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Afghanistan Offensive der Taliban

Westliche Elitesoldaten greifen in Kampf um Helmand ein. Seit 2001 sind in der Provinz rund 100 britische Soldaten ums Leben gekommen.

Afghanische Soldaten auf Patrouille in der Provinz Helmand. Foto: dpa

Nur etwa zweieinhalb Monate nach dem vorübergehenden Fall der nordafghanischen Stadt Kundus stehen Afghanistans 350 000 Mann starke Sicherheitskräfte im Kampf gegen die maximal 35 000 Kämpfer der radikal-islamischen Talibanmilizen erneut mit dem Rücken zur Wand. Im Distrikt Sangin der Südprovinz Helmand, in dessen Umgebung seit 2001 rund 100 britische Soldaten ums Leben kamen, versuchen nun 30 Elitesoldaten aus Großbritannien und 60 Special Forces der USA, die Regierungsgegner an der Eroberung des Polizeihauptquartiers und anderer Zufluchtsstätten afghanischer Regierungsbehörden zu hindern.

Alarmiert wurden die Regierung von Präsident Aschraf Ghani und General John F. Campbell, der als Chef der Mission „Resolute Support“ längst zum wichtigsten Feldherrn am Hindukusch wurde, offenbar von einem öffentlichen Facebook-Eintrag des stellvertretenden Polizeichefs der Opiumhochburg Helmand. „Wir hatten 90 Tote und haben kaum noch Munition“, schrieb der verzweifelte Offizier aus Sangin an seinen Staatschef, „aber Ihre Mitarbeiter informieren Sie falsch und behaupten, alles sei in Ordnung.“ Helmands Gouverneur Mirsa Khan Rahimi hielt dagegen am Dienstag an der Darstellung fest: „Bei uns ist alles in Ordnung.“

Der Sangin-Distrikt liegt an der Straßenverbindung zwischen einem unter viel Mühe gebauten Stromkraftwerk an einem Stausee und Helmands Provinzhauptstadt Laschkar Gah. Die Ufer entlang der Flussläufe gehören zu Afghanistans wichtigsten Mohnanbaugebieten. Während der vergangenen Monate versuchten dort sowohl die Taliban-Milizen wie auch die Nato und die Regierung in Kabul, neue Gruppen von Daesh, wie die Terrorgruppe Islamischer Staat auf Arabisch heißt, zu liquidieren.

Unter dem immer noch einflussreichen Ex-Präsidenten Hamid Karsai wurde die Provinz zudem oft im Zusammenhang mit Plänen genannt, in zwei oder drei südlichen Provinzen eine Art Enklave für die Talibanmilizen zu bilden. Das Ziel: Das Oberkommando der Gotteskrieger, bislang überwiegend in den pakistanischen Grenzstädten Peschawar und Quetta beheimatet, sollte so dem massiven Einfluss aus Islamabad entzogen werden.

Präsident Ghani in Bedrängnis

Ob sich die Taliban nun auf eigene Faust der Provinz Helmand bemächtigen wollen, ist unklar. Sicher scheint, dass sie kaum in der Lage sein werden, mehr als ein paar Distrikte in der Provinz zu kontrollieren. Helmand beherbergt neben Kandahar und Bagram nahe der Hauptstadt Kabul den dritten wichtigen Stützpunkt der verbliebenen knapp 10 000 US-Soldaten sowie zahlreicher Söldner.

Das afghanische Verteidigungsministerium, dessen Generäle schon im Fall Kundus versagt hatten, versuchte im Fall Sangin, den Schein zu wahren. „Die ausländischen Spezialkräfte sind nur zur Beratung vor Ort“, hieß es in einer Mitteilung. In Kundus sah die „Beratung“ Anfang Oktober so aus: Spezialeinheiten der USA griffen am ersten Tag in die Kämpfe ein. Afghanische Truppen wurden von der Front abgezogen, weil die US-Soldaten ihren afghanischen Verbündeten misstrauten und Anschläge fürchteten. Ähnlich sieht es nun in Sangin aus.

Die Talibanoffensive in Helmand bringt vor allem Präsident Ghani in Bedrängnis. In den nächsten Tagen wird Pakistans Armeechef Raheel Scharif in Kabul erwartet, um Verhandlungen zwischen Afghanistan, den Taliban, Pakistan, den USA und China vorzubereiten. Angesichts der Lage in Sangin wächst bei Politikern im Norden Afghanistans, in weiten Teilen des Geheimdienstes und im Offizierskorps der Streitkräfte der Widerstand gegen diese Gespräche.

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