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Ali B. Fall Susanna F. bewegt auch die Kurdenregion

Nicht nur in Deutschland, auch in der nordirakischen Kurdenregion sorgt der Fall Susanna F. für Aufsehen. Die rechtlichen Probleme bei der umstrittenen Abschiebung des Tatverdächtigen sind aber kaum Thema.

Ali B.
Nach der Auslieferung, die formal keine gewesen sein soll: Ali B. wird mit Fußfesseln in eine Justizvollzugsanstalt in Frankfurt gebracht. Foto: dpa

Seine Flucht führte in eine irakische Gefängniszelle und dann in die Frankfurter U-Haft. Ali B., der mutmaßliche Mörder der 14-jährigen Schülerin Susanna F., hatte sich Anfang Juni zusammen mit seiner Familie in seine Heimat, die Autonome Region Kurdistan im Nordirak (KRG), abgesetzt. Ende vergangener Woche wurde er dort von kurdischen Sicherheitskräften festgenommen und ausgeflogen, obwohl die Bundesrepublik mit dem Irak gar kein Auslieferungsabkommen hat. Die überraschend schnelle und unkonventionelle Abschiebung hat inzwischen zu Irritationen geführt, denn sie könnte, falls sie nicht gemäß internationalen Rechtsnormen erfolgt ist, zu juristischen Problemen im Mordprozess führen.

Der Fall hat auch in der irakischen Kurdenregion einiges Aufsehen erregt. Kurdische Medien berichteten übereinstimmend, dass Ali B. in der Stadt Zakho nahe der türkischen Grenze von der lokalen Polizei festgenommen worden sei, nachdem Deutschland die kurdischen Behörden über den Fall informiert hätte. Die Nachrichtenagentur Rudaw zitierte den Polizeichef der zuständigen Provinz Dohuk, Tarik Ahmad, mit den Worten: „Während der Vernehmung gestand der junge Mann den Mord an dem deutschen Mädchen. Er sagte, sie seien Freunde gewesen, hätten sich aber gestritten, und er habe sie getötet, weil sie die Polizei rufen wollte.“

Während die kurdischen Medien der Frage, wie es zur Rückkehr des Verdächtigen nach Deutschland kam, ebenso wenig Aufmerksamkeit widmen wie rechtlichen Problemen, meldet der Sender Al-Arabiya aus Dubai unter Berufung auf den Polizeichef, die „Auslieferung“ sei das Resultat „intensiver Kontakte zwischen den Regierungen Deutschlands und der Regionalregierung Kurdistans“. Dem Sender zufolge sagte Tarik Ahmad, dass Ali B. mit seiner Familie zunächst in die nordirakische Kurdenhauptstadt Erbil geflohen sei, damit sein todkranker Vater noch mal seine Kinder und andere Verwandte habe sehen können. Der junge Kurde habe erklärt, dass er Susanna F. mit beiden Händen erwürgt, nachdem er sie vergewaltigt habe. Er habe unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen gestanden.

Der in Erbil lebende niederländische Journalist und Kurdistanexperte Wladimir van Wilgenburg sagte der FR, die Entscheidung über die Abschiebung habe höchstwahrscheinlich wie in früheren Fällen der nordirakisch-kurdische Innenminister Karim Sinjari getroffen, der zur Partei des einflussreichen früheren KRG-Präsidenten Massud Barsani gehört. „Sinjari hat dann die lokale Staatsanwaltschaft und Polizei angewiesen, ihn abzuschieben.“ Wie im Nahen Osten üblich, könnten solche Fälle bei guten gegenseitigen Beziehungen – wie sie offenbar zwischen dem Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, und der KRG-Regierung bestehen – unkonventionell gelöst werden. Zwar sei eigentlich die irakische Zentralregierung in Bagdad zuständig. „Aber die wird wahrscheinlich angesichts der Schwere des Verbrechens, des Mordes an einem jungen Mädchen, daraus keine Staatsaffäre machen.“ Die Barsani-Regierung habe in der Vergangenheit mehrfach schon Personen ausgeliefert oder abgeschoben, ohne sich mit Bagdad abzusprechen, sagt van Wilgenburg.

Allerdings handelte es sich dabei um Ausländer, wie im Fall des kurdischstämmigen deutschen Staatsbürgers und Gangster-Rappers Xatar alias Giwar Hajabi, der zusammen mit zwei Komplizen nach einem spektakulären Goldraub in Ludwigsburg 2010 von deutschen Zielfahndern im Nordirak aufgespürt, nach dreimonatiger Haft an die Bundesrepublik ausgeliefert und zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. „Auch dieses Auslieferungsverfahren hat damals der KRG-Innenminister geführt.“

Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums hatte am Montag erklärt, dass Ali B. nicht auf Grundlage eines offiziellen Auslieferungsersuchens zurück nach Deutschland geholt, sondern formell abgeschoben worden sei. Für die Aktion sei allein die Bundespolizei zuständig gewesen. (mit dpa)

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Mordfall Susanna

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