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Afghanistan-Experte „Sicherheit darf sich nicht auflösen“

Afghanistan-Experte Thomas Ruttig erklärt im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, wie die radikal-islamischen Taliban-Milizen zurück an die Macht wollen.

Members of Afghan security forces cross a road as smoke billows from the site of an attack near the Afghan parliament in Kabul, Afghanistan
"Armee und Polizei, zusammen 321 000 Mann, kann die afghanische Regierung nur mit Hilfe ausländischer Mittel bezahlen – das kostet mindestens 4,1 Milliarden Dollar im Jahr", stellt Ruttig fest. Im Bild: Sicherheitskräfte nahe des afghanischen Parlaments in Kabul. Foto: REUTERS

Herr Ruttig, die Taliban haben auf das afghanische Parlament einen Anschlag verübt. Zudem haben die radikalen Islamisten Distrikte erobert. Versuchen sich die Taliban mit der Frühjahrsoffensive nach dem Abzug der internationalen Kampftruppen an die Macht zu bomben?
Die Wiedererlangung der Macht ist grundsätzlich ihr Ziel. Ob sie das mit der Frühjahrsoffensive erreichen wollen und können, glaube ich eher nicht. Die Situation ist nicht am Kippen, es wird aber intensiver gekämpft. Es ist nicht so, dass permanent die Taliban die Regierungskräfte zurückdrängen, es ist eher ein hin und her. Zwei der drei Distrikte, die die Taliban in den vergangenen Wochen eingenommen haben, eroberten Soldaten bereits wieder zurück.

Besteht noch Hoffnung, dass die Taliban politisch eingebunden werden? Die USA haben es versucht, die neue Regierung in Kabul strebt dieses Ziel auch.
Versuche gab und gibt es. Aber das ist bisher nicht über Vorgespräche hinausgekommen. Die Taliban lehnen nach wie vor direkte Kontakte mit der Regierung ab. Gleichzeitig versuchen sie wie viele bewaffnete Gruppen während solcher Gespräche, militärisch in die Vorhand zu kommen, um aus einer Position der Stärke zu verhandeln. So lassen sich die derzeitigen Kämpfe auch verstehen. Dazu kommt, dass der Fastenmonat Ramadan begonnen hat. Aus diesem Anlass haben die Taliban immer versucht, ein Zeichen zu setzen. Der Angriff auf das Parlament bringt zwar viel Aufmerksamkeit, aber keinen strategischen Vorteil.

Sind die Taliban eine organisierte Gruppe oder sind sie eine unkoordinierte Aufstandsbewegung mit unterschiedlichen Führern in verschiedenen Gebieten?
Die Taliban-Bewegung bestehen aus vielen lokalen Fronten, die im taktischen Bereich weitgehend autonom agieren. Aber sie hat eine einheitliche Kommando-Struktur. Sie ist kein amorpher Haufen, wie es oft dargestellt wird. Das ist für mich Teil der psychologischen Kriegführung. Damit versuchen einige westliche Geheimdienste, die Bewegung zu spalten. Das ist ihnen aber nicht gelungen. Die Taliban sind eine islamische Bewegung, die sich über Religion legitimiert, mit einem Anführer, Mullah Omar, Oberhaupt der Gläubigen genannt. Das sorgt für Zusammenhalt. Für Friedensgespräche ist es auch besser, wenn es eine Führung gibt, mit der verhandelt werden kann.

Der Islamische Staat (IS) hat in Afghanistan Fuß gefasst. Wie stark sind die radikalislamistischen Terroristen in dem Land ?
Der IS ist in Afghanistan bisher eine marginale Erscheinung. Ende vergangenen Jahres erklärten sich Randgruppen der Taliban in Afghanistan und Pakistan zu Mitgliedern des IS. Die IS-Führung legitimierte sie. Selbst hat sie aber keine Kämpfer in diese Region gesandt. Die Taliban gingen sofort gegen die IS-Konkurrenz vor und beseitigten solche Gruppen in mehreren Provinzen. Nur in Nangrahar ist der Kampf zwischen Taliban und IS noch nicht entschieden.

Es gibt Berichte, wonach das afghanische Regierungs-Duo Mohammad Aschraf Ghani und Abdullah Abdullah korrupter sei als die Vorgänger-Regierung Hamid Karzai. Stimmt das?
Ich weiß nicht, wie man das messen will. Die neue Regierung ist mit einem Antikorruptions-Programm angetreten. Während des ersten knappen Jahres in der Verantwortung hat sie aber gemerkt, wie schwer es ist, die unter Karzai entstandenen korrupten Netzwerke zu zerschlagen oder nur zu schwächen. Um gewählt zu werden, musste sie sich selbst auf solche Netzwerke stützen. Diese Netzwerke haben sich von westlichen Mitteln genährt; westliche Regierungen duldeten korrupte Warlords, um sie als Verbündete gegen die Taliban bei der Stange zu halten. Es ist zu früh, der jetzigen Regierung vorzuwerfen, sie sei korrupt. Aber letztlich zählen Taten, nicht Reden.

Wie hoch ist die Kampfkraft der afghanischen Armee?
Bisher hat die afghanische Armee von Taliban eroberte Distrikte fast immer wieder unter ihre Kontrolle gebracht. Es waren aber immer aufwändige und schwierige Einsätze. Der Armee fehlen logistische Fähigkeiten, die im Jahrzehnt zuvor die Internationalen Schutztruppe bereit stellte. Knapp sind Flugzeuge und Hubschrauber für den Transport von Soldaten und Waffen und den Abtransport von Verwundeten. Deshalb reagiert die Armee meist spät. Das sichert den Taliban kurzfristige Erfolge – beispielsweise in Kundus oder im benachbarten Badachschan, wo die Bundeswehr stationiert war. Ein weiteres Problem sind Milizen, mit denen Staaten des internationalen Bündnisses in einigen Regionen kooperieren, um die Taliban zu bekämpfen. Diese Milizen sind schwer zu kontrollieren, ihre Loyalität ist fraglich, zumal sie nur unregelmäßig bezahlt werden. Für Afghanistans Zukunft stellen sie eher eine Gefahr dar.

Wie steht es um die Finanzierung der Sicherheitskräfte?
Armee und Polizei, zusammen 321 000 Mann, kann die afghanische Regierung nur mit Hilfe ausländischer Mittel bezahlen – das kostet mindestens 4,1 Milliarden Dollar im Jahr. Das kann nicht ewig weiter gehen.

Das Internationale Staatenbündnis wollte das Land auch wirtschaftlich voranbringen. Wie sieht es damit aus?
Das Bündnis hat sich vor allem auf den militärischen Bereich konzentriert. Andere Bereiche wie Aufbau staatlicher oder wirtschaftlicher Strukturen hinken immer noch hinterher. Zudem hindert die unsichere Lage inländische und ausländische Investoren sich zu engagieren. Afghanen bringen ihr Geld lieber ins Ausland, solange sie nicht wissen, wie sich das Land entwickelt. Das Programm der afghanischen Regierung sieht vor, dass das Land in zehn Jahren auf eigenen Beinen stehen kann. Davon ist bereits ein Jahr verstrichen, die ökonomische Entwicklung ist weiter rückläufig und die Staatseinnahmen gehen weiter zurück. Deshalb sind Friedensgespräche mit den Taliban so wichtig. Erst wenn der Krieg beendet ist, wird das ökonomische Potential genutzt werden können.

Hilfsorganisationen sind immer wieder Ziel der Taliban. Im Frühjahr entführten sie einen deutschen GIZ-Beschäftigten. Wie ist die Stimmung bei diesen Einrichtungen?
Deutschland und andere Staaten haben versprochen, sich weiter zu engagieren. Staatliche Hilfsorganisationen, wie die deutsche GIZ, sind in Regierungspolitik eingebunden. Angesichts der Lage mussten sie ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärken. Entführungen lassen sich aber nicht völlig ausschließen. Jüngst wurden neun afghanische Mitarbeiter einer nichtstaatlichen tschechischen Organisation entführt und ermordet. Diese Organisation zog sich zunächst zurück, will aber im Land weiter machen. So ähnlich verhalten sich viele nichtstaatliche Organisationen. Kompliziert wird diese Lage, weil nicht nur Taliban sondern auch Kriminelle Menschen entführen und sie meistbietend verkaufen.

Muss der Westen seine Strategie ändern und sich wieder stärker engagieren?
Derzeit ist es wichtig, die afghanischen Sicherheitskräfte zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass sie sich nicht von den Rändern her auflösen. Der Westen muss sich aber klar machen: Afghanistan wird in zehn Jahren nicht auf eigenen Beinen stehen, wird also weiter auf fremde Hilfe angewiesen bleiben. Viele der derzeitigen Probleme wurden durch den internationalen Einsatz verschärft. Deshalb darf sich der Westen nicht komplett aus Afghanistan zurückziehen. Wichtig wäre, den Staat demokratischer zu organisieren. Damit könnte man die korrupten Eliten zurückdrängen.

Interview: Andreas Schwarzkopf

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