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Abtreibungsgegner in Berlin Seltsames Bündnis marschiert für das Leben

In die Demonstration „Marsch für das Leben“ von Abtreibungsgegnern in Berlin reihen sich auch AfD-Christen und Bischöfe ein.

Abtreibungsgegner
Christliche Abtreibungsgegner protestieren beim "Marsch für das Leben" gegen Schwangerschaftsabbrüche. Foto: epd

„My body. My choice. Raise your voice“: „Mein Körper. Meine Entscheidung. Erheb deine Stimme“. Die Parole schien den Gegendemonstranten hinter den Absperrungen zum diesjährigen „Marsch für das Leben“ am Samstag besonders passend, als Hartmut Steeb zum Marsch-Auftakt vor dem Berliner Hauptbahnhof dazu aufrief, „dass wir im Gedenken an die nicht geborenen Kinder eine Minute Zeit der Stille haben“. Der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht, der den „Marsch für das Leben“ seit 14 Jahren einmal im Jahr in der Hauptstadt veranstaltet, ahnte offenbar, dass es mit der Schweigeminute schwierig werden dürfte: „Durch diejenigen, die gerade etwas anderes sagen, lassen Sie sich nicht durcheinander bringen.“

Die Protestbewegung „What the fuck“ und das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ mit insgesamt rund 1000 Demonstranten gaben nämlich alles: „Hätt‘ Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“, riefen sie den Marsch-Teilnehmern entgegen, darunter viele mit verteilten Kreuzen in der Hand oder erkennbar als Geistliche auftretend. „Intellektuell sehr primitiv“ kommentiert Hartmut Steeb die Parolen auf Nachfrage der FR. Er ist überzeugt: „Die schlimmste Menschenrechtsverletzung, die wir weltweit erfahren, ist die Tötung ungeborener Kinder. Die UNO spricht von über 50 Millionen jedes Jahr.“

Rund 5000 Marsch-Teilnehmer hatte Steeb in diesem Jahr auf seiner Seite, darunter auch Kirchenvertreter wie den katholischen Erzbischof aus Berlin, Heiner Koch, oder Bischof Hans-Jürgen Abromeit von der evangelischen Nordkirche. Mit ihm nahm erstmals ein Bischof aus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) teil.

Grußworte steuerten Bischöfe aus beiden Kirchen bei, sowie aus der Politik Volker Kauder (CDU) und der frühere Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU), die nicht selbst kamen.

Dafür waren unter den Abtreibungs- und Sterbehilfe-Gegnern auch in diesem Jahr wieder AfD-Vertreter: „Bleibt standhaft“, hatte die parteiinterne Vereinigung „Christen in der AfD“ (ChrAfD) den Marschteilnehmern bereits am Vorabend auf Facebook zugesprochen. So war dann auch ChrAfD-Vorsitzender Joachim Kuhs unter den Marschierenden. Ebenso gesichtet: der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann und Thomas Damson, stellvertretender Kreisvorsitzender der AfD Mayen-Koblenz. Auch der ehemalige Diakon und Neonazi-Szenegänger Ralf Löhnert, auch beim Berliner Gedenkmarsch für den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß im August dabei, war unter den Teilnehmern.

Wegen derlei Gefolgschaft sprach der Berliner Landesbischof Markus Dröge vor dem diesjährigen Marsch davon, die Veranstaltung sei „rechtspopulistisch unterwandert“. Auch deshalb verweigert die Evangelische Kirche Berlin-schlesische Oberlausitz dem „Marsch für das Leben“ ihre Unterstützung. Hartmut Steeb bedauert das und dementiert: „Die Veranstaltung ist nicht rechtspopulistisch unterwandert. Man kann das ja nicht vermeiden, dass auch Menschen unsere Positionen im Lebensschutz übernehmen, die sonst Positionen haben, die man nicht gut findet.“ Wichtig sei, wer auf der Bühne das Sagen habe. „Und da hat noch nie ein rechtspopulistischer Mensch das Wort bekommen.“

Dort versuchte diesmal Mechthild Löhr vom Bundesverband Lebensrecht, die Kritik der Demonstranten zu entkräften: „Oft sieht es so aus, als ob – das sagen ja auch unsere Kritiker hier bei den Gegendemonstrationen – unsere Bekenntnisse zum Leben des Kindes ein Anschlag auf die Rechte der Frau sind.“ Dem hielt sie entgegen: „Wir kennen zwei Lebensrechte: das Leben und das Freiheitsrecht der Frau, und wir kennen das Recht des Kindes zu leben. Beide Rechte sind für uns gleichwertig.“ Aber man akzeptiere nicht, „dass so getan wird, als ob ein Kind lediglich ein Produkt ist, das man in den Klinikmüll geben kann mit einer Abtreibung“. Wo „so getan wird“, ließ Löhr offen.

Ähnlich plakativ war die Sprache auf den Schildern, die der Bundesverband unter den Teilnehmern verteilte und mit denen die „Lebensrechtler“ vom Berliner Hauptbahnhof aus zwei Stunden durch die Innenstadt und wieder zurück zogen: „Töten ist keine ärztliche Kunst“, „Gnadentod – nie wieder“, „Nie wieder ‚unwertes Leben‘“. Im Jargon der Nationalsozialisten zogen die Lebensrechtler damit Parallelen zwischen der Rassenideologie im Dritten Reich und dem heutigen Abtreibungsrecht.

Konkret angeprangert wurde bei der Auftaktveranstaltung auch der Bluttest auf das Down-Syndrom, der seit 2012 auf dem Markt ist. Derzeit prüft der gemeinsame Bundesausschuss der Krankenkassen eine mögliche Kostenübernahme. Der Test kosten rund 500 Euro, die Schwangere bislang selbst tragen müssen.

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