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AfD Haben sich die Petry-Gegner zu früh gefreut?

Seit Wochen sendet die AfD-Chefin unklare Signale. Jetzt verkündet Frauke Petry: Sie will nicht mehr Spitzenkandidatin sein. Gibt sie auf oder erhöht sie nur den Einsatz im Machtpoker?

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Frauke Petry ist angeschlagen. Foto: BILAN/EPA/REX/Shutterstock (Rex Features)

Es ist bereits Nachmittag, als die Botschaft von Frauke Petry eintrifft. Sie hatte sie angekündigt. Aber nun sind der Zeitpunkt und der Inhalt doch überraschend. Sie stehe als Spitzenkandidatin nicht zur Verfügung, sagte die AfD-Chefin in einer Videobotschaft im Internet. Weder allein noch als Teil eines Teams.

Dass es beim Bundesparteitag der Alternative für Deutschland an diesem Wochenende in Köln zu einem Showdown kommen könnte, war vorher klar. Dass aber ausgerechnet Frauke Petry selbst die Waffen strecken würde – oder zumindest einen Teil davon, denn das Amt der Parteichefin wird in Köln nicht neu besetzt – kommt unerwartet.

Oder erhöht Petry nur den Einsatz bei ihrem Poker?

Seit Wochen sendet die AfD-Chefin unklare Signale. Zum Beispiel an jenem Abend im „Lindenhof“ im ostsächsischen Bad Muskau. Petry schaut in ihre Unterlagen, wirkt fokussiert – und zugleich doch teilnahmslos, als ob sie das Drumherum im Saal nicht interessiert. Die Menschen im Saal sind ihretwegen gekommen, doch zunächst halten die örtlichen AfD-Vertreter lange Monologe. Als es kurz um den Parteitag in Köln geht, der „von 3000 Polizisten“ bewacht werden müsse, wie ein Redner schimpft, brüllt ein Mann im Saal „Schwulenstadt“, Petry blickt nur kurz auf.

Doch erst, als nach gut zwei Stunden endlich Fragen dran sind, geht es nur noch um das Eine: den großen Krach, die endlosen Auseinandersetzungen in der Führung, die drohende Spaltung. Was aus Björn Höcke werden soll und möglicherweise auch aus Petry. Sie redet nun, als ginge sie vorsichtig über dünnes Eis. Es sei alles nicht so einfach, es gebe Themen, die müsse man behutsam anfassen. Die AfD müsse im Westen wählbar bleiben, sonst werde es nichts. „Es muss Grenzen geben, was man in einer Partei sagen darf.“

Sie meint Björn Höcke. Sie erwähnt ihn nicht, aber alle wissen, dass sie die Rede des Thüringers in Dresden meint, in der er vor einigen Wochen einen 180-Grad-Schwenk in der deutschen Erinnerungspolitik forderte. Seitdem krachte es in der AfD, der Parteitag in Köln würde zur Bühne für große Entscheidungen werden.

Szenenwechsel, nach Berlin. Nur wenige Tage vor dem Parteitag gibt Frauke Petry eine Pressekonferenz in der Hauptstadt, diesmal in ihrer Funktion als Chefin der AfD-Fraktion im sächsischen Landtag. Es geht um ein Thema, das innerhalb der Partei nicht sehr kontrovers ist, um eine Neuordnung der Medienlandschaft und die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland, eine der ganz frühen Forderungen der AfD also.

Das Medienaufgebot ist groß, eben weil in einigen Tagen der große Showdown in Köln zu erwarten ist. Fragen zum Zustand der Partei oder zu Petry selbst aber sind nicht erlaubt, schließlich werde der Partei immer vorgeworfen, keine Sachpolitik zu betreiben, sagt Petry später leicht süffisant.

Petry gibt sich souverän, tut so, als ob sie sich amüsiere über die Journalisten. Und doch ist zu spüren, dass sie dünnhäutig ist. Sie ist sehr blass an diesem Tag. Doch ihr Lächeln kommt etwas zu routiniert. Kein Zweifel, Frauke Petry ist angeschlagen. Aber dann hat sie sich wieder unter Kontrolle und bescheidet die versammelten Medienvertreter, dass sie sich noch vor dem Parteitag äußern werde. Ende der Diskussion.

Nun ist die Äußerung also da – trotz der Ankündigung ein Paukenschlag. Und eine Abrechnung. Es sei ihr wichtig, sagt sie, dass ihre Partei drängende Sachfragen unabhängig von Personalfragen diskutiere. Sie beklagt, dass es keine gemeinsame Strategie in der AfD gebe. Das Außenbild der AfD werde immer wieder „durch die maximale Provokation weniger Repräsentanten“ geprägt. Dies habe einen Teil der bürgerlichen Wähler verschreckt und dazu geführt, dass das Wählerpotenzial der AfD zuletzt deutlich geschrumpft sei.

Petry will alle, die Rechten, die Bürgerlichen. Sie will die AfD langfristig koalitionstauglich für die Union machen und deshalb indiskutable Figuren wie Höcke aus der AfD werfen. Sie hat ein Parteiausschlussverfahren gegen den Thüringer in Gang gesetzt. Ihm wird „Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus“ vorgeworfen.

Auf den Rauswurf-Antrag reagierte sofort der AfD-Landesverband Bremen mit einem Gegenantrag: „Björn Höcke wird als herausragende Person des friedlichen politischen Widerstands gegen die herrschende Klasse in Berlin und Brüssel wahrgenommen.“ Petry will außerdem einen ganz bestimmten Satz ins Parteiprogramm schreiben lassen, wonach „in der AfD für rassistische, antisemitische, völkische und nationalistische Ideologien kein Platz“ sei.

Als dieser Grundsatzantrag vor Ostern bekannt wurde, las man ihn noch als Kampfansage der Frauke Petry. Spitzenkandidatin wollte sie werden, setzte alles auf eine Karte. Die Botschaft vom Mittwoch ist nun die einer Niederlage, eines ersten Aufgebens.

Das gab es vorher noch nie bei Frauke Petry.

Die 1975 in Dresden geborene Frauke Marquardt hat einen bemerkenswert rasanten Aufstieg hingelegt. Im Osten geboren, im Westen groß geworden. In der Schule immer ganz vorne mit besten Noten, dann Chemie studiert in England und in Göttingen, einen Westfalen geheiratet, den sie seit Jugendtagen kennt und der Theologe wird. Sie ziehen zurück nach Sachsen, er übernimmt eine Pfarrstelle bei Leipzig. Frauke Petry bekommt immer alles unter einen Hut: Vier Kinder, 2007 eine Firma für Reifenbefüllungen gegründet, nebenbei in der Kirche Orgel gespielt.

2013 dann Politik. Petry stößt zur „Wahlalternative 2013“, kümmert sich um Euro-Krise und Finanzsystem, um EU, Griechenland, die Schulden. Sie steigt steigt auf, baut die AfD in Sachsen auf, die aus dem Professorenverein hervorgeht. Die sächsische AfD macht sie zur Spitzenkandidatin, zieht 2014 mit 9,7 Prozent in den Landtag.

Petry ist weit gekommen, aber sie ist kein Typ für die zweite Reihe. Als die Partei unzufrieden mit dem Führungsstil des AfD-Gesichts Bernd Lucke wird, verbündet sie sich mit dem rechten AfD-Flügel, um ihn beim Parteitag im Juli 2015 in Essen wegzuputschen. Kurz zuvor hat sie sich von ihrem Mann getrennt und im nordrhein-westfälischen AfD-Politiker Marcus Pretzell einen privaten wie politischen Partner gefunden.

Nun droht wieder ein Wochenende. Diesmal Köln, diesmal ist sie in Luckes Lage: Sie muss politisch überleben. Die Partei, die sie vor zwei Jahren geschaffen hat, ist ihr über den Kopf gewachsen, immer weiter nach rechts, Petry ist umzingelt von Partei-Feinden. Sie gilt als kalt und eitel.

Aber bislang hat sie es immer wieder geschafft, die Verschwörungen auszubremsen, die der mächtige Parteivize Alexander Gauland mit Höcke und vielen Vorstandsmitgliedern gegen sie anführte. Petry hat Lucke besiegt, sie hat auch Gauland immer in Schach gehalten.

Weder die Politik noch die Partei AfD seien für sie alternativlos, sagte Petry vor kurzem dem Tagesspiegel. Ein schönes Wortspiel, spitz, fein zurechtgelegt. Als Drohung an Partei und Vorstand taugte der Satz jedenfalls nicht. Im Gegenteil, er ermunterte ihre Gegner.

Am Mittwoch konnten sie zum ersten Mal den Eindruck gewonnen haben, dass Frauke Petry doch besiegbar sei. Es könnte aber auch sein, dass sie sich zu früh gefreut haben.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier AfD

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