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Allensbach-Umfrage Gläubige distanzieren sich von der Kirche

Bei vielen Themen haben Katholiken eine andere Meinung als die Geistlichen. Der Trend geht weg vom frommen, papsttreuen Katholiken. Der Reformdruck wächst. Von Wolfgang Wagner

17.06.2010 01:06
Wolfgang Wagner
Foto: dpa

Die Katholiken in Deutschland gehen immer stärker auf Distanz zur eigenen Kirche. In einer repräsentativen Allensbach-Umfrage in kirchlichem Auftrag bezeichneten sich gerade einmal 17 Prozent der Katholiken noch als "gläubige Kirchennahe". Mehr als ein Drittel der Befragten (37 Prozent) nennt sich "kritisch kirchenverbunden" und ein weiteres knappes Drittel (32 Prozent) "kirchlich distanziert".

Sechs Prozent der Katholiken sind sogar nach eigener Einschätzung überhaupt nicht religiös, drei Prozent bezeichnen sich als "religiös, aber nicht christlich" und fünf Prozent als "glaubensunsicher". Der Trend geht weg vom frommen, papsttreuen Katholiken. In der Vorgänger-Umfrage aus dem Jahr 2002 hatten sich noch 19 Prozent als gläubig und kirchennah definiert.

Das Ergebnis zeigt auch, wie groß die Gruppe potenzieller Austrittskandidaten ist. Fast die Hälfte der Katholiken hat keinen engen Bezug mehr zur Kirche oder gar zur Religion. Für die repräsentative Studie wurden im Oktober und November 2009 mehr als 2000 Katholiken älter als 16 Jahre befragt - also noch bevor das Ausmaß des Missbrauchsskandals bekanntwurde. Die Ergebnisse fielen damit heute mutmaßlich noch dramatischer aus.

Die Distanz zur Kirche und deren Führung zeigt sich auch in zentralen inhaltlichen Fragen. So ist nur eine kleine Minderheit der befragten Katholiken mit der Haltung der Kirche zur Sexualmoral (13 Prozent) und speziell der Empfängnisverhütung (neun Prozent) einverstanden. Zudem kann kaum noch jemand die Positionen zur Rolle der Frau in der Kirche, den Umgang mit Homosexuellen sowie das Festhalten am Zölibat für Priester nachvollziehen. Auf Zustimmung stoßen hingegen das karitative Engagement der Kirche, der Einsatz für Frieden, Menschenrechte und humane Arbeitsbedingungen sowie die Haltung zu Erziehung und Wertevermittlung.

Der Autor der Studie, Rüdiger Schulz vom Institut für Demoskopie Allensbach, widersprach auch der These von einer Renaissance des Religiösen. Dafür gebe es weder im West- noch in Ostdeutschland einen Hinweis. Die Studie, die eigentlich als Grundlage für die Ausrichtung der kirchlichen Medienarbeit dienen soll, wird wohl auch die Diskussion über Reformen in der katholischen Kirche befeuern.

Die Bischofskonferenz hatte im Januar eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich mit diesen Fragen befassen soll, und die nun ein Bild hat, welche Änderungen das Kirchenvolk wünscht. Die Gruppe, die aus dem Münchner Erzbischof Reinhard Marx, dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode und dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck besteht, soll sich noch im Sommer erstmals treffen.

Für die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" zeigt die Studie, dass die Kirchenführung an der Basis vorbeiregiert. Bei der Sexualmoral, dem Zölibat oder der Rolle der Frauen sei eine Neubestimmung nötig, sagte ihr Sprecher Christian Weisner der FR. Die Kirche müsse in der heutigen Zeit ankommen.

Bisher sei sie zu stark an Klerikern orientiert. "Das Kichenvolk muss ernst genommen werden." Sonst bestehe die Gefahr, das sich die Kirche zu einer "Sektenkirche" entwickle.

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