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Afrika Schwere Vorwürfe gegen den WWF

Die Hilfsorganisation Survival International kritisiert ein WWF-Projekt wegen angeblicher Übergriffe gegen Pygmäen im zentralafrikanischen Staat Kamerun.

Pygmäen auf der Jagd. Ihre Traditionen bringen sie immer wieder in Konflikt mit dem Tierschutz. Foto: REUTERS

Auf den ersten Blick sieht der Vorgang nach einer rührenden David-gegen-Goliath-Geschichte aus. Die kleine Nichtregierungsorganisation Survival International fordert den größten privaten Naturschutzverband der Welt, den Wildlife-Fund for Nature (WWF), heraus und erzielt vor der Organisation für Ökonomische Entwicklung (OECD) einen bahnbrechenden Erfolg. Dort muss sich der WWF jetzt gegen den Vorwurf rechtfertigen, für die Drangsalierung eines Pygmäenvolks im zentralafrikanischen Staat Kamerun zumindest mitverantwortlich zu sein.

Der Fall erregt nicht nur wegen der Vorwürfe selbst internationales Aufsehen: Auch die Tatsache, dass eine gemeinnützige Organisation zum ersten Mal in der Geschichte wegen ihrer „Geschäftspraktiken“ vor das eigentlich für multinationale Konzerne eingerichtete Schiedsverfahren gezogen wird, schlägt Wellen. Als nächstes, sagen Experten, könnte etwa der Weltfußballverband Fifa vor dem Kadi der OECD landen.

Survivals Anschuldigungen zufolge trägt der WWF schon seit Jahrzehnten dazu bei, dass den im Südosten Kameruns beheimateten Baaka die Lebensgrundlage entzogen wird. Dort hatte die Regierung in Yaounde in den 90er Jahren auf Empfehlung der Naturschutzorganisation mehrere Tierreservate eingerichtet, offenbar ohne das Pygmäenvolk um dessen Meinung zu fragen.

Seither setzten vom WWF ausgebildete und mitfinanzierte Wildhüter das mit der Einrichtung der Reservate verbundene Jagdverbot brutal und rücksichtslos durch, klagt Survival: Pygmäen würden immer wieder geschlagen, ihre Hütten dem Erdboden gleichgemacht und ihr Besitz beschlagnahmt. „Die Ecoguards bringen Verhaftungen und Schläge, Folter und Tod über die Baaka“, moniert die Hilfsorganisation für indigene Völker.

Der WWF reagiert verhalten. Zunächst bedauert die Naturschutzorganisation, dass sie vom OECD wie ein Wirtschaftsunternehmen behandelt wird: Wo man doch „eine Non-Profit-Organisation mit langer Tradition“ sei, wie es in der WWF-Zentrale in Gland am Genfer See heißt. Grundsätzlich habe der Verband allerdings nichts dagegen einzuwenden, wenn sich die OECD künftig auch der Praxis gemeinnütziger Organisationen widme, sagt Johannes Kirchgatter, Afrika-Referent des deutschen Zweigs des WWF, auf Anfrage dieser Zeitung. Jedenfalls werde man mit der von der Schweizer Regierung eingerichteten Schiedsstelle der OECD „gerne“ kooperieren.

Im Zusammenhang mit den Vorwürfen der Menschenrechtsverletzungen räumt Kirchgatter, der die vier Naturschutzparks in Kamerun kennt, ein, dass es zwischen dem Pygmäenvolk und Vertretern der Regierung Kameruns Spannungen gibt: „Die Baaka sind zweifellos in einer schwierigen Situation.“ Derartige Spannungen ergeben sich bei der Einrichtung von Naturschutzgebieten fast zwangsläufig, weil die Interessen der lokalen Bevölkerung mit denen der Naturschützer, beziehungsweise der zu schützenden Tierwelt harmonisiert werden müssen. Auf diesem Gebiet hat der WWF nach den Worten Kirchgatters bereits einiges geleistet: In den Parks sollen „Sondernutzungszonen“ eingerichtet werden, in denen die Baaka Fische fangen, Pflanzen und Früchte sammeln, allerdings nicht jagen dürfen: „Eine spezielle Jagderlaubnis für Mitglieder des Baaka-Volkes könnte niemals überwacht werden.“ Stattdessen wurde gemeinsam mit den Pygmäen ein „Gemeindewald“ hochgezogen sowie zu Gunsten der Urwaldbewohner ein Gesundheitssystem aufgebaut.

Als die Vorwürfe gegen die Ecoguards aufkamen (denen übrigens auch Baaka angehören), habe der WWF bei der Ausbildung der Ranger auf ein Fach „Einhaltung der Menschenrechte“ bestanden, schließlich werde auch ein Menschenrechtsbüro eingerichtet, an das sich Baaka bei Konflikten wenden können.

Dass es tatsächlich zu Übergriffen der Ecoguards gekommen sei, will Kirchgatter nicht ausschließen. Einzelnen Baaka wird allerdings auch vorgeworfen, mit Wilderern zusammenzuarbeiten – ein Vorwurf, den selbst Survival nicht bestreitet. Der WWF habe die Londoner Organisation aufgefordert, Details der Übergriffe mitzuteilen, damit der WWF den Anschuldigungen nachgehen könne, sagte Kirchgatter: Doch die Organisation habe sich darauf nicht eingelassen. „Denen geht es in Wahrheit gar nicht um eine Lösung des Konfliktes“, sagt der WWF-Referent: „Wir wären froh, wenn Survival konstruktive Vorschläge unterbreiten würde.“

An hilfreichen Anregungen ist Survival auch in anderen Zusammenhängen nicht gelegen. In Botswana bezichtigt Survival schon seit Jahrzehnten die Regierung des „Völkermordes“ an den Buschleuten. Der völlig überzogene Vorwurf bezieht sich auch da auf den Konflikt zwischen Naturschützern und einheimischer Bevölkerung: Die Regierung erlaubt es den Buschleuten nicht, mit ihren Haustieren (Ziegen und Hunden) im Naturreservat zu leben – aus Furcht vor Wilderei und der Übertragung von Krankheiten.

Tatsächlich kann an der Behandlung der Buschleute seitens der botswanischen Regierung durchaus Kritik geübt werden. Doch der von Survival erhobene absurde Genozid-Vorwurf, ihre Idealisierung der Buschleute fernab jedweder kritischen Reflexion sowie ihre Forderung eines Boykotts des vom Tourismus abhängigen afrikanischen Musterstaats (laut Transparency International die niedrigste Anfälligkeit für Korruption des ganzen Kontinents) haben den botswanischen Konflikt nur noch weiter angeheizt.

In der Metapher vom Kampf eines Davids gegen einen Goliath stimmen also höchstens die Größenverhältnisse. Mit einem Jahresetat von zwei Millionen Euro ist Survival International 33 mal kleiner als der WWF und kann sich im Gegensatz zu dem Naturschutzriesen keine ständige Präsenz in Kamerun oder Botswana leisten. Auf Konfliktlösungsmöglichkeiten vor Ort scheint es den Freunden bedrohter Völker deshalb auch weniger anzukommen als auf starke Sprüche zur Steigerung von Spendengeldern. Naturschutzorganisationen wie dem WWF wirft Survival International „grünen Kolonialismus“ vor: „Stopp the Con!“ lautet ein Motto der Organisation, das absichtlich zweideutig sowohl „Stoppt den Betrug“, wie „Stoppt den Naturschutz“ (von „Conservation“: Bewahrung) bedeuten kann.

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