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AfD und CDU Ralf Rangnick coacht Sachsens CDU

Der Union in Sachsen sitzt die AfD im Nacken, da sucht sie Rat – zum Beispiel beim RB-Leipzig-Sportchef Ralf Rangnick.

Ralf Rangnick
Würde den Etat des Sozialministeriums verdoppeln: CDU-Motivator Ralf Rangnick vom RB Leipzig. Foto: afp

Die Frage musste kommen. Was denn er tun würde, wenn er der Ministerpräsident von Sachsen wäre, wird Ralf Rangnick gefragt, der Sportdirektor des Bundesligisten RB Leipzig, den sich die sächsische CDU am Montagabend als kleinen Muntermacher zur „Denkfabrik Sachsen“ in den Dresdner Flughafen eingeladen hat. Fast tausend Leute sind gekommen und lauschen gespannt, was der erfahrene Sportmanager dem noch frischen Regierungschef Michael Kretschmer zu raten hat.

Kurzes Grübeln, dann legt der 59-jährige Schwabe los: Mit jedem Minister mal zwei bis drei Stunden intensiv zusammensitzen, schlägt Rangnick vor. Reden, checken, was gebraucht wird. „Den Etat des Sozialministeriums würde ich morgen sofort verdoppeln“, meint Rangnick, was den Zuhörern ein erstauntes Oh entlockt. Ansonsten gelten wohl auch in der Politik fußballerische Grundtugenden: mutig sein, offensiv agieren, nicht langweilig werden, bei den eigenen Werten bleiben. Vor allem: „Bei Gegenwind den Kurs halten.“

Gar nicht so einfach. Sachsens CDU und ihr Chef Kretschmer stehen seit Monaten im scharfen Gegenwind. Die AfD sitzt der sieggewohnten CDU im Nacken. Bei der Bundestagswahl lag sie in Sachsen knapp, aber doch vor der Union. Im Spätsommer 2019 ist Landtagswahl. Und da entscheidet sich, ob das CDU-Ergebnis vom September 2017 (CDU: 26,9 Prozent, AfD: 27 Prozent) eine Ausnahme war. Die AfD verkündet landauf, landab, sie werde stärkste Fraktion werden. Sie tut sich gerade endgültig mit der Pegida-Bewegung zusammen und will ab Herbst 2019 mindestens mitregieren. Die AfD ist der CDU in die Knochen gefahren. Sie macht Angst und verleiht Flügel.

Kretschmer muss einen unglaublichen Spagat vollführen: Er muss in Sachsen vieles reparieren, darf aber nicht so tun, als hätten 27 Jahre CDU-Politik zu dem Schlamassel geführt. Er muss umsteuern und Fehler korrigieren und das in einer Partei, die sich seit Kurt Biedenkopf immer für unfehlbar gehalten hat.

Katastrophal ist die Bilanz der Schulpolitik: Einerseits immer gut bei Pisa-Tests, andererseits wider allen Volkszorn lahmgespart. Es fehlen seit Jahren Hunderte Lehrer, Eltern gehen auf die Barrikaden, über 1000 Schulen wurden geschlossen, Stunden fallen aus, Quereinsteiger sollen Lücken stopfen. Und das alles, obwohl genug Geld da ist und innerhalb der CDU-Fraktion schon vor zehn Jahren kluge Köpfe dringend vor dem aufziehenden Mangel warnten. „Wir werden viele Hundert Millionen Euro in die Hand nehmen“, verspricht Kretschmer nun auch am Montag. Junge sächsische Lehrer, die woanders arbeiten, sollen zurückgeholt werden. „Die besten Leute vor die Klassen. Wir haben verstanden.“

Den Frust der CDU aufbrechen

Seit Monaten rennt Kretschmer durch Sachsen und versucht, den abgerissenen Gesprächsfaden zwischen Volk und Politik wieder zusammenzuknoten. Er muss die miese Stimmung bekämpfen, den Frust aufbrechen. Also lädt er zu seinen „Denkfabriken“ über Ehrenamt, frühkindliche Erziehung, Wirtschaft oder Start-ups. Er lädt zum „Sachsengespräch“, Runden irgendwo zwischen Görlitz und Zwickau, wo kommen kann, wer will, um zu schimpfen, um zu loben, um mitzumachen oder was auch immer. Manchmal rutscht es Kretschmer offen heraus, was das Ganze soll: „Den Spieß umdrehen“, nennt er die Strategie. „Zuhören, andere entscheiden lassen. Nicht die Politiker sagen, wo es langgeht.“ Das ist neu und einigermaßen demütig. Es ist das Gegenteil von der Politik seiner Vorgänger Biedenkopf, Milbradt und Tillich, die automatisch wiedergewählt wurden und dabei niemandem zuhören mussten. 

Rangnick erlaubt sich am Montagabend noch den Hinweis, dass es nicht angehe, wenn Fußballfans in Dresden, Aue oder Leipzig schwarze Stars anfeuerten und nach dem Spiel meinten dann einige, es gebe zu viele Ausländer. Das passe nicht zusammen. Da könne man vom Sport, besonders dem RB Leipzig, etwas lernen, nämlich „gelebte Integration“. Acht von 24 Spielern deutsch. „Und das sind alles meine Jungs.“ Heile Welt Profifußball. Klingt gut. Am Ende gibt es herzlichen Applaus für Rangnick. Und natürlich ein erzgebirgisches Räuchermännchen in Sporthosen. 

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