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AfD im Bundestag Gedenkstunde mit Rechtsradikalen

Der Bundestag erinnert an die Befreiung von Auschwitz vor 73 Jahren. Der Bezug zur Gegenwart ist stark wie nie zuvor, denn zum ersten Mal ist mit der AfD eine rechte Partei dabei.

GERMANY-POLITICS-HOLOCAUST
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geleitet Anita Lasker-Wallfisch in den Sitzungssaal im Reichstag. Foto: afp

Alexander Gauland klatscht. Aber er tut es wie in Zeitlupe. Ein bisschen so, als wolle er nicht. Oder als sei er so tief in Gedanken versunken, dass ihm die eigene Langsamkeit gar nicht mehr auffällt. Bei einzelnen AfD-Abgeordneten verhält es sich ähnlich wie bei dem 76-jährigen Fraktionsvorsitzenden, den nicht wenige für einen Antisemiten halten.

Doch, die Mehrheit spendet Beifall, als Anita Lasker-Wallfisch geendet hat. Die 92-jährige Jüdin ist dem Konzentrationslager Auschwitz entronnen und hält im Bundestag die Gedenkrede zu dessen Befreiung. Eine Minderheit indes applaudiert nur widerwillig oder eben gar nicht – so etwa der bayerische Parlamentarier Hansjörg Müller oder Detlev Spangenberg aus Sachsen. Und als Lasker-Wallfisch die anfangs offene deutsche Flüchtlingspolitik rühmt, da regt sich in den Reihen der AfD keine Hand. Das Parlament, so viel ist sicher, erlebt an diesem 31. Januar 2018 doppelt denkwürdige Minuten.

Zunächst ist da diese Gedenkstunde, die tatsächlich ziemlich genau 60 Minuten dauert und die von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble eröffnet wird. Es ist der erste große Auftritt des Christdemokraten in neuer Funktion. Schäuble, Jahrgang 1942, spricht schnörkellos. „Aus der Schuld, die Deutsche in den zwölf Jahren der NS-Diktatur auf sich geladen haben, wächst uns nachfolgenden Generationen eine besondere Verantwortung zu“, mahnt er. Um ihre Freiheit zu sichern, brauche eine Gesellschaft eine konsequente Haltung gegen jede Art der Ausgrenzung, bevor es zu spät sei. „Wie zerbrechlich die Freiheit, wie fragil die zivile Gesellschaft ist“, das sei die Lehre aus dem Nationalsozialismus, sagt der CDU-Politiker. „Die Menschenwürde ist verletzlich.“ Die Parallelen zur Gegenwart sind unübersehbar. So dürften Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte ebenso wenig hingenommen werden wie antisemitische Attacken. „Hetze und Gewalt“, sagt Schäuble, „dürfen in unserer Gesellschaft keinen Raum haben.“

Auch erinnert er daran, dass die Zerstörung der Demokratie in den 30er-Jahren nach Regierungsübernahme der Nationalsozialisten sehr schnell gegangen sei und die Mehrheit dazu geschwiegen habe. Wie einen Refrain wiederholt Schäuble den Satz: „An Auschwitz scheitert jede Gewissheit.“ Anschließend spricht Lasker-Wallfisch, die in Auschwitz Cello hat spielen dürfen und müssen. Es sicherte ihr das Überleben. Sie wurde in Breslau geboren und beschreibt den Aufstieg der Nazis anhand des eigenen Lebens. Sie sei auf der Straße bespuckt und als dreckige Jüdin beschimpft worden, habe im Gefängnis gesessen und sei dann nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Sie sagt aber auch, die Deutschen von heute trügen keine Schuld mehr für das, was geschehen sei. Dennoch müssten sie dafür Sorge tragen, dass derlei nicht wieder geschehe. Erst kürzlich sei sie von einem Bürger in einem Lokal mit dem Hinweis attackiert worden, das Thema Auschwitz verderbe die Atmosphäre. Das wäre vor fünf Jahren vielleicht noch nicht passiert, glaubt Lasker-Wallfisch. Die bald nach dem Krieg aus Deutschland Emigrierte schließt gleichwohl versöhnlich. „Mein Hass auf alles, was deutsch war, war grenzenlos“, erklärte sie. Doch Hass sei letztlich ein Gift, das den Hassenden selbst vergifte.

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