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Abschiebung nach Afghanistan Drei Euro Starthilfe

Von den 50 für die Abschiebung vorgesehenen Afghanen sind 34 in Kabul angekommen – 16 sind untergetaucht. Der deutsche Staat scheut offenbar keine Kosten für die erste Zwangsabschiebung großen Stils.

Sie wurden aus Deutschland abgeschoben - in Afghanistan erwartet sie eine ungewisse Zukunft. Foto: REUTERS

Herzlich Willkommen in der Heimat“ war alles, was dem Kommandeur am Internationalen Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul am frühen Donnerstagmorgen einfiel, als er plötzlich den unerwarteten Landsleute gegenüberstand. Aber den 34 Afghanen, die an dem frühen Morgen von deutschen Polizisten aus der gerade aus Frankfurt gelandeten Chartermaschine in die Kälte hinauskomplimentiert worden waren, stand nicht der Sinn nach einer Willkomenszeremonie.

„Ich bin so wütend“, erklärte der 24-jährige Maitullah Azizi, der die vergangenen Jahre in Frankfurt vergeblich um seine Anerkennung als politischer Flüchtling gekämpft hatte, „gestern war ich noch in Deutschland, Jetzt stehe ich plötzlich hier am Flughafen von Kabul und meine Familie weiß nicht einmal, dass ich wieder da bin.“ Insgesamt 34 Männer, die seit drei bis sieben Jahren in Nordrhein-Westfalen, Hessen und anderen Bundesländern lebten und deren Asylanträge abgelehnt wurden, waren am Mittwoch in Frankfurt zur Abschiebung in eine Chartermaschine gezwungen worden.

Der deutsche Staat scheute offenbar keine Kosten für die erste Zwangsabschiebung großen Stils nach Afghanistan. Rund 100 Polizisten befanden sich mit den unfreiwilligen Heimkehrern an Bord. „Wir wurden wie Gefangene behandelt. Für jeden von uns waren zwei bis drei Polizisten abgestellt“, erzählte einer der Rückkehrer, der seinen Namen nicht nennen wollte. „Selbst wenn wir zur Toilette wollten, gingen sie mit uns.“

Nach Angaben von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sind ein Drittel der Männer Straftäter. Sie seien wegen Vergehen wie Diebstahl, Raub, Drogendelikten, Vergewaltigung und Totschlag verurteilt worden, sagte de Maizière am Donnerstag in Berlin. „Solche Rückführungsaktionen sind richtig und notwendig, um unser Asylsystem funktionsfähig zu halten“, so de Maizière.

Nach Angaben von de Maizière war ursprünglich die Abschiebung von 50 Personen geplant – 16 abgelehnte Asylbewerber waren vor dem Charterflug abgetaucht. Von der Sammelabschiebung seien ausschließlich Männer betroffen gewesen, sagte der Minister weiter. Dies schließe aber nicht aus, dass bei weiteren Flügen auch Frauen oder Familien betroffen sein könnten. Freiwillige Rückreisen würden wöchentlich organisiert, sagte de Maizière.

Keiner der Zwangsabgeschobenen gehörte zu den Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr in Deutschland eintrafen. Die Afghanen lebten teilweise schon Jahre in Deutschland und sprechen wie Azizi hervorragend Deutsch. „Ich liebe meine Heimat, ich liebe Afghanistan“, sagte der junge Mann, der aus Kabul stammt, „aber ich habe keine Ahnung, wie es nun weitergehen soll. Hier gibt es keine Arbeit und es ist heute noch gefährlicher für uns als damals, als ich nach Deutschland geflohen bin.“

Die Afghanen kommen mitten in einer humanitären Katastrophe in ihrer Heimat an. Hunderttausende, die teils seit Jahrzehnten in Pakistan Zuflucht vor den Kriegen am Hindukusch gesucht hatten, wurden in den vergangenen Wochen gezwungen, nach Afghanistan zurückzugehen. Außerdem trieb der heftige Krieg gegen die radikalislamischen Talibanmilizen 2016 erneut viele Menschen innerhalb des Landes in die Flucht. Ihre Zahl wird gegenwärtig auf etwa 600 000 geschätzt – 30 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.

Am Flughafen in Kabul wurden den Abgeschobenen als Starthilfe erst einmal 200 Afghani überreicht – etwas mehr als drei Euro. Die Internationale Migrationsorganisation wird sich in den kommenden Tagen um die Heimkehrer kümmern. Die Zwangsabschiebung war möglich, weil die deutsche Bundesregierung Kabul im Herbst zu einem Deal gezwungen hatte. Weitere Entwicklungshilfe, so hatte Berlin deutlich gemacht, werde es nur geben, wenn Kabul abgelehnte Asylbewerber zurücknehme.

Im Frühjahr hatte der afghanische Flüchtlingsminister Sayed Hussain Alemi Balkhi gegenüber der FR erklärt: „Wir nehmen nur Afghanen zurück, die alle legalen Möglichkeiten in Deutschland ausgeschöpft haben.“

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