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Ägypten „Ein sehr fruchtbarer Nährboden für Radikalismus“

Der politische Aktivist Mohamed Soltan spricht im Interview über die Situation in Ägypten, seine Zeit im Gefängnis und wie sie von Islamisten ausgenutzt wird.

Alexandria
Ein Gefängnis im ägyptischen Alexandria. Foto: rtr

Herr Soltan, wie ist heute die Lage der Menschenrechte in Ägypten?
Es herrscht ein beispielloses Ausmaß an Unterdrückung, was es selbst zu Zeiten von Hosni Mubarak und Gamal Abdel Nasser nicht gegeben hat. Ich war 22 Monate im Gefängnis, andere wurden ebenfalls 2013 festgenommen und sind nach wie vor hinter Gittern. Ich habe immer noch die Brandnarben von den Zigaretten auf der Haut. Ich schrecke zusammen, wenn eine Tür zugeschlagen wird oder jemand mit einem Schlüssel rasselt. Ich hatte damals neben dem ägyptischen Pass auch den amerikanischen Pass, so dass Vertreter der US-Botschaft mich besuchen konnten. Aber was ist mit all denen, die einen solchen diplomatischen Schutz nicht haben?

Die internationale Gemeinschaft scheint sich nicht mehr wirklich für die Repression zu interessieren.
Das ist der zweite beunruhigende Aspekt. Dem Regime von Präsident Sissi ist es gelungen, sich der internationalen Öffentlichkeit erfolgreich als Bollwerk gegen den Terrorismus zu verkaufen. In Wirklichkeit aber steigt die Zahl der Terroranschläge, denken Sie nur an die Angriffe auf Kirchen und christliche Pilger in der letzten Zeit oder an den Krieg auf dem Sinai. Eine Folge dieser Repression ist, dass radikale Dschihadisten immer mehr Anhänger in den Gefängnissen rekrutieren können.

Wie geschieht die Anwerbung?
Die IS-Leute in den Gefängnissen sagen den Insassen, die Welt hat euch vergessen, ihr habt nur eine Chance, wenn ihr euer Schicksal selbst in die Hand nehmt. Während meines Hungerstreiks, als ich bereits sehr schwach war und dem Tode nahe, kamen diese Leute auch in meine Zelle – mit dem Wissen der Gefängnisverwaltung. Sie sagten mir, gewaltloser Widerstand bringt nichts, und sie wollten mich überreden, meinen Hungerstreik abzubrechen. Die Zustände in den ägyptischen Gefängnissen sind ein sehr fruchtbarer Nährboden für Radikalismus. Und die Gefängnisaufseher schauen weg.

Sie haben die ägyptischen Haftanstalten einen „Friedhof für Lebende“ genannt. Was waren ihre schlimmsten Erfahrungen?
Das waren die letzten Tage hinter Gittern. Wegen meines Hungerstreiks war ich fast sechs Monate allein in einer Zelle eingesperrt in totaler Isolationshaft. Dort konnte ich keinerlei Geräusche hören, es gab kein Sonnenlicht. In dieser Zeit war ich psychologischer Folter ausgesetzt, um meinen Widerstand zu brechen. Die Wächter schoben Rasierklingen unter der Zellentür durch, mit denen ich mir die Pulsadern aufschneiden sollte. Sie folterten meinen Vater und kamen dann zu mir, um mir zu sagen, was sie ihm angetan hatten. Sie warfen einen Sterbenden in meine Zelle, um hinterher zu behaupten, ich hätte diesen Mann umgebracht. Und sie drohten, mich totzuschlagen. Ich war völlig verzweifelt und hoffnungslos.

Wie gehen Sie heute damit um?
Ich bin in psychologischer Behandlung. Die körperlichen Wunden sind verheilt und vernarbt, aber die seelischen Verletzungen schmerzen weiter. Ich schrecke nachts auf und habe Albträume, dass ich zurück ins Gefängnis muss oder dass ich aufgehängt werden soll.

Wie geht es nun weiter in Ägypten? Was hoffen Sie für die Zukunft des Landes?
Die Administration von Donald Trump hat weniger Interesse an Menschenrechten, das erhöht die Verantwortung für Nationen wie Deutschland und Frankreich. Missachtung von Menschenrechten fördert Radikalisierung, Respekt für Menschenrechte kann diese gefährliche Entwicklung verlangsamen. Ägypten mag momentan ruhig und stabil wirken, aber das Land ist wie ein Drucktopf ohne Ventil. Irgendwann wird es explodieren.

Interview: Martin Gehlen

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ägypten

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