden und fragen: Warum holst du diese Geschichte wieder hoch? Ist doch egal.“

Nein, ihr sei es nicht egal, sagt sie zum Abschied. „Ich versuche, die Hoheit über meine Biografie zurückzubekommen. Es geht nicht darum, zu sagen: Versteht mich alle.“

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