Lade Inhalte...

Afghanistan Blutspur in der Ringkampfhalle

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ will in Afghanistan für Angst und Panik sorgen. Wie die Menschen in Kabul nach den Selbstmordattentaten weiterleben.

Kabul - Ort eines Selbstmordanschlags
Zerfetztes Wellblech, durchlöcherte Eisentür: die Müllhalde des Selbstmordanschlags hinter dem Gebäude des Maiwand-Ringerklubs in Kabuls Stadtteil Dasht-e-Barchi. Foto: Willi Germund

Die Halle des Maiwand-Omid- Ringerklubs riecht nach frischer Farbe. Vor dem Eingang an der Al-Zahra-Straße in Kabuls Stadtteil Dasht-e-Barchi ziehen Maurer eine neue Wand. Handwerker montieren in mehreren Metern Abstand drei schwere Stahltüren mit schmalen Sehschlitzen. Der 27-jährige Verwalter Ahmed Zia treibt die Arbeiter zur Eile. In ein paar Tagen soll der frisch renovierte Ringerklub samt aufwendiger Sicherheitsvorkehrungen nach mehreren Wochen wieder seine Tore öffnen. Das Dach bereitet dem Verwalter freilich Sorgen. Die Isoliermatten an der hohen Decke wurden von Bombensplittern beschädigt. Bei jeder Erschütterung und jedem starken Windstoß rieseln große verschmorte Krümel vom Dach auf den neuen Betonboden der renovierten Ringkampfhalle. „Das sind Fleischfetzen von Opfern des Selbstmordanschlags“, sagt Zia. 

25 Menschen starben und 62 Afghanen wurden verletzt, als am 20. September eine gewaltige Bombe am Eingang der Halle explodierte. Aufnahmen der Überwachungskameras des Klubs zeigen den Selbstmordattentäter, als er aus einem Auto stieg und sich eine letzte Zigarette anzündete. Dann zückte der junge Mann eine Pistole und schoss sich den Weg zur der Halle frei, in der Dutzende von jungen Afghanen der schiitischen Minderheit der Hazaras für ein Turnier trainierten. 

Ohne den Klubbetreiber Gulam Abbas Adina wäre das Blutbad noch schlimmer ausgefallen. Der 57-jährige, vor Kraft strotzende frühere Ringkämpfer, dessen rechtes Ohr nach vielen Kämpfen einem kleinen Blumenkohl ähnelt, blockierte mit dem linken Arm die Eisentür am Eingang der Halle, um den Attentäter der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) zu stoppen. Der Extremist zündete seinen Sprengsatz. Die Eingangstür wurde von der Bombe weggerissen. Die Explosion schlug eine blutige Schneise durch die Halle. Der linke Arm von Gulam wurde zerfetzt. 

Wochen später sitzt der 57-jährige Vater von vier Kindern in einem blitzsauberen Pyjama am Eingang von Kabuls „Emergency Hospital“, einem von Italienern betriebenem, auf Kriegsverletzte spezialisiertes Krankenhaus in der Stadtmitte von Kabul. Die Splitter, die seinen Magen durchbohrten, sind entfernt. Die Wunde ist verheilt. Der linke Ärmel des Schlafanzug hängt schlaff herunter. „Ich weiß nicht, wie viele meiner 250 früheren Studenten nach der Neueröffnung wiederkommen werden“, sagt Gulam, „viele von ihnen haben Angst.“ 

Der Stadtteil Dasht-e-Barchi der afghanischen Hauptstadt, in dem Hunderttausende von Angehörigen der schiitischen Hazara-Minderheit leben, weist Dutzende von Ringerklubs auf. Freistilringen ist ein afghanischer Volkssport. Die berühmtesten Kämpfer werden verehrt und bewundert wie Fußballstars in Europa. Viele verdingen sich nebenher beim Buzkashi, einem wilden Mannschaftssport, bei dem zwei Teams auf sattellosen Pferden sich gegenseitig einen Schafkadaver abjagen. 

„Daesh“, wie der IS auch genannt wird, traf mit dem Attentat im September die Seele der Hazaras. Den Extremisten zählen die Schiiten am Hindukusch ebenso zu den „Ungläubigen“ wie Christen. „Es hat während der vergangenen vier Jahre 26 Attacken auf unsere Moscheen, Schulen und jetzt auf den ersten Ringerklub gegeben“, sagt der 40-jährige Mohammed Jawad Ghawgari von Kabuls „Rat schiitischer Geistlicher“, „dabei kamen 1200 Menschen ums Leben, 1800 wurden verletzt.“ Der Geistliche hegt keine Zweifel über die Täter: „Die meisten dieser Anschläge gehen auf das Konto des IS.“ 

Als Ende 2014 die meisten westlichen Kampftruppen der Nato Afghanistan verließen, gab es noch keine Spur des IS am Hindukusch. Knapp vier Jahre später gehen Experten von einer Gesamtzahl von etwa 5000 Extremisten aus, die in Afghanistan aktiv sind. Sie setzen sich aus einem Sammelsurium von früheren Kämpfern aus den Reihen der radikalislamischen afghanischen Talibanmilizen, Extremisten der früheren „Islamic Movement Usbekistan“ und vereinzelten Zuwanderern aus Syrien sowie dem Irak zusammen. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Afghanistan

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen