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Alex Jones Grelle Parallelwelt der Verschwörungstheorien

Facebook & Co. gehen gegen den rechten US-Moderator Alex Jones vor - doch längst breiten sich online neue Verschwörungstheorien unter Trump-Fans aus.

Alex Jones
Wegen seiner Behauptungen laufen gegen Alex Jones mehrere Klagen auf Entschädigung. Foto: dpa

Plötzlich ging es Schlag auf Schlag: Große Internetkonzerne sind in den vergangenen Tagen gegen US-Verschwörungstheoretiker Alex Jones vorgegangen. Facebook hat einige seiner Seiten gelöscht, Youtube seinen Videokanal, der zuletzt fast 1,5 Millionen Abonnenten zählte. Apple und Spotify haben Sendungen offline genommen, weil sie diese als Hetze einstufen. Allein Twitter verteidigte seinen Entschluss, Jones nicht zu blockieren, mit dem Hinweis, dieser habe nicht gegen die Regeln des Unternehmens verstoßen. Zugleich wollen derzeit mehrere Opfer seiner Ausfälle vor Gericht hohe Entschädigungssummen einklagen.

Der 44-jährige Texaner machte sich ursprünglich als Radiomoderator in Austin einen Namen, hat sich aber seit der Jahrtausendwende immer mehr zum „König der Verschwörungstheorien“ (CNN) entwickelt. US-Präsident Donald Trump ließ sich während des Wahlkampfs trotzdem – oder gerade deswegen – von ihm interviewen und attestierte ihm einen „wunderbaren Ruf“. Die stundenlangen Livesendungen erreichen Schätzungen zufolge wöchentlich Millionen Zuhörer via Radio und Internet. Stilprägend sind rechte Verschwörungstheorie und cholerische Anfälle: Die Anschläge vom 11. September? Die Regierung steckt dahinter! Obama? Ein Islamist! Die Herrscher der Welt? Finstere „Globalisten“!

Alex Jones: Sandy-Hook-Massaker eine Inszenierung 

Der Trump-Unterstützer sieht sich als libertär, als einer, der gegen einen überbordenden Einfluss des Staates kämpft, für das Recht auf freie Rede und darauf, Waffen zu tragen. In diesem Kontext hat er auch immer wieder behauptet, das Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule 2012 mit 26 Toten sei eine staatliche Inszenierung, um striktere Waffengesetze zu legitimieren.

Eltern eines damals getöteten Sechsjährigen sind nun in Jones’ Heimatstadt Austin vor Gericht gezogen – und sie sind nicht die einzigen, die sich jetzt juristisch wehren. Mehrmals mussten die Eltern nach dem Mord an ihrem Jungen umziehen, weil sie von Jones-Anhängern mit dem Tod bedroht wurden, berichtete ihr Anwalt Mark Bankston vergangene Woche vor Gericht.

Jones’ Anwalt Mark Enoch forderte die Einstellung des Verfahrens: Die Sendungen zeichneten sich vielleicht durch abseitige oder gar gefährliche Äußerungen aus, vor allem aber durch „rhetorische Übertreibung“ und seien als Meinungsäußerung von der Redefreiheit geschützt. Der zuständige Richter hat nun 30 Tage Zeit zu entscheiden, ob er eine Hauptverhandlung zulässt, die in den USA mit großer Aufmerksamkeit verfolgt werden würde.

Alex Jones inszeniert sich als Opfer

Jones selbst inszeniert sich derweil erwartungsgemäß als Opfer von Zensurversuchen der „Globalisten“ und wirbt kräftig für seine Website und die eigene App. Das Vorgehen der großen Internetkonzerne gegen ihn stößt in der US-amerikanischen Öffentlichkeit aber auch jenseits seiner Fans auf Kritik, weil das im ersten Verfassungszusatz garantierte Recht auf freie Rede traditionell sehr weit ausgelegt wird.

So twitterte etwa Ted Cruz, der republikanische US-Senator aus Texas, man dürfe Facebook nicht derartige Entscheidungen überlassen. Jones hat Cruz’ Vater immer wieder fälschlicherweise in Verbindung mit dem Attentat auf John F. Kennedy gebracht. Zur Meinungsfreiheit gehörten eben auch Ansichten, die man nicht teile, kommentierte das der Politiker.

Für Diskussionen über den geeigneten Umgang mit Verschwörungstheorien und ihren Anhängern sorgt derzeit aber auch ein anderer Vorfall. Ein Trump-Auftritt kürzlich in Florida hat einem obskuren Onlinephänomen zu größerer Bekanntheit verholfen: „QAnon“. Anhänger tauchten dort in größerer Zahl als bislang mit entsprechenden T-Shirts und Schildern auf und schafften es so landesweit in die Nachrichten.

Mitmachsubkultur für Trump-Fans

Entstanden ist „QAnon“ Ende 2017 auf der berüchtigten Troll-Website „4chan“, wo ein anonymer Nutzer unter dem Namen Q Nachrichten voller Andeutungen hinterließ, von den Jüngern „Krümel“ genannt. Die kryptischen Wortmeldungen, angeblich aus dem innersten Zirkel um Trump, werden von einer offenbar wachsenden Anhängerschaft in den sozialen Netzwerken diskutiert, interpretiert und mit vermeintlichen Beweisen angereichert.

So ist eine Mitmachsubkultur entstanden, die wohl auch ohne Gurus wie Jones auskommen dürfte, der aber längst auf den Zug aufgesprungen ist. Sie bietet Trump-Fans eine grelle Parallelwelt, in der der Präsident heimlich einen „großen Sturm“ gegen den „tiefen Staat“ vorbereitet, Demokraten und Hollywood-Schauspieler in einen Kindesmissbrauchsring verwickelt sind und Robert E. Mueller nicht gegen Trumps Umfeld ermittelt, sondern gegen Hillary Clinton.

Längst ist nicht klar, wie viele der Menschen, die sich am verästelten „QAnon“-Hype im Netz beteiligen, tatsächlich überzeugte Anhänger sind oder bloß Trolle. Aber nicht nur der Fall Jones zeigt: Internet-Verschwörungstheorien können schnell verheerende Folgen haben – auch offline.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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