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Analyse Klimagipfel in Warschau Zeit zu handeln

Unter dem Eindruck des Taifuns "Haiyan" sollen in Warschau neue Regeln im Umgang mit Klimaschäden diskutiert werden. Das Thema Klima-Hilfe darf angesichts von Katastrophen wie durch "Haiyan" nicht länger vertagt werden.

Flutopfer in Bangkok
Flutopfer bewegen sich durch eine überschwemmte Hauptstraße im thailändischen Bangkok. Foto: Barbara Walton Foto: Barbara Walton (EPA)

Noch vor wenigen Tagen dachte man: Wozu der Warschauer Klimagipfel? Der bevorstehende Zirkus der Klimabeamten hat ja gar kein konkretes Ziel. Zumindest keines, das abgesehen von den Verhandlungsspezialisten jemanden wirklich interessiert. Doch dann kam Taifun „Haiyan“. Der tropische Wirbelsturm illustriert auf absolut gnadenlose Weise, um was es in Warschau geht, wo die Vertreter von 195 Staaten am Montag zu ihrer jährlichen Konferenz zusammengekommen sind. Oder zumindest gehen müsste. Nämlich darum, die Zunahme oder Verstärkung solch extremer Wetterereignisse zu bremsen und die Folgen beherrschbar zu machen. Das heißt: Die Basis der Lebensqualität von zukünftig neun Milliarden Menschen auf der Erde zu sichern.

„Haiyan“ war einer der stärksten Tropenstürme, der seit Beginn der Aufzeichnungen auf Land getroffen ist, wahrscheinlich sogar der stärkste. Das passt ins Bild, das die Klimaforscher zeichnen. Hurrikane und Taifune der höchsten Stufen vier und fünf sind in den letzten Jahrzehnten häufiger geworden, und die Modelle lassen erwarten, dass sich diese Tendenz fortsetzt. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass, anders als bisher erwartet, wahrscheinlich auch die Zahl der Wirbelstürme zunimmt.

Der Klimawandel fordert seinen Tribut

Hinzu kommt: Die globale Erwärmung verstärkt die Folgen dieser Ereignisse – es fällt mehr Starkregen, weil die Verdunstungsraten und der Wassergehalt der Atmosphäre steigen, außerdem laufen die Sturmfluten wegen des ansteigenden Meeresspiegels höher auf.

Natürlich kann niemand sagen, dass nun ausgerechnet „Haiyan“ direkt auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Es gibt keine scharfe Trennstelle zwischen „natürlichen“ und menschengemachten Katastrophen. Trotzdem müssen diese Extremereignisse als Warnzeichen erkannt werden, weil sie in einer Vier-Grad-plus-Welt, die bei Fortsetzung der bisherigen CO2-Trends droht, der Normalfall sein würden. Die Sache ist ernst, denn das Zwei-Grad-Limit, das die Weltgemeinschaft postuliert hat, ist schon jetzt wegen der Klima-Altlasten in der Atmosphäre nur noch mit größten Anstrengungen zu halten.

Dass der Klimawandel bereits heute seinen Tribut fordert, ist nicht mehr zu übersehen. Dabei geht es nicht nur um Mega-Katastrophen wie jetzt auf den Philippinen, sondern auch um schleichende Veränderungen. Eine aktuelle Studie der Universität der Vereinten Nationen ergab, dass in armen Staaten wie Bangladesch, Kenia und Mikronesien zwischen 87 und 100 Prozent der Menschen bereits klimabedingte Veränderungen erlebt haben, die ihr Leben beeinträchtigen – Familien haben weniger zu essen, sie verkaufen ihr Vieh, sie verlassen ihr Land. Die betroffenen Entwicklungsländer sind nicht in der Lage, diese Verschärfung der ohnehin oft kritischen Lage aufzufangen. Von Zerstörungen wie durch Taifun „Haiyan“ ganz zu schweigen. Die Infrastruktur für Katastrophenschutz ist mangelhaft, Hilfsdienste sind zu schlecht ausgestattet, Krankenhäuser fehlen, und die Polizei kann die Sicherheit nicht garantieren.

Selbst die "Haiyan"-Bilder erzeugen wohl nicht genügend Druck

Im Konferenzsprech der Klimagipfel-Beamten gibt es eine Bezeichnung für die jetzt schon und künftig auftretenden Klimaschäden. „Loss and Damage“, zu deutsch „Verlust und Schaden“. Im Warschau war ohnehin geplant, dieses Thema aufzurufen. Es dürfte unter dem Eindruck der Bilder von den Verwüstungen auf den Philippinen nun sogar zum Leitthema auf dem Gipfel werden. Und es dürfte die Verhandlungsdynamik verändern, weil sich bei diesem Thema ganz andere Allianzen bilden könnten als etwa bei der Frage der CO2-Minderungsziele oder der Finanzierung der Klima-Anpassung, wo noch immer der traditionelle Gegensatz von Industrie- und Entwicklungsländern dominiert.

Der Auftrag an die 195 Staaten ist eindeutig. Der Gipfel soll Strukturen etablieren, wie die Hilfe bei „Loss and Damage“ geleistet werden soll, und er soll Möglichkeiten der Finanzierung ausloten. Dafür gibt es durchaus Ideen. So werden Versicherungen gegen Klimaschäden diskutiert, die zahlen, wenn etwa Dürren, Überschwemmungen oder Stürme Häuser zerstören oder Ernten vernichten. Die Beiträge würden zwar zum Teil auch von den Versicherten kommen, vor allem aber von den Industrieländern, die historisch die Hauptverursacher des Klimawandels sind.
Teils könnten Mittel aber auch aus dem „Grünen Klimafonds“ fließen, der bis 2020 auf jährlich 100 Milliarden Euro anwachsen soll, um damit CO2-Sparen und Klima-Anpassung in den Entwicklungsländern finanzieren zu können.

Leider besteht die Gefahr, dass nicht einmal die „Haiyan“-Bilder genügend Druck erzeugen, um die eingefahrenen Routinen aufzubrechen, die die Klimagipfel kennzeichnen. Beobachter befürchten, dass das Thema Klima-Hilfe in später tagende Arbeitsgruppen ausgelagert oder ganz auf künftige Gipfel vertagt wird und klamme Industrieländer die Geldkassetten eisern geschlossen halten. Es liegt auf der Hand, dass das verhindert werden muss. Das wäre der Job zum Beispiel der Europäer, die früher einmal stolz waren, sich Klimaschutz-Vorreiter nennen zu können.

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