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Abschiebung Sieben Jahre ohne Mutter

Die Staatenlose Gazale Salame wurde in die Türkei abgeschoben, weil sie den Fehler machte, sich in Deutschland einen Pass ausstellen zu lassen. Seitdem lebt sie in Izmir – fern von Mann und Töchtern, die sie bis heute nicht wiedergesehen hat. Die Geschichte einer enttäuschten Hoffnung.

21.12.2011 17:20
Maurice Farrouh und Frank Nordhausen
Vater Ahmed mit den Töchtern Nura und Amineä. Sie warten in Deutschland auf Mutter und Geschwister. Foto: berliner zeitung/PAULUS PONIZAK

Die Staatenlose Gazale Salame wurde in die Türkei abgeschoben, weil sie den Fehler machte, sich in Deutschland einen Pass ausstellen zu lassen. Seitdem lebt sie in Izmir – fern von Mann und Töchtern, die sie bis heute nicht wiedergesehen hat. Die Geschichte einer enttäuschten Hoffnung.

SALZGITTER. Das Schlachten hilft Ahmed Siala, nicht den Verstand zu verlieren. Ein Schuss mit dem Bolzenschussgerät, ein Schnitt mit der Klinge, dann das Schaf aufhängen, häuten, zerlegen, so geht das jeden Tag, es muss ja weitergehen. Die Nächte aber sind schlimm. Denn in der Nacht kommt er immer wieder, der 10. Februar 2005. In seinen Alpträumen sucht er ihn heim, dieser schlimmste Tag seines Lebens – der Tag, an dem seine Familie auseinandergerissen wird.

Wie ein Film läuft er vor ihm ab, immer wieder: wie er die Töchter Nura und Amine in die Schule bringt. Wie er zurückkommt und die Wohnungstür offensteht. Die Schreie seiner schwangeren Frau Gazale. Das Weinen der einjährigen Tochter Schams. Die Männer in Uniformen. Das Flehen seiner Frau: „Schiebt mich nicht ab, ich lebe seit 17 Jahren hier, meine Kinder sind hier geboren, ich kenne die Türkei nicht, bitte tut das nicht!“ Wie sie Gazale mit dem Baby ins Auto setzen. Wie er allein zurückbleibt, bis die Töchter von der Schule kommen. Wie er ihnen nicht sagen kann, was passiert ist: dass ihre Mutter und ihre kleine Schwester fort sind, abgeschoben – nicht in den Libanon, den Ahmed und Gazale als kleine Kinder mit ihren Eltern auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg verließen, sondern in die Türkei, ein vollkommen fremdes Land.

IZMIR. Gazale Salame öffnet die Tür und sagt, es gehe ihr nicht gut. Dabei lächelt sie. Sie hat sich hübsche Kleider angezogen und sorgfältig geschminkt. Ja, sie freue sich über die Abwechslung, über den Besuch, über die Gelegenheit, deutsch zu sprechen. „Aber es ist hier alles nicht so einfach.“ Sie lenkt den Blick auf das Nachbarhaus. Da, eine Bewegung hinter der Gardine. „Sie beobachten uns“, sagt Gazale Salame, „ich habe Angst vor diesen Nachbarn.“

Leben wie eine Aussätzige

Gazale Salame lebt noch immer in der Wohnung, die sie vor sechs Jahren in Izmir bezogen hat. Im Außenbezirk Ümüspala, wo kleine Autos vor kleinen zweistöckigen Häusern stehen. Hier wohnen kleine Leute, die hart an ihrem gesellschaftlichen Aufstieg arbeiten. „Leute aus Anatolien, aus Konya“, sagt die 30-Jährige leise, „besser, wir setzen uns in den Garten. Wenn die Nachbarsfrauen mich mit einem fremden Mann ins Haus gehen sehen, sprechen sie wieder schlecht über mich.“ Sie sagt, sie fühle sich einsam und alleingelassen. Sie habe keine Freunde, niemanden zum Reden. Sie führe im Grunde das Leben einer Aussätzigen in diesem Land, dieser Stadt, diesem Milieu.

Die Enge des Miteinanders ist in Ümüspala fast körperlich zu spüren – ein wenig wie in einer deutschen Kleinstadt. In einer deutschen Kleinstadt würde Gazale Salame allerdings sehr gern wohnen. „Ich warte“, sagt sie. „Ich warte seit sieben Jahren.“ Sie sitzt in der Wohnung und wartet auf ein Gerichtsurteil, einen Gnadenerlass, auf den erlösenden Brief des deutschen Konsulats, dass sie sich endlich ihr Visum abholen kann. Dass ihr Leben wieder ein Leben ist.

Gazale Salame war 24, als sie 2005 nach 17 Jahren in Deutschland abgeschoben wurde. Sie hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Hatte die Hauptschule abgeschlossen, geheiratet, drei Kinder bekommen. Sie sprach akzentfreies Deutsch, sie war perfekt integriert, sie wollte sogar ihr Kopftuch ablegen. Sie hatte zwar keinen Pass, aber das war eigentlich kein Problem. Denn sie galt als staatenlos, und Staatenlose können nicht abgeschoben werden.

Dann aber beging Gazale Salame jenen Fehler, der ihr Leben ruinierte. Weil sie dem Druck der Behörden und Polizisten nicht mehr standhielt, ließ sie sich überreden, einen türkischen Pass zu beantragen. Das war möglich, weil zahlreiche Angehörige der arabischsprachigen Mahalmi-Volksgruppe, zu denen ihre Familie zählt, in türkischen Personenstandsregistern stehen. „Die Polizei, die Ausländerbehörde, sogar unser Rechtsanwalt sagten, dann wird alles gut und ich kann friedlich in Deutschland leben“, erzählt Gazale Salame. Aber nichts wurde gut. Heute ist sich Gazale Salame sicher: Sie ist getäuscht worden, weil man sie loswerden wollte. Der Kreis Hildesheim bestreitet das. Es sei seit dem Jahr 2000 klar gewesen, dass sie ausreisepflichtig sei. Kurz nachdem sich Gazale Salame die Papiere im türkischen Konsulat in Hannover abgeholt hatte und laut Pass nun Gazale Önder heißen sollte, kam die Polizei. „Anziehen, raus, Abschiebung – so ging das.“ Das Schlimmste für sie war die Trennung von den Kindern. „Es war, als würde mir das Innerste herausgerissen“, sagt Gazale Salame. Kurz darauf fand sie sich wieder in einem Land, in dem sie nie gewesen war und dessen Sprache sie nicht sprach. In Izmir kam sie zunächst unter bei einer Familie mit sieben Kindern, die fünf Jahre zuvor ebenfalls abgeschoben worden war.

SALZGITTER. Ahmed Siala wurde nicht abgeschoben, weil er keine türkischen Papiere hatte. Seitdem sind sie getrennt. Seine Tochter Schams ist kein Baby mehr, geht in die Schule, diese Woche ist ihr achter Geburtstag. Sie muss ihn in Izmir feiern, zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Ghazi, dem Sechsjährigen, den sein Vater noch nie gesehen hat. Ahmed Siala und die Töchter Nura und Amine, dreizehn und vierzehn Jahre alt, werden wieder ein Paket packen mit Geschenken für das Geburtstagskind und für den kleinen Bruder. Ghazi mag Spiderman, vielleicht schenken sie ihm eine Actionfigur. Telefonieren können die Mädchen mit ihrem kleinen Bruder nicht. Ghazi spricht nur türkisch. An Schams’ Geburtstag werden sie zuhause in Salzgitter wieder einmal Fotos hervorholen, sie werden weinen.

Tabletten gegen die Angst

IZMIR. „Ich bin völlig am Ende, ich habe keine Hoffnung mehr“, sagt Gazale Salame. Sie klagt über Rückenschmerzen. Sie redet eine Stunde lang, sie holt die Tabletten, die sie einnimmt, Psychopharmaka gegen die Angst und die Leere und die Schlaflosigkeit, sie zeigt auch die Medikamente, die ihre Kinder nehmen, gegen den kurzen Atem und gegen die Aggressionen, sie kocht einen Kaffee und redet. Und sagt dann nach einer Stunde erschöpft: „Ich muss mich hinlegen.“ Aber sie legt sich nicht hin, es ist ja Besuch da. Sondern sagt: „Ich friere. Mir ist kalt, lassen Sie uns ins Haus gehen.“ Tagsüber steigen die Temperaturen in Izmir auch im Winter noch bis auf zwanzig Grad, jetzt am Nachmittag kühlt es ab. Im Wohnzimmer heizt Gazale Salame den Ofen an, der die Kohle viel zu schnell verbrennt und ätzende Dämpfe ausstößt. „Eigentlich brauche ich einen Beutel Kohle für den Ofen pro Tag. Aber das kann ich mir nur jeden zweiten Tag leisten. Die Kinder frieren. Sie werden krank. Sie brauchen Medizin. Sie müssen essen. Sie wachsen. Sie brauchen Schuluniformen, sonst können sie nicht zur Schule gehen.“ Sie leben von 400 Euro im Monat, die der Flüchtlingsrat überweist. „Manchmal haben wir nur Kartoffeln mit Zwiebeln und Öl. Ich bete jeden Tag zu Gott, dass er mir hilft.“ Der Glaube gebe ihr Kraft, nur der Glaube und die Kinder, sagt sie. Erst in Izmir hat der Glaube für sie existenzielle Bedeutung gewonnen. „Woran sonst soll ich mich festhalten?“, fragt sie.

SALZGITTER. Ahmed Siala interessiert sich nicht für Religion. Halt sucht er in der Arbeit, in seiner kleinen Schlachterei im niedersächsischen Barum, mitten im Nirgendwo zwischen Salzgitter und Braunschweig. Er hat die Gegend hier immer als seine Heimat betrachtet. Er tut es heute noch. Er will die Hoffnung nicht aufgeben, klammert sich an jeden Strohhalm, jedes Gerichtsverfahren, jede Petition des Flüchtlingsrats, der die Familie unterstützt. „Ich weiß, dass wir es schaffen werden, sie zurückzuholen“, sagt Siala und blickt mit dunklen, traurigen Augen aus dem Fenster, wo der Wind dicke Regentropfen gegen die Fachwerkfassade des kleinen Schlachthofs peitscht. „Aber wie lange wird das dauern? Ich kämpfe schon so lange, manchmal glaube ich, ich habe keine Kraft mehr.“

IZMIR. „Manchmal darf ich in der Schule meiner Kinder saubermachen“, sagt Gazale Salame, „dafür hat mir der Schulleiter zwei Teppiche gegeben, die er nicht mehr brauchte.“ Es ist vier Uhr nachmittags, die Kinder kommen vom Unterricht. Schams und Ghazi sind aufgeweckte Kinder, sie reden türkisch miteinander. Ghazi macht gern Faxen, Schams kann schnippisch sein, aber eigentlich ist sie eine Ruhige, die lieber malt als redet. Die Kinder freuen sich über die mitgebrachten Süßigkeiten. Sie wissen, dass sie Außenseiter sind. Immerhin, Ghazi fühlt sich wohl in der Schule, er hat einen Klassenlehrer, der lieb zu ihm ist. Aber auf die Frage, „wo möchtet Ihr wohnen, in der Türkei oder in Deutschland?“, sagen beide wie aus der Pistole geschossen: „In Deutschland, wo der Papa ist.“ Doch sie kennen den Papa nur vom Telefon und von einer DVD, die Gazale Salame in der kleinen Vitrine aufbewahrt, in der auch die Fotos ihrer beiden „deutschen“ Töchter stehen. „Wir wissen so wenig voneinander“, sagt Gazale Salame, „wir telefonieren immer seltener. Und ich muss dann immer weinen.“

SALZGITTER. „Ich frage mich oft, was ich falsch gemacht habe“, sagt Ahmed Siala. Hätte er seine Frau verstecken sollen? Er sitzt im kargen Pausenraum der Schlachterei auf einem blauen Plastikstuhl, vor ihm ein Aschenbecher, ordentlich gesäubert und groß wie ein Suppenteller. „Ich war sicher, dass uns nichts passieren kann“, sagt er. Dann kann er nicht mehr weitersprechen, Tränen laufen ihm übers Gesicht. Er entschuldigt sich, er müsse kurz raus, eine Lieferung mit Schafen kontrollieren.

In den ersten Monaten nach der Abschiebung hatte Ahmed Siala noch Hoffnung, dass er seine Familie schnell wieder heimholen kann. Der Flüchtlingsrat startet damals eine Kampagne, es gibt Demos, Mahnwachen, Gerichtsverfahren. Die Kirchen mischen sich ein, namhafte Medien berichten. Aber die Sache zieht sich hin, ein Gericht entscheidet für die Familie, das nächste gegen sie. Das Bundesverwaltungsgericht fordert mit Rücksicht auf die betroffenen Kinder einen Vergleich, doch Innenminister Uwe Schünemann will davon nichts wissen.

Ahmed Siala könne ja in die Türkei gehen. Da er nur geduldet ist, dürfte er nicht mehr zurück nach Deutschland. Ihn einzubürgern kommt für den Landkreis nicht infrage. Er könne nicht für sich und seine Familie sorgen und respektiere die deutsche Rechtsordnung nicht, schreibt die Kreisverwaltung. „So unbestritten schwierig die Situation für die Kinder auch ist, so kann nicht übersehen werden, dass es Aufgabe des Vaters Ahmed Siala gewesen wäre, die angesprochene Integrationsleistung zu erbringen“, schreibt der Landkreis. Ahmed Siala wurde zweimal zu Geldstrafen verurteilt: ein Mal wegen Verstoßes gegen Hygienevorschriften auf seinem Hof und einmal, weil er einer Lehrerin seiner Tochter Rassismus vorgeworfen und in der Schule eine Szene gemacht hatte. „Bin ich deswegen ein Krimineller? Das ist doch politisch motiviert“, sagt Siala. All die Gerichtsverfahren der vergangenen Jahre waren teuer, Ahmed Siala ist verschuldet.

IZMIR. Gazale Salame hat ihren Mann oft angefleht, mit den Mädchen zu ihr nach Izmir zu kommen. Er hat abgelehnt, immer wieder, hat sich an die kleinste Hoffnung geklammert. „Wir haben oft gestritten“, sagt seine Frau. Das Verhältnis sei wie eingefroren. „Wir sind eine Familie, die keine Familie sein darf“, sagt sie traurig.

Brief an den Landesvater

SALZGITTER. Ahmed Siala hat oft daran gedacht, in die Türkei zu gehen. Aber infrage kam es für ihn nie. Was soll dort aus ihnen werden? Warum sollen sie all das aufgeben, was sie sich hier, aller Widrigkeiten zum Trotz, aufgebaut haben? „Das ist Unrecht“, sagt Siala. Das Grundgesetz sei auf ihrer Seite, das Völkerrecht, wie könne da das Ausländerrecht ihr Leben zerstören?

Auch den Sachbearbeitern des Ausländeramts hat er das gesagt, am Anfang noch selbstbewusst, vielleicht zu selbstbewusst. Ahmed Siala ist stolz darauf, dass er sich ausdrücken kann, dass er sich mit Politik auskennt; er, der Sohn von Analphabeten und Bruder von elf Geschwistern. „Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne Deutschland, hier gibt es Grundrechte“, hat er dem Sachbearbeiter gesagt. „Träum weiter“, habe der ihm entgegnet.

Der Unterstützerkreis hat es aufgegeben, an Uwe Schünemann zu appellieren, den striktesten Hardliner unter den deutschen Innenministern. Zum Tag der Menschenrechte hat Heiko Kauffmann von Pro Asyl einen Brief an Ministerpräsident McAllister geschrieben, er pocht auf den Schutz der Familie und die UN-Kinderrechtskonvention. Die frühere Justizministerin Herta Däubler-Gmelin und andere Experten unterstützen ihn. Sollte es nicht schnell zu einer Lösung kommen, droht Kauffmann, werde man den Fall bei UN und EU bekannt machen. Ob das etwas nutzt? Ahmed Siala mag nicht darüber nachdenken. Zu oft wurden seine Hoffnungen enttäuscht. „Wenn meine Frau und die Kinder endlich zurückkommen“, sagt er und fährt sich mit der schwieligen Hand über die Augen, „müssen wir versuchen, wie wir als Familie wieder zusammenfinden.“

IZMIR. „Ich weiß gar nicht, ob wir überhaupt noch eine Familie sind“, sagt Gazale Salame. Aber sie klammert sich an den Gedanken. „Ich liebe meinen Mann, und ich glaube, er liebt mich auch.“ Sie verstummt. Nach einer Weile sagt sie: „Er wird mich lieben, wenn er mich wieder sieht.“ Dann: „Ich bin sicher.“ Und dann: „Ich habe solche Kopfschmerzen. Ich kann nichts mehr sagen. Es ist alles zu viel für mich. Bitte gehen Sie jetzt.“

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