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Ägypten Nofretete fürs Volk

Am Freitag eröffnet in Berlin eine Ausstellung anlässlich des Fundes der Nofretete-Büste vor 100 Jahren. Auch in Ägypten ist das Interesse an der schönen Königin ungebrochen. Sie steht für Attraktivität genauso wie für Kunstraub. Die Revolutionäre glauben, sie stehe auf ihrer Seite.

Nofretete verkauft sich gut. Foto: AFP

Am Freitag eröffnet in Berlin eine Ausstellung anlässlich des Fundes der Nofretete-Büste vor 100 Jahren. Auch in Ägypten ist das Interesse an der schönen Königin ungebrochen. Sie steht für Attraktivität genauso wie für Kunstraub. Die Revolutionäre glauben, sie stehe auf ihrer Seite.

Mit einem weichen Lappen poliert er ihre Nase: „Ist sie nicht schön?“, fragt Magdy Hassan. Der Mann Mitte 60 stellt die kleine Bronze-Büste der Nofretete wieder auf ihren Platz im Schaufenster. Leider kommen im Moment nur wenige vorbei, die sich für ihren Zauber interessieren, geschweige denn bereit sind, umgerechnet fünf Euro für die Büste zu bezahlen.

Der Kairo-Touristen-Bazar, so heißt das Geschäft von Herrn Hassan, liegt in der Innenstadt von Kairo. Eigentlich beste Adresse. Seit Beginn der Revolution vor knapp zwei Jahren, gehen seine Geschäfte jedoch nicht mehr gut. Gerade jetzt wird wieder auf dem Tahrir-Platz demonstriert, und die Touristen, die zum ägyptischen Museum wollen, werden mit Bussen gebracht; an den Demonstranten vorbei, direkt zum Eingang des Museums.

Herr Hassan aber lebt von den neugierigen Urlaubern, die nach dem Museumsbesuch durch die Straßen streifen, Tee trinken, sich Parfüm und Nofretete-Büsten aufschwatzen lassen. „Nofretete habe ich am meisten verkauft. Die Leute stellen sich eben lieber eine hübsche Frau ins Wohnzimmer als so einen Pharao. Schließlich gilt Nofretete als schönste Frau der Welt“, sagt Herr Hassan und fügt hinzu, es sei ja in Ordnung, wenn man Deutschland feiere, dass sie vor 100 Jahren gefunden wurde. „Ihr eigentlicher Platz aber ist hier“, sagt er und deutet auf die mächtige Fassade des ägyptischen Museums.

Aphrodisiakum Nofretete

„Wenn sie erst wieder da wäre, dann wäre die Welt wieder in Ordnung“, seufzt Akif Massoud. Dramatik schwingt in seiner Stimme. Er ist fliegender Händler und gerade ruht er sich in einem Teehaus aus. Er verkauft T-Shirts und Schlüsselanhänger. Auch seine Geschäfte liefen früher besser. Er hatte lustige Sachen: Nofretete mit Pyramide und Echnaton mit Sonnenbrille.

Dann kam die Revolution, und er stellte um. Doch auch das zunächst großartige Geschäft mit Revolutionssouvenirs haben die politischen Entwicklungen bald wieder zerstört. „Wer will heute schon noch ein Revolutions-Shirt?“, sagt der Händler. Er kramt in seiner Tasche und zieht sein neues Produkt heraus: ein goldenes Fläschchen. „Aphrodisiakum. Ich nenne es Nofretete. So etwas geht immer“, sagt er.

Der Name ist für ihn wie für viele Ägypter gleichbedeutend mit Schönheit und Anziehungskraft. Der Name steht aber auch für einen Schmerz: „Es ist eine Schande, eine Beleidigung, dass diese Büste bei euch in einem Museum steht und nicht bei uns. Ihr habt sie gestohlen, und es wird Zeit, dass ihr sie zurückgebt“, so Herr Massoud.

Vor der Revolution bemühte sich die ägyptischen Regierung energisch, Nofretete und andere Schätze aus dem Ausland zurückzuholen. Zahi Hawass, ehemals Antiquitätenminister, wollte alle kostbaren Kulturgüter nach Ägypten heimholen. Tatsächlich sind viele wertvolle Teile aus den großen Museen der Welt an den Nil zurückgekehrt. In den ersten Monaten nach dem Sturz der Regierung Mubarak bekam die Forderung besonderen Nachdruck: Das hatte mit dem neuen ägyptischen Selbstbewusstsein zu tun, vor allem aber damit, dass Hawass um seinen Posten kämpfte: Mehrfach wurde er abgesetzt, ihm wurde sogar der Prozess gemacht, aber immer wieder konnte er sich retten.

Kampagne gerät ins Stocken

Sein Engagement für die Rückgabe der Nofretete und anderer Schätze machte ihn beliebt, doch im vergangenen Sommer wurde er endgültig abgelöst. „Die Kampagne für die Rückgabe der Altertümer ist ins Stocken geraten. Derzeit hat Ägypten andere Probleme“, sagt Selima Ikram, Professorin der Amerikanischen Universität in Kairo. Sie ist sich allerdings sicher, dass in Kürze das Thema wieder aktuell wird: „Ich habe das Gefühl, dass sich auch in Deutschland etwas gewandelt hat. Es gibt inzwischen das Bewusstsein, dass sie nicht ganz legal in Berlin ist.“ Neue Dokumente zeigten, dass Ludwig Borchardt damals die ägyptischen Behörden ausgetrickst hat, um das kostbare Fundstück außer Landes zu bringen, behauptet er.

Der ehemalige Antiquitätenminister Hawass hatte auf eine doppelte Strategie gesetzt: Einerseits bemühte er sich um den Nachweis, dass die Kunstschätze unrechtmäßig im Ausland stehen. Zugleich versicherte er, dass die Schätze in Ägypten genauso sicher aufbewahrt und ausgestellt werden können, wie in internationalen Museen. Diese Argumentation bekam den ersten Knacks, als in den Revolutionswirren ins ägyptische Museum eingebrochen wurde. Viel Gestohlenes wurde zurückgebracht, aber bis heute fehlt eine kostbare vergoldete Statue von Tutenchamun.

Den zweiten Knacks brachte der Parlamentswahlkampf im vergangenen Herbst: Mehrere Salafisten forderten, die pharaonischen Statuen zu zerstören oder sie zumindest zu verhüllen. Die Darstellung menschlicher Figuren ist nach ihrer Lesart des Korans nicht mit dem Islam vereinbar. Wäre Nofretete also in Gefahr zertrümmert zu werden, wenn sie nach Ägypten zurückkäme? Würde man ihr einen Schleier überhängen? Mohammed Saleh, lange Jahre Direktor des ägyptischen Museums ist sicher: „Das würden die Ägypter niemals zulassen. Sie werden ihre Altertümer schützen.“ Im Grunde seien die Ägypter stolz auf ihre Geschichte, nur leider wüssten viele nicht genug darüber.

Nofretete ist ein Symbol für Schönheit, und die Forderung nach ihrer Rückkehr an den Nil ist eine Frage des ägyptischen Nationalbewusstseins. Die schöne Königin ist aber noch mehr: „Nofretete ist auch das Sinnbild einer starken Frau“, erklärt Selima Ikram. Das macht sie zu einem der Lieblingsmotive der Graffiti-Aktivisten: Am Tahrir-Platz, ganz in der Nähe des Geschäfts von Magdy Hassan, haben sie Nofretete riesengroß an die Wand gesprüht. Sie trägt Gasmaske gegen das Tränengas der Polizei, schließlich tobte hier bis vor drei Tagen noch der Straßenkampf. Nofretete ist für alle da.

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