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Alternative für Deutschland Ein Professor als Volkstribun

In Berlin konstituiert sich die "Alternative für Deutschland", die verspricht, sie werde den Euro abschaffen. Für den Mitgründer der Partei, Bernd Lucke, ist der Gründungsparteitag die Feuertaufe als Volkstribun.

Bernd Lucke spricht beim Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland. Foto: REUTERS

Der kleine schmale Mann hinter dem großen Rednerpult hebt die halb ausgestreckten Arme, als wolle er den Jubel dämpfen, der ausbricht, als er das Zauberwort ausspricht: „Alternative für Deutschland.“ Er erreicht das Gegenteil. Die Menge im Saal applaudiert und johlt umso heftiger. Mit kühlem Blick studiert der Redner seine Wirkung. Ja, er hat sein Publikum im Griff! Wenig später wird Bernd Lucke von diesem Wissen zielsicher Gebrauch machen.

In Talkshows hat der Hamburger Professor für Makroökonomie bereits bewiesen, dass er Populäreres formulieren kann als Untersuchungen über die „Empirische Implementation eines Real-Business-Cycle-Modells“. Aber dies ist seine Feuertaufe als Volkstribun. Da haftet nichts Professorales an ihm, da sprüht blanke Politik. Und wenn politische Gegner das für Populismus halten, so betrachten er und seine Freunde dies als Auszeichnung, wie Mitgründer Konrad Adam es gleich zu Beginn formuliert hat.

"Aus der Mitte der Gesellschaft"

Mehr als 1?400 Menschen sind an diesem Sonntag ins Berliner Hotel Intercontinental gekommen. Im Raum „Potsdam“, wo sich einmal im Jahr die politisch-publizistische Klasse beim Bundespresseball mit Sekt und Austern feiert, konstituieren sie bei Kartoffelsuppe mit Würstchen eine neue Partei. Die Alternative für Deutschland (AfD) soll die Herrschenden das Fürchten lehren. Ihre Gründer kommen „aus der Mitte der Gesellschaft“, wie sie nicht müde werden zu betonen – aber zum Teil eben auch aus jenen Parteien, deren Politik zur Rettung des Euro sie nun zum Neubeginn treibt. Lucke zum Beispiel war 33 Jahre in der CDU. Andere kommen aus der FDP.

Als er Lucke kennenlernte, habe er zum ersten Mal das Gefühl gehabt: „Das kann was werden“, berichtet Alexander Gauland. Seit Jahren beklagt der frühere hessische Staatssekretär den Verlust des Konservativen in der CDU. Nicht ganz so lange propagiert er den Ausstieg aus dem Euro. Für den wirbt auch Hans-Olaf Henkel, früherer Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Ihm ist die Parteiarbeit freilich zu mühsam. Ehe der Kongress beginnt, gibt er vor dem Vorstandstisch seine TV-Interviews zugunsten der „Alternative für Deutschland“, dann hat er Alternatives zu tun.

Vertrauen und Führung

Es hakt ein wenig in den ersten Stunden des Parteitags. Da wird bei Abstimmungen schon mal vergessen, nach Gegenstimmen zu fragen. In der Satzungsdebatte muss die Führung verhindern, dass ein Paragraf Spenden an die Partei auf 10 000 Euro begrenzt – schließlich braucht man als Neugründung ohne Vermögen möglichst viel finanzielle Unterstützung. Doch als der 72-jährige Tagungsleiter Gauland den Überblick verliert, nimmt Lucke das Heft in die Hand. Und lässt es nicht wieder los.

Die programmatische Rede kann er im Vergleich zur politischen Konkurrenz kurz halten: Eine Dreiviertelstunde, Beifall schon eingerechnet. Zwar betont der Professor, dass die AfD keine Ein-Themen-Partei sei. Aber auch er spricht eben hauptsächlich über die verheerende Wirkung des Euro, an dessen Stelle er wieder nationale Währungen oder „kleinere Währungsverbünde“ setzen will. Dann merkt er noch an, dass die Bundesregierung gegen Rechtsstaatlichkeit und demokratische Prinzipien verstoße. Neben Euro-Ausstieg und einer anderen Europa-Politik nennt er deswegen Demokratie mit Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild als zentrales Thema.

Innerparteilich halten Lucke und seine Freunde es dagegen eher mit Vertrauen und Führung. Luckes Führung. Das bedeutet einen kleinen Vorstand und die kürzeste Programmdebatte der bundesdeutschen Parteigeschichte. Das Programm umfasst drei Seiten plus vier Zeilen und beschränkt sich nach Luckes Worten auf Forderungen, „die so vernünftig sind, dass alle zustimmen können“, unabhängig von in ihrer politischen Herkunft. Die AfD sei „eine Partei neuen Typs“, die „keine ideologischen Wegweiser“ brauche, sondern „nur unseren gesunden Menschenverstand“. Mit fast 100-prozentiger Zustimmung finden die Anwesenden dieses Angebot alternativlos. Bei der Wahl der drei Vorstandssprecher erhält Lucke am Abend 953 Stimmen. Deutlich mehr als seine Mit-Sprecher Frauke Petry und Konrad Adam.

In einem Nebenraum werden unterdessen die ersten Kugelschreiber und andere Wahlkampfutensilien angeboten. Dazu zählen auch eine Stretch-Kombi in den Parteifarben blau-rot-weiß sowie diverse T-Shirts, die mit dem Partei-Kürzel AfD spielen. „Auch für Dich“ steht da, aber auch in Richtung der Kanzlerin: „Angie f… D…“ Das soll „Angie fährt Daimler“ heißen.

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