Lade Inhalte...

AKW-Bau in Brasilien Berlin bürgt für Schrottreaktor

Brasiliens einziges Atomkraftwerk liegt in einem geologischen Gebiet am Meer, in der Nähe von Millionen-Metropolen, und ist für Notabschaltungen berüchtigt. Nun soll die Anlage vergrößert werden - mit deutscher Hilfe.

18.03.2011 19:05
Matthias Thieme und Wolfgang Kunath
Blick auf den Reaktor Angra in Brasilien. Foto: REUTERS

Das Kernkraftwerk liegt in einem geologisch gefährdeten Gebiet am Meer, in der Nähe von Metropolen mit Millionen Menschen. Die Abklingbecken für alte Brennstäbe sind nur 50 Meter vom Strand entfernt, es gab schon zahlreiche Störfälle.

Gemeint ist nicht der Katastrophenreaktor Fukushima, sondern die einzige Atomanlage Brasiliens, deren für Notabschaltungen berüchtigte Reaktoren Angra?1 und 2 in einer erdrutschgefährdeten Bucht an der Atlantikküste stehen, zwischen den Megastädten Rio de Janeiro und Sao Paulo.

Jetzt soll die umstrittene Anlage auch noch vergrößert werden – mit deutscher Hilfe: Bürgschaften für den Reaktor Angra 3 über eine Milliarde Euro hat die Bundesregierung bereits zugesagt – doch die endgültige Unterschrift fehlt noch. Experten, Umweltverbände und die Oppositionsparteien im Bundestag laufen Sturm gegen das Projekt. Kann Kanzlerin Angela Merkel (CDU) das deutsche Atom-Engagement in Brasilien nach Japan noch rechtfertigen?

„Es ist pervers, Merkel exportiert eine apokalyptische Gefahr“, sagt etwa die grüne Abgeordnete Ute Koczy. „Im Ausland unterstützen wir veraltete Technologien und hier schalten wir sie ab.“ Die Bundesregierung müsse sich aus der Förderung des Atomprojektes sofort zurückziehen, fordert auch Greenpeace. Die Lage des brasilianischen Meilers an einer Steilhangküste sei kritisch, die Kühlung der Abklingbecken nicht sicher und die einzige Evakuierungsstraße nach Regenfällen oft unpassierbar, sagt Heinz Smital, Kernphysiker von Greenpeace. „Das ist eine skandalöse, heuchlerische und menschenverachtende Außenpolitik“, sagt der SPD-Abgeordnete Sascha Raabe. „Die Gewinninteressen eines deutschen Atom-Unternehmens werden höher eingeschätzt als das Leben von Millionen Menschen.“

Das Atomkraftwerk soll mit deutscher Hilfe 2013 in Betrieb gehen. Angra 3 soll vom deutsch-französischen Kraftwerkshersteller Areva gebaut werden, an dem Siemens beteiligt ist. Es geht um viel Geld. Bei einer Reise von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) durch Brasilien im März 2010 gefiel es Areva-Managern, wie Westerwelle sich bei der brasilianischen Regierung „massiv“ für die deutsche Atomwirtschaft einsetzte. Er wolle „die Außenwirtschaftsförderung nicht mehr mit spitzen Fingern anfassen“, sondern in das Zentrum der Außenpolitik rücken, sagte Westerwelle und sah ein „großes Potenzial für die friedliche Nutzung der Kernkraft“ in Brasilien.

Dabei ist die Geschichte der Atomkraft in Brasilien bisher eine Geschichte der Fehlschläge: Reaktor Angra?1 war ein von den USA erworbener Pleite-Meiler aus den Siebzigern, der zum Beispiel 1994 nur 14 Tage in Betrieb war. Der Siemens-Reaktor Angra 2 begann nach 25 Jahren Planungs- und Bauzeit erst im Jahr 2000 seine Stromproduktion.

Die Teile für den geplanten Reaktor Angra 3 wurden schon Anfang der 80er Jahre für 750 Millionen Dollar in Deutschland gekauft. Aber da für den Bau ein Vierteljahrhundert lang das Geld fehlte, lagern die Reaktorteile schon Jahrzente in einer Halle – angeblich gut geschützt gegen Feuchtigkeit, Salzwasser und Tropenhitze. Lagerkosten: 20 Millionen Dollar im Jahr.

Angesichts der aktuellen Lage in Japan werde Berlin die brasilianische Regierung konsultieren, um zu erörtern, „inwieweit sich nach den Ereignissen in Japan Auswirkungen auf die weiteren Verfahren und die anzuwendenden Standards beim Kernkraftwerk Angra?3 ergeben“, teilte das Wirtschaftsministerium am Freitag mit.

Die Antwort kann man in Brasilien schon hören: Die eigenen Kernkraftwerke seien sicherer als japanische, sagte Energie-Minister Edison Lobão, der vor drei Jahren verkündet hatte, in Brasilien künftig über 50 Atomkraftwerke bauen zu wollen. Lobão sieht „keine Notwendigkeit“ zur Kurskorrektur. „Wir haben gar keinen Grund, uns Sorgen zu machen!“ Atomkraft ist in Brasilien praktisch unumstritten.

Und so versicherte auch Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva bei der Genehmigung des Reaktors Angra?3, Brasiliens Atom-Technologie sei perfekt: Er könne „garantieren, dass in Brasilien niemals das passiert, was in Tschernobyl passiert ist“, sagte Lula. „Niemals.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen