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Afghanistan Wahlkampf mit der Kalaschnikow

Am Samstag bestimmen die Afghanen ein neues Parlament - und fürchten die immer stärker werdenden Taliban. Die Hauptstadt Kabul ist längst zur Festung geworden.

Vor den Parlamentswahlen in Afghanistan
Mitarbeiter der Unabhängigen Wahlkommission tragen eine Kiste mit Wahlmaterial zu einem Hubschrauber in der Provinz Kandahar. Foto: dpa

Mohammad Akagul Mohammedi scheint die Selbstsicherheit in Person. „Wir haben rund 200 Talibankämpfer in fünf der sieben Täler des Gebiets von Shinwari“, erzählt der 50-jährige Distriktchef und zupft an seinem dunklen Anzug herum, „aber viele von denen sind bereit, ihre Waffen niederzulegen.“ Wir sitzen bei Akagul zum Tee. Da dringen plötzlich abgehackte Töne einer Maschinengewehrsalve durch das Fenster seines Büros. Sie sind schwach, aber deutlich zu hören. Dann klingelt das Mobiltelefon. „Rund vier Kilometer von hier haben Taliban die Wahlkampfkarawane des Parlamentskandidaten Abdul Satar Khawasi angegriffen“, sagt Akagul, Er grinst verlegen und fügt hinzu: „Ein kleiner unbedeutender Zwischenfall.“

Der von ihm gewünschte Eindruck, dass im Kampf gegen die radikalislamischen Taliban Fortschritte erzielt werden, soll noch einen weiteren Kratzer erhalten: Akaguls Geheimdienstchef, der bislang schweigend neben dem Verwaltungschef den sporadischen Schusssalven in der Ferne gelauscht hat, schnappt nach einem weiteren Telefonanruf seine Kalaschnikow und sagt: „Ich muss dahin, um zu kämpfen.“

Draußen vor der Distriktverwaltung stoppen Autos auf der Straße, die auf dem Weg in das 120 Kilometer entfernte Bamiyan waren. Passagiere und Anwohner starren voller Sorge in die Ferne. Vor kurzem hat in Afghanistan der Wahlkampf für die Parlamentswahlen am 20. Oktober begonnen. Das Gefecht scheint alle Befürchtungen zu bestätigen, das Afghanistan einen heißen Oktober erleben könnte. Die Talibanmilizen haben zum Boykott des Urnengangs aufgerufen.

Die Schießerei von Shinwari schafft es nicht einmal in die afghanischen Nachrichten. Aber die Taliban-Aktion, ganze 95 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt, macht deutlich: Sie meinen ihre Drohungen ernst.

Dabei verlangt der attackierte Kandidat Khawasi von der fundamentalistischen Gruppe „Hezb-I-Islami“ etwas, das die Taliban voll unterschreiben könnten: Er fordert die Einführung der islamischen Scharia-Gesetzgebung. Aber die islamistischen Milizen träumen von einem großen Ziel. „Wir werden nach Kabul zurückzukehren und die Macht übernehmen. Aber wir benötigen Zeit“, erklärt per Telefon Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahed auf Anfrage der Frankfurter Rundschau.

Die Aussage klingt arg nach Propaganda. Aber in dem kleinen, 80.000 Einwohner zählenden Shinwari-Distrikt entlang einer malerischen, parallel zu einem Fluß verlaufenden Straße in der Provinz Parwan demonstrieren die Taliban mehr als deutlich, dass sie vier Jahre nach dem weitgehenden Abzug der Nato vom Hindukusch überall zuschlagen können. Die Millionenmetropole Kabul ist gerade einmal zwei Stunden Autofahrt entfernt. Sie ist längst zu einer gigantischen Festung geworden, die von allen Seiten belagert wird – der Arm der Sicherheitskräfte reicht höchstens 50 bis 100 Kilometer weit.

Rund 13.000 ausländische Soldaten sowie eine unbekannte Zahl sogenannter „Contractors“ – moderne Söldner – sollen sich gegenwärtig in Afghanistan aufhalten. Die Bundeswehr betreibt am Hindukusch seit Anfang dieses Jahres wieder ihre größte Auslandsoperation. Mit 1700 zivilen Todesopfern während der ersten sechs Monate dieses Jahres erreichte der Konflikt seit dem Jahr 2008, in dem die Statistik erstmals erhoben wurde, eine neue Höchstmarke.

Zehntausende der insgesamt 350.000 Mann starken Sicherheitskräfte haben dem Dienst längst den Rücken gekehrt. Täglich sterben laut Militärexperten 30 bis 40 Soldaten und Polizisten im Kugelhagel der Taliban. Rund 50 Prozent des afghanischen Territoriums befinden sich unter Taliban-Kontrolle. In der anderen Hälfte haben die Milizen oft zumindest teilweise das Sagen. Die Lage ist so düster, dass bei den Parlamentswahlen am kommenden Samstag außerhalb der Städte in vielen Regionen gar keine Wahlen abgehalten werden können. Wie zum Beweis wurde am Mittwoch in der südlichen Provinz Helmand erneut ein Parlamentarier getötet: Er starb bei einem Bombenanschlag in seinem Wahlkampfbüro, die Taliban übernahmen die Verantwortung.

Allerdings: Während Kabuls Präsident Ashraf Ghani angesichts der Probleme wankt, jagen seit Juni auch bei den Taliban Schockwellen durch die Reihen. Während einer Feuerpause im Juni zum islamischen Eid-al-Fitr (Fastenbrechen) gab es nicht nur Verbrüderungsszenen zwischen afghanischen Soldaten und bewaffneten Taliban-Kämpfern. Eine spürbare Zahl von Gotteskriegern nutzte die Gelegenheit offenbar, um sich abzusetzen. „Die Talibanführung musste feststellen, dass viele ihrer Kämpfer kriegsmüde sind“, sagt Muhammed Amin Kareem, ein enger Gefolgsmann des Führers der Gruppe „Hezb-i-Islami“, Gulbuddin Hekmatyar.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Afghanistan

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