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Adenauers 50. Todestag Der Machtmensch Adenauer prägt Deutschland - bis heute

Konrad Adenauer legte die entscheidenden Grundsteine für die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik. Doch seine Kanzlerschaft hatte auch Schattenseiten. Vor 50 Jahren starb der große deutsche Politiker.

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer vor dem Palais Schaumburg, Bonn 1963. Foto: dpa

Vier Anfänge erlebten die Deutschen in den vergangenen knapp 150 Jahren ihrer Geschichte. Drei von ihnen waren mit Kanzlern verbunden, die ihre Epochen prägten. Bismarck schuf in drei Kriegen ein deutsches Reich, das nach nur 47 Jahren nicht zuletzt am Hochmut, an der Gier und der Dummheit seiner Eliten scheiterte. Die Weimarer Republik überließ sich nach 13 Jahren einem Massenmörder.

Hitlers „Tausendjähriges Reich“ währte ganze zwölf Jahre. Nachdem am 23. Mai 1949 mit der Verabschiedung des Grundgesetzes die Gründung der Bundesrepublik Deutschland vollzogen worden war, bestimmte das in Bonn zusammengetretene Parlament den 73 Jahre alten Konrad Adenauer zum ersten Kanzler des neuen, jetzt erheblich verkleinerten Staates. Was angesichts des hohen Alters dieses nur mit einer Stimme Mehrheit gewählten rheinischen CDU-Politikers vielen lediglich als personelle Übergangsphase erschien, erwies sich als eine Entscheidung, die für die nächsten Jahrzehnte das Schicksal der Westdeutschen bestimmte. Als Adenauer vor 50 Jahren – am 19. April 1967 – starb, hinterließ er eine Republik, deren Stabilität bis heute allen innen- und außenpolitischen Kämpfen und allen aktuellen europäischen Irritationen zum Trotz ungebrochen ist.

Während seiner Kanzlerschaft gelang es den Westdeutschen, ihre politische Souveränität zurückzugewinnen. Die Bonner Republik entschied sich für den Weg nach Westen und bekannte sich zu den großen Ideen der amerikanischen und französischen Revolutionen. Mit der Hinwendung zu Marktwirtschaft und Freihandel wurde eine der Grundlagen für den gelungenen Neuaufbau der Wirtschaft und die sozialen Reformen der fünfziger Jahre geschaffen, die bis heute den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland sichern. Auch die Eingliederung von mehr als sieben Millionen Flüchtlingen, die aus den verlorenen östlichen Regionen in den Westen kamen, war eine der herausragenden Leistungen dieser Aufbaujahre.

Adenauer und Frankreichs Präsident Charles de Gaulle beendeten die jahrhundertealte „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen. Die von Adenauer, Robert Schumann, dem Italiener Alcide De Gasperi und ihren Vordenkern entwickelte Europa-Politik führte über die Montan-Union im März 1957 zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, die die Basis für Frieden in Westeuropa und einen (allerdings sehr unterschiedlichen) Wohlstand der Gründerstaaten bildete. Es war auch Adenauer, der bei einem Treffen mit Israels Ministerpräsidenten Ben Gurion in New York einen wichtigen, von der Welt beifällig aufgenommenen Schritt unternahm, dem jüdischen Volk zu zeigen, dass Deutschland bereit war, zumindest materiell etwas von seiner Schuld anzuerkennen.

Im Rückblick gilt, dass Konrad Adenauer in den 14 Jahren seiner Kanzlerschaft entscheidend mitverantwortlich für die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik war. Seine Landsleute haben ihn inzwischen in diversen Umfragen zum am meisten bewunderten deutschen Staatsmann gekürt. Vergessen – so scheint es jedenfalls – werden angesichts der Legendenbildung um Person und Werk allerdings häufig die wilden Parlamentsschlachten, die vielfach alle Grenzen des Anstandes und der Wahrheit überschreitenden Wahlkämpfe, die Intrigen und Infamien, die zahlreichen politischen Irrtümer oder das autoritäre Demokratieverständnis, mit dem dieser Kanzler seine Politik durchsetzte.

Viele der ihm zugeschriebenen Erfolge gehen zudem auf die Politik der alliierten Siegermächte und die Zeitumstände zurück. Das Ja zum Grundgesetz mit seinem föderalen Prinzip oder die Währungsreform erfolgten auf Anweisung der westlichen Besatzungsmächte. Westbindung, Marktwirtschaft oder Wiederbewaffnung (und damit Mitgliedschaft in der Schutz bietenden Nato) – diese Grundpfeiler der Bonner Republik wurden nach dem Wünschen Washingtons eingeschlagen. Der Korea-Krieg schließlich führte fast in direkter Linie zum Deutschlandvertrag von 1952. Washington brauchte die westdeutsche Republik als „Bollwerk“ an den Ostgrenzen. Dieser Krieg erwies sich auch als eine der wesentlichen Antriebskräfte für das deutsche „Wirtschaftswunder“, das die Welt bald staunen machte.

Der fundamentale Irrtum der SPD und ihres Vorsitzenden Kurt Schumacher war es, nicht zu erkennen, dass die (westliche) Weltgeschichte damals nicht den Gesetzen der von ihnen gepredigten Ideologie (Planwirtschaft, nationale Eigenständigkeit, Pazifismus) folgte, sondern dem Diktat des Kalten Krieges. Adenauers Denken und Wollen kamen die Entwicklungen des immer bedrohlicher wirkenden Konfliktes der beiden Supermächte entgegen. Als Rheinländer war sein Blick schon immer nach Westen gerichtet. Preußen blieb für ihn stets so etwas wie eine Besatzungsmacht. Den Sozialismus hielt der bekennende Katholik und aufstrebende, die Welt der Industrie und der Bankenwelt bewundernde und privat selbst recht geldgierige Bürger Adenauer schon in seinen Jahren als Kölner Oberbürgermeister für eine existenzielle Gefährdung des gesellschaftlichen Friedens.

Seine Geschmeidigkeit und die grundsätzliche politische Übereinstimmung in ideologischen Grundfragen ließen ihn nach 1946 für Amerikaner, Briten und Franzosen zu einem zwar eigenwilligen, aber wesentlich angenehmeren Gesprächspartner werden, als es der nicht weniger von sich und seiner Aufgabe überzeugte Schumacher war. Dessen verbale und nationale Heftigkeit, seine Überzeugung, dass nur er, der zehn Jahre in einem Nazi-Konzentrationslager gelitten hatte, und die deutsche Sozialdemokratie das Recht zur Führung des neuen Deutschland hätten, stießen bei den Westalliierten auf Unverständnis und schließlich Ablehnung. Schumachers Auftreten wurde für Adenauer zum Vorteil.

Der Kalte Krieg – gekennzeichnet durch Hochrüstung, Terror im Osten und Hysterie im Westen – fand in Adenauer einen glühenden Vertreter. Die „Politik der Stärke“ verfolgte er noch mit Vehemenz, als seine westlichen Partner die Welt schon längst untereinander aufgeteilt hatten. Hinter den Kulissen wussten die Handelnden in Washington und Moskau seit den Berlin-Krisen Ende der 50er Jahre und dem kubanischen Raketendrama von 1962, dass ein atomarer Schlag auch ihre eigene Welt vernichten würde. Als Ulbricht die Mauer baute, war Kennedy darüber im Vorhinein informiert. Die Supermächte arrangierten sich und reagierten ebenso wie London und Paris immer gequälter auf die „querelles allemandes“. Adenauer dagegen schwadronierte in seinen Wahlreden, in den Hintergrundgesprächen mit ausgewählten Journalisten oder in den Bundestagsdebatten unverdrossen von der Wiedervereinigung und möglicherweise notwendigen Atomerstschlägen.

Adenauers Politik kannte viele Opfer. 17 Millionen Deutsche in der DDR wurden nicht nur zu Gefangenen der von Stalin und seinen Nachfolgern exekutierten Politik, sondern auch des Konfrontationskurses der Bonner Regierungen. Westdeutsche Kommunisten wurden in fatalen Gerichtsverfahren (die nicht selten von ehemaligen Nazirichtern geleitet wurden) zu Gefängnisstrafen verurteilt. Das „Wirtschaftswunder“ legte die Grundlagen für eine Verteilungspolitik und ein eindimensionales Verteilungsdenken, die die deutsche Gesellschaft noch heute prägen.

Adenauer, selbst ein Opfer der Nationalsozialisten, hatte keine Probleme damit, die Vergangenheit aus politischem Opportunismus ruhen zu lassen. In Adenauers Kabinetten saßen ebenso ehemalige Nazis wie in den Ministerien, den Verwaltungen, Gerichten, Medien oder Vorstandsetagen der Industrie. Der wichtigste Berater des Kanzlers, der spätere Staatssekretär Hans Globke, war einer der Mitautoren der Nürnberger Rassengesetze von 1935. Neben dem wirtschaftlichen Aufschwung, der technologischen Modernisierung und den sozialen Errungenschaften (Renten- und Mitbestimmungspolitik) blieb die Bonner Republik bis in die siebziger Jahre hinein eine Formaldemokratie, in der die restaurativen Tendenzen (Diskriminierung der Frauen und der Homosexuellen, patriarchalische Familien- und Unternehmenspolitik, Verharmlosung der Vernichtungskriege Hitlers und des Holocaust, Wahlempfehlungen der katholischen Bischöfe) unübersehbar waren.

Adenauer wirkte in den Jahren seiner Kanzlerdämmerung schließlich wie eine Gestalt aus einer anderen Zeit. Die „Spiegel-Affäre“ von 1962 zeigte ihn als autoritären Demokraten, der sich mit Lügen und Täuschungen an sein Amt klammerte. Sein Sturz wurde zum elenden Possenspiel. Als er die Macht verloren hatte, ließ er kein gutes Haar an seinem Nachfolger Ludwig Erhard, lästerte in Interviews über die Politik der CDU („Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich dieser Partei nicht mehr angehören“) und machte den Deutschen klar, dass weiterhin eigentlich nur er wusste, wie das Land zu retten war.

Adenauer war zeitlebens ein Machtmensch. Geprägt von einem Vater, der seinen Kindern einen unbedingten Aufstiegswillen eingeimpft hatte, kannte er im Grunde nur den Weg an die Spitze. Als Kölner Oberbürgermeister, als CDU-Vorsitzender oder als Kanzler scheute er keine Mittel, um Gegner und Rivalen niederzuringen. Wer ihm unter seinen Mitarbeitern oder Parteifreunden widersprach, wurde gnadenlos politisch vernichtet. Rudolf Augstein, der ihn nicht weniger selbstbezogen und skrupellos bekämpfte als er diesen mächtigen Medienmann, war für Adenauer ein Vaterlandsverräter, und Willy Brandt diffamierte er mit Blick auf dessen (uneheliche) Herkunft und seinen Kampf gegen die Hitler-Diktatur als „Herr Brandt alias Frahm“. Die Liste seiner hämischen Angriffe auf Menschen, die ihm nicht folgten – meist vorgetragen im harmlosen rheinischen Singsang –, ist endlos.

Eine Quelle seiner fatalen charakterlichen Eigenschaften war zweifellos sein übersteigertes Selbstbewusstsein. Er war schon in seiner Kölner Zeit tief davon überzeugt, stets recht zu haben. Über Jahrzehnte hinweg von täglichen Kopfschmerzen und einer Zuckerkrankheit heimgesucht, von der nie vergehenden tiefen Trauer um seine zwei geliebten und früh verlorenen Ehefrauen geprägt, blieb Konrad Adenauer zeitlebens allen Erfolgen zum Trotz ein einsamer Mann. Die Politik und die Macht waren ihm Flucht und Lebenselixier zugleich. Den Deutschen, denen er seit der Hitlerdiktatur misstrauisch gegenüberstand, wurde er zum Schicksal. Es gab in ihrer Geschichte allerdings wahrhaftig schlimmere Jahre.

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