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Anatomie einer Tat 60 Stunden Amok

Nach dem Massaker von Bombay: Wie konnte es zehn Männern gelingen, ein Stadtviertel zu terrorisieren? Wir rekonstruieren die Tat und blicken auf ihre Akteure. Von Christoph Albrecht-Heider

06.12.2008 00:12
Der mit einer Kalaschnikow bewaffnete Terrorist Azam Amir Kasab im Victoria-Bahnhof, wo die Terrorgruppe wie an allen Tatorten wild auf Menschen schoss. Kasab hat als einziger Terrorist überlebt - und wird seit seiner Gefangennahme verhört. Foto: AP

Azam Amir Kasab, 21, ist ein Massenmörder. Er hat in der Nacht vom 26. auf den 27. November im Zentrum Bombays Menschen erschossen, mutmaßlich mehrere Dutzend. Der Pakistani Kasab ist, so viel man weiß, der einzige überlebende Terrorist des Massakers von Bombay. Er wird seit seiner Festnahme am 27. November von indischen Sicherheitskräften vernommen, wieder und wieder. Es ist ziemlich sicher, dass Kasab gefoltert wird, es ist möglich, dass er unter dem Einfluss von Drogen, dem sogenannten Wahrheitsserum, verhört wird. Viele Informationen über Ablauf und Hintermänner der Terrorattacke stammen von dem Mann, der sich Azam Amir Kasab nennt. Was er erzählt, lassen Polizisten portionsweise über Medien des In- und Auslandes durchsickern. Welche Informationen Kasabs welchen Wahrheitsgehalt haben, ist schwer zu sagen.

Am Sonntag, 23. November, gehen zehn Männer, die der Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba zugerechnet werden, im Hafen von Karachi an Bord der "Al Husseini", einem Frachter mit sieben Mann Besatzung. Karachi ist die größte und wirtschaftlich wichtigste Metropole Pakistans, der Hafen einer der bedeutendsten des Vorderen Orients. Allein 300 000 Fischer leben in der Stadt, die mit ihren 14 Millionen Einwohnern kaum kleiner als Bombay ist. Von Karachi bis Bombay sind es auf dem Seeweg übers Arabische Meer knapp 1000 Kilometer; ein kleines Schiff schafft die Strecke in zwei bis drei Tagen.

Am 14. November hat der Fischkutter "Kuber" die indische Hafenstadt Porbandar verlassen, die zwischen Bombay und Karachi im Bundesstaat Gujarat liegt. Die Küstenregion lebt vom Meer, allein in Porbandar gibt es 6000 Fischer mit 1500 Booten. Die "Kuber" tuckert nach Norden, in Richtung Sir Creek, ein Meeresarm im Grenzgebiet von Pakistan und Indien, dessen Fanggründe von pakistanischen wie indischen Trawlern aufgesucht werden. Vier Seeleute und Kapitän Amar Naryan bilden die Besatzung des 15 Meter langen Kutters, der am Morgen des 13. November eine Tonne Lachs, Aal und Pomfret in Porbandar angelandet hat und danach wieder ausgelaufen ist. Naryan hält regelmäßig Verbindung mit den Besitzern des Schiffes an Land; ab dem 22. November hören sie nichts mehr von der "Kuber".

Es muss der 23. oder 24. November sein, an dem das Terrorkommando auf der "Al Husseini" die "Kuber" auf offener See kapert. Es ermordet die Besatzung, wirft die Leichen über Bord und lässt nur Kapitän Naryan - vorläufig - am Leben, weil er die Bande mit seinem unverdächtigen Kutter nach Bombay bringen soll, zuletzt durch indische Gewässer.

Zu den vielen Spekulationen, die sich um das Bombay-Massaker ranken, gehört, dass Naryan bestochen worden ist oder dass er vielleicht unter Druck stand, weil er, wie viele seiner Kollegen, schon mal wegen Eindringens in pakistanische Hoheitsgewässer in pakistanischer Haft saß. So oder so: Die Terroristen richten auch ihn hin. Die indische Küstenwache findet die verlassene "Kuber" fünf Seemeilen vor Bombay, an Bord Skipper Naryan mit auf den Rücken gebundenen Händen und aufgeschlitzter Kehle.

Erst vier Tage nach Ende des Anschlags wird Admiral Sureesh Mehta, Chef der indischen Marine, einräumen, dass die "Kuber" auf dem Weg nach Bombay von der Küstenwache kontrolliert worden ist. Die Männer an Bord - die Terroristen also - hätten sich ausweisen können und keinen Verdacht erregt, sagt Mehta. Mehta wird auch darauf hinweisen, dass allein in Gujarat und Maharastra (Hauptstadt: Bombay) rund 50 000 Fischerboote registriert seien. Experten schätzen, dass noch mal so viele nicht angemeldet sind. Mehta will um Verständnis dafür werben, wie aufwändig und schwierig eine präzise Überwachung der Seegrenze ist.

Vielleicht hat die Kontrolle die Terroristen nervös gemacht, vielleicht erklärt das, warum sie ein Satellitentelefon auf der "Kuber" vergessen. In dem Gerät sind Nummern gesuchter Terroristen in Pakistan gespeichert, darunter die von Yusuf Muzammil, einem führenden Mitglied von Lashkar-e-Taiba, den die indische Polizei für den Kopf hinter dem Massaker hält.

Am frühen Abend des 26. November fahren die Terroristen in zwei Schlauchbooten von der "Kuber" nach Bombay. Sie landen im Süden der Metropole bei Badhwar Park im Fischerviertel Cuffe Parade. Von hier es nicht weit zu den Anschlagszielen. Fischer sehen sie an Land gehen, junge Männer in Freizeit-Hosen und T-Shirts, die Rucksäcke und Beutel tragen. Den Fischern kommt die Gruppe spanisch vor, sie fragen sie, was sie wollten. "Das geht Euch nichts an", bekommen sie zur Antwort.

Jetzt beginnt der eigentliche Anschlag, für den sie nach Aussagen von Kasab trainiert haben. Lashkar-e-Taiba, so sein Bericht, hat 24 Selbstmordattentäter ausgesucht und in Camps nach Mansera und Muzzarafabad in der pakistanischen Provinz Punjab im Norden des Landes geschickt. Sie lernen dort den Umgang mit Waffen und Sprengstoffen, mit modernen Kommunikationsmitteln. Sie werden körperlich fit gemacht, müssen schwimmen, tauchen und auf Booten üben auf dem Mangla-Stausee. Ein Jahr lang dauert die Vorbereitung. So erzählt es Kasab.

Er deutet auch an, wer zu ihren Instruktoren gehörte. Pakistanisches Militär, sagt er, Leute vom Geheimdienst Inter Service Intelligence (ISI), was nicht heißen muss, dass die pakistanische Regierung davon weiß, dass sie es gutheißt. Nach Ansicht westlicher Terror-Experten ist der ISI schon früher an Anschlägen in Indien beteiligt gewesen.

Aus den zwei Dutzend Männern, so berichtet Kasab weiter, wird das Kommando jener zehn ausgewählt, das zum Einsatz in Bombay auserkoren ist. Kasab ist einer von ihnen. Er nennt auch die Namen der anderen neun, aber es sind offenbar nur Alias-Namen.

Nachdem die Gruppe bei Badhwar Park an Land gegangen ist, teilt sie sich in Zweierteams auf. Jedes Duo bringt ein Taxi in seine Gewalt, einen der üblichen schwarz-gelben Fiats, und lässt sich zu seinem jeweiligen Anschlagsort bringen: Chhatrapati Shivaji Station (Victoria-Bahnhof), Café Leopold, Hotel Oberoi-Trident, Hotel Taj Mahal Palace and Towers und das Nariman- Haus, in dem die jüdische Lubawitsch-Gemeinde Bombays ihren Sitz hat.

Die Täter haben sich Ziele ausgesucht, deren Zerstörung einen besonders großen Effekt versprechen. Die beiden pompösen Herbergen sind Flaggschiffe der Luxus-Hotelgruppen Taj und Oberoi. Wer reich, bedeutend und berühmt ist, steigt in einem dieser Häuser ab. Sie liegen zudem in dem Gebiet, das jeder Tourist aufsucht. Das Leopold gehört zu Bombay wie das Sacher zu Wien, in jenem Lokal spielen große Teile des derzeitigen Bestsellers "Shantaram" des Australiers Gregory David Roberts. Durch den Bahnhof werden jeden Tag drei Millionen Pendler und Fernreisende geschleust. Das jüdische Zentrum wird zum Ort hoher politischer Symbolik.

Als die Terroristen sich in die Taxis setzen, ist ein jeder von ihnen mit einer AK-47 (Kalaschnikow) und einem Revolver bewaffnet, mit acht Handgranaten und rund 500 Schuss Munition und dem giftigen Sprengstoff RDX. Die Terroristen haben indisches Bargeld bei sich sowie US-Dollar und britische Pfund, zur Verpflegung getrocknete Datteln, Rosinen und Nüssen - und sie sind womöglich gedopt für einen langen Einsatz. Die Polizei findet in Spritzen bei den getöteten Terroristen Spuren von Kokain und LSD. Das könnte erklären, weshalb die Täter im Taj-Hotel in der Lage sind, die Polizei 60 Stunden lang in Atem zu halten. In zwei der aquirierten Taxis platzieren die Terroristen RDX-Bomben mit Zeitzündern, die später in nördlicheren Teilen von Bombay explodieren und die Fahrer in den Tod reißen werden. Die Polizei wird Tage nach dem Massaker im Bahnhof noch eine Bombe dieser Machart finden.

Das Morden beginnt am Mittwoch, 26. November, zwischen 21.30 und 22 Uhr an den genannten fünf Orten etwa gleichzeitig. Zwei Männer betreten das Café Leopold, in dem einige Gäste die Fernsehübertragung vom Cricket-Spiel zwischen England und Indien sehen. Die Attentäter schießen in Abständen auf Gäste und Bedienstete, zünden eine Granate im Lokal und verschwinden, als Polizei auftaucht, wie die Norwegerin Line Kristin Woldbeck berichtet, deren indische Freundin getötet und deren Freund schwer verletzt wird. Ein Dutzend Menschen sterben im Café Leopold. Die beiden Täter gehen weiter zum nahe gelegenen Taj-Hotel und vereinen sich dort mit zwei Terroristen, die schon in dem Gebäude sind.

Im Taj sind 450 der 565 Zimmer belegt. Zwei Versammlungen laufen an diesem Abend, im Ballsaal wird eine Hochzeit gefeiert. Delegationen aus Südkorea und China gehören zu den ausländischen Gästen. Marodierend bewegen sich die Täter durchs Haus. Das Töten wirkt auch an diesem Einsatzort nicht gezielt, sondern wie beiläufig. Als ginge es vor allem um die Demonstration, Herr über Leben und Tod zu sein. Sie erschießen Gäste am Swimming Pool, sie verwüsten das China-Restaurant Golden Dragon und das Japan-Restaurant Wasabi.

Im voll besetzten Kandahar-Restaurant im zweiten Stock des Oberoi-Hotels hören Gäste um 21.40 Uhr erste Schüsse. Sie kommen aus der Lobby ein Stock tiefer. Kurz darauf betreten zwei Attentäter den Saal und feuern auf die Gäste. Einige werden getötet, vielen gelingt es zu fliehen. Hier im Kandahar-Restaurant fragen die Terroristen nach Menschen mit britischen oder US-amerikanischen Pässen. So entsteht der Eindruck, der Anschlag ziele auf die USA und Großbritannien. Die kommenden Stunden und Tage werden zeigen, dass die Attentäter willkürlich töten.

Wer es nicht ins Freie schafft, verbarrikadiert sich in seinem Zimmer. Das Beispiel des britischen Anwalts Mark Abell, 51, steht für viele Hotelgäste im Taj und im Oberoi-Trident-Komplex. Kurz nach dem Essen im Kandahar ist Abell wieder auf seinem Zimmer, als eine Explosion die Wände zittern lässt. Um sich für einen Brand zu wappnen, füllt Abell seine Wanne voll Wasser. Er schiebt sämtliche Möbel vor die Tür, auch das Bett. Im Fernsehen verfolgt er den Fortgang des Terrors vor seiner Tür - CNN berichtet live - , aber irgendwann wird das Bild schwarz. Mit seinem Blackberry hält Abell nicht nur Kontakt zu seiner Frau in England, sondern tauscht auch Informationen mit anderen Hotelgästen aus, die wie er in ihren Zimmern hinter verbarrikadierten Türen ausharren, immer in der Angst, dass sich die Schüsse nähern, dass ein Attentäter auf seinem Weg durch die Flure irgendwann auch vor ihrer Tür steht.

In dem fünfstöckigen Nariman-Haus, das an einer ungepflasterten Nebenstraße liegt, gehen die beiden Terroristen anders vor. Die Lubawitsch-Gemeinde unterhält hier unzter anderem eine Pension. An diesem Abend sind Juden aus den USA, aus Israel und Mexiko zu Gast. Sie beiden Attentäter töten aber nicht gleich alle Menschen, derer sie in dem Gebäude habhaft werden können.

Im Chhatrapati Shivaji Bahnhof ist die Rushhour zwar vorbei, zu der Azam Amir Kasab und sein Mittäter eigentlich haben kommen wollen. Doch in Bombays größtem Bahnhof, in dem täglich 1000 Züge ein- und ausfahren, ist immer noch Hochbetrieb. Die beiden Terroristen steigen aus dem Taxi und gehen zum Bahnsteig 13, auf dem Reisende auf Fernzüge warten. Kasab und sein Begleiter schießen mit ihren Sturmgewehren in die Menge. Zeugen beschreiben ihr Vorgehen fast als lässig, die beiden halten ihre Waffen auf Hüfthöhe.

Die Täter wenden sich dann dem Teil des Bahnhofs zu, in dem die Vorortzüge abgefertigt werden, doch die Pendler sind verschwunden - dank des Stations-Ansagers Zende. Weil Polizisten aufgetaucht sind und das Feuer eröffnen, verschwinden Kasab und sein Mittäter über eine Brücke aus dem Bahnhof.

Was jetzt folgt, ist womöglich im Angriffsplan nicht vorgesehen. Die beiden erreichen das nahe gelegene Cama und Albless Hospital und liefern sich im sechsten Stock des Krankenhauses eine Schießerei mit Sicherheitskräften. Als sie danach auf die Straße treten, stoßen sie auf einen Polizei-Jeep mit drei Beamten, darunter der Chef der Bombayer Anti-Terror-Einheit, Hemant Karkare. Die beiden töten die Polizisten, deren dünne Sicherheitswesten keinen Schutz bieten, fahren in dem Polizeiwagen an einem Kino vorbei, vor dem sie in die Luft schießen, rauben, weil der Jeep einen Platten bekommt, einen Skoda und fahren zum Marine Drive, dem prächtigen, geschwungenen Boulevard an Bombays Westküste. Dort, am Chowpatty Beach, stoßen die beiden wieder auf Polizeikräfte. Bei dem Schusswechsel wird ein Terrorist getötet, während Kasab verletzt und verhaftet wird.

Am Morgen des Donnerstag, 27. November stellt sich die Situation so dar: Zwei Terroristen halten sich im Oberoi-Trident-Komplex auf, vier im Taj Palace, zwei im Nariman-Haus, vor dem Polizisten erst drei Stunden nach den ersten Schüssen erscheinen. Die schlecht ausgestattete örtliche Polizei wird mittlerweile von Soldaten unterstützt und später auch von den Elitekräften der National Security Guard (NSG), eine 7400 Mann starke Sondereinsatzgruppe, die in der Hauptstadt Delhi stationiert ist. Die so genannten "Black Cats" brauchen acht Stunden, ehe sie in den Häuserkampf in Bombay eingreifen können.

Im Nariman-Haus zwingt ein Attentäter den aus Mexiko stammenden Norma Schwarzblat Rabinowitsch, israelische Diplomaten anzurufen. Sie sollen sich dafür einsetzen, dass indische Streitkräfte nicht das Gebäude stürmen. Ein Attentäter, der sich Imran Babar nennt, spricht auch mit einem Rabbi in Washington, der sich nach dem Schicksal seines Kollegen Gavriel Holtzberg erkundigt. "Alles okay", sagt Babar. Im Flur liegen Rabbi Holtzberg und seine Frau Rivkah, beide erschossen, in ihrem Blut. Ihr zweijähriger Sohn Moshe wird von der nepalesischen Nanny Sandra Samuel gerettet.

Wie der britische Anwalt Abell im Oberoi so gehören auch der deutsche Geschäftsmann Ralph Burkei, 51, und seine Freundin Ute Bernhard, 43, zu den Gästen des Taj-Hotels, die sich vor den Schießereien in ihr Zimmer flüchten. Weil aber neben den Explosionen auch noch die Brandgefahr zunimmt, beschließt Burkei, wie andere Gäste auch, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag von seinem Raum im 6. Stock an der Fassade runterzuklettern. Er stürzt und stirbt später an seinen Verletzungen, seine Freundin überlebt schwer verletzt.

Die Einsatzkräfte beginnen, die beiden großen Hotels zu durchkämmen und Bedienstete und Gäste zu evakuieren. Insbesondere im altehrwürdigen Taj mit seinen Zimmerfluchten gestaltet sich die Suche nach den Tätern schwierig. Immer wieder brechen Brände aus, explodieren Granaten, entwickeln sich Schießereien. Am Abend des zweiten Tages hält die Bedrohung durch Terroristen im Nariman-Haus und in den beiden Hotels an.

Am Morgen des Freitag, 28. November, gegen 8 Uhr beginnt der Sturm auf das Nariman-Haus. "Black Cats" seilen sich von einem Hubschrauber auf das Dach des Gebäudes ab. Erst am späten Nachmittag aber erklären die Sicherheitskräfte die Belagerung für beendet. Die beiden Terroristen sind tot. Sie haben sechs Juden in dem Haus ermordet und auch das Ehepaar eines Nachbarhauses, das nach den ersten Schüssen neugierig auf seinen Balkon gegangen ist und von tödlichen Schüssen getroffen wird. Ihr Sohn, der auch auf dem Balkon steht, hat Glück, die Kugeln verfehlen ihn.

Die Leichen der Juden werden sofort nach Israel ausgeflogen und dort beerdigt; eine Obduktion kommt aus religiösen Gründen nicht infrage. So wird sich nicht klären lassen, ob, wie es Gerüchte besagen, Bewohner des Nariman-Hauses von Kugeln der Elitesoldaten getroffen wurden.

Am Freitag, um die Mittagszeit, endet auch das Drama im Oberoi-Trident. Aber die Operation "Cyclone", wie die NSG die Befreiung der Menschen im Taj-Hotel nennt, dauert an. J. K. Dutt, Chef der Elite-Einheit, wird nach Ende des Einsatzes zu erklären versuchen, warum vier Terroristen knapp 60 Stunden lang die versammelte Streitmacht des indischen Staates beschäftigen konnten. "Es ist ein altes Gebäude", sagt er, "es hat Säulen und Kuppeln und viele Flure und nichts ist gerade. Und deshalb konnte man die Täter auch nicht einfach in eine Ecke locken."

Seine Leute hätten das Gebäude nicht so gut gekannt wie die Terroristen, die sich sehr viel sicherer in dem Labyrinth bewegt und kleine Räume mit vielen Türen als Zwischenaufenthalt stets mieden. Sie hätten immer wieder kleine Feuer gelegt und während der folgenden Löschpause ihre Position geändert. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass die Täter Lagepläne hatten. Wie überhaupt die Terroristen, ausgestattet mit GPS, mit Satellitentelefonen, mit Handys mit indischen SIM-Karten und letztlich mit Mobiltelefonen von Opfern sowohl untereinander in Kontakt bleiben, sich warnen und sich - womöglich - Instruktionen aus Pakistan holen.

Am Samstag, 28. November, sind im Taj morgens um 3.30 Uhr fünf Explosionen zu hören, es folgen Schießereien, später gehen kurz hintereinander weitere sieben Sprengsätze in die Luft. Es ist die letzte Gegenwehr der Terroristen. Um 8 Uhr erklärt der Polizeichef von Bombay, Hassan Gafroon, die Operation "Cyclone" für beendet. Vier Terroristen im Taj sind tot.

Die muslimische Gemeinde Bombays lehnt es ab, die Attentäter auf ihrem Grund und Boden, überhaupt in Indien, zu beerdigen und verbindet dies mit einer Distanzierung von dem Terrorakt.

Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken. Etwa 200 Menschen haben die Terroristen auf dem Gewissen, mehr als 300 sind verwundet worden. 26 Ausländer, Menschen aus den USA, aus Kanada, Großbritannien, Singapur, Zypern, Italien, Deutschland und Japan, sind den Anschlägen zum Opfer gefallen, Anschlägen, von denen es jetzt heißt, es sei vor ihnen gewarnt worden.

Ja, sagt Ratan Tata, zu dessen Firmen-Imperium auch die Taj-Hotelgruppe gehört, es hat Hinweise gegeben, aber nichts Spezifisches. Indische Geheimdienstler bestätigen, dass US-Agenten Mitte Oktober vor Attacken "auf touristische Gebiete in Bombay" gewarnt hätten. Dass über mögliche terroristische Angriffe vom Meer aus informiert worden sei. Sie bestätigen auch, dass im September Fischer indische Behörden von ihrem Verdacht erzählten, Sprengstoffe und Waffen würden nach Bombay geschmuggelt. Am 19. November soll der indische Inlandsgeheimdienst ein Telefonat zwischen Indien und dem pakistanischen Lahore abgehört haben, Inhalt: Ein Angriff auf Bombay von der Seeseite stehe bevor, ein Schiff mit Bewaffneten sei zu erwarten.

"26/11", wie der Anschlag in Analogie auf die Zerstörung des World Trade Centers in New York schon genannt wird, hat zur ersten anti-pakistanischen Demonstration am Gate of India in der Nähe des Taj-Hotels geführt. 20 000 Protestierende kritisieren auch die mangelhafte Ausrüstung der Polizei. In deren korruptem System versickern auf der einen Seite hohe Summen, während auf der anderen Geld für Personal und deren Schutz und Bewaffnung fehlt. Die Polizisten haben altmodische Gewehre und verfügen über gar keine oder aber über keine schusssicheren Westen.

Das Café Leopold hat seit Montag wieder geöffnet, das Oberoi-Trident soll vor Weihnachten die ersten Gäste aufnehmen, der ältere Oberoi-Teil in ein paar Monaten. Die Wiederherstellung der alten Pracht im Taj-Mahal-Hotel wird länger dauern.

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