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Abschiebung in den Kosovo Unversorgt zurück im Kosovo

Der psychisch kranke Rom Adnan G. lebt nach seiner umstrittenen Abschiebung in ständiger Angst. In Pristina traut er sich nicht aus dem Haus.

Adnan G. (2. v. l.), seine Frau und die vier Töchter leben in einem Zimmer. Ohne Betten, Tisch, oder Heizung. Foto: Adelheid Wölfl

Wenn Adnan G. redet, drückt er die Augen zusammen, so als könne er das Gegenüber nicht richtig erkennen. Adnan G. ist müde, er sagt, er schläft kaum. Am 1. März ist der kosovarische Rom aus dem Wetteraukreis hierher, nach Pristina, abgeschoben worden. Sein Fall wirft viele Fragen auf und sorgte nach der Berichterstattung in der FR bereits für Ärger im Hessischen Landtag. Denn Adnan G. ist psychisch krank, hat starke Ängste und fühlt sich bedroht – der Kosovo-Krieg von 1999 wirkt nach.

Die Schlafstörungen bei Adnan G. begannen vor einigen Monaten, seit Mitte Januar war er in der Gießener Uni-Psychiatrie, wurde behandelt. Zuvor sei er in der Nacht aufgesprungen und nach draußen gelaufen, berichten seine Frau Valdete G. und die Kinder. Sie wurden im Januar abgeschoben, als Adnan G. in der Psychiatrie war. Der 32-Jährige schläft sehr wenig – bis vier Uhr morgens meistens gar nicht und danach nur für kurze Zeit, erzählt er. Er findet keine innere Ruhe.

Unmittelbar vor der Abschiebung aus Deutschland, für die er nach FR-Recherchen mit falschen Versprechen aus der Klinik gelockt worden war, sei er von einem Arzt untersucht worden. „Er hat mich gefragt, wie es mir geht“, erzählt G. vom Ablauf der Untersuchung. „Ich habe ihm gesagt, dass ich Angst habe.“ Schließlich erklärte der Arzt G. für reisefähig, doch eine „Reisefähigkeitsbescheinigung“ erhielt der 32-Jährige nicht. Laut hessischem Innenministerium ein normaler Vorgang, das Papier werde in der Regel der Ausländerakte beigefügt. G. bekam aber Tabletten zum Einnehmen vor dem Flug. Und während des gesamten Fluges von München nach Pristina, der knapp zwei Stunden dauert, musste er eigenen Angaben zufolge Handschellen tragen. Warum, das kann G. nicht erklären.

Am Flughafen in Pristina drückte ihm der deutsche Arzt, der ihn begleitete, ein Päckchen Neuroleptika in die Hand. Diese Medikamente werden Kranken bei bipolaren Störungen und Depressionen verschrieben. „Nehmen Sie das ein und dann gehen Sie schlafen!“, habe der Arzt zu ihm gesagt, berichtet Adnan G. im Gespräch mit der FR. Im Spital in Gießen habe er drei verschiedene Medikamente bekommen. „Da konnte ich auch schlafen. Jetzt habe ich keine Medikamente mehr und kann nicht schlafen.“ Die zwei Aluminium-Durchdrückpackungen, auf denen „Quetiapin“ steht, sind leer.

Das Häuschen, in dem Adnan G. und seine Familie derzeit in Pristina wohnen, ist schwer zu finden. In der Seitengasse auf einem Hügel der kosovarischen Hauptstadt fehlen – wie so oft im Kosovo – Hausnummern. Zur Behausung gelangt man durch eine riesige Metallschiebetür, hinter der ein Hof liegt. Die Wohnung umfasst ein Schlafzimmer von etwa zwölf Quadratmetern Größe, einen Vorraum, in dem ein Elektroherd steht, und eine Nasszelle mit vielleicht drei Quadratmetern und einem Betonboden.

In dem kalten Häuschen fällt vor allem auf, was es nicht gibt: keine Betten, keinen Tisch, kein Waschbecken, keine Heizung, keine Stühle. Rund um die Fensterrahmen sind Löcher in den Wänden. Auf dem Boden liegen rote Teppiche mit Blumenmustern, durch das verschmutzte Fenster dringt das Licht vom Hof. Adnan G. sitzt in der Ecke auf einer dünnen, abgewetzten Matratze am Boden.

Neben ihm turnen die eineinhalbjährige Ardita und die dreijährige Shkurta. Dafina, die in Deutschland in den Kindergarten ging, sitzt daneben, sie ist sechs Jahre alt. Ihre neunjährige Schwester Leonora spricht fließend Deutsch, deutlich besser als Albanisch. Sie ging in die zweite Klasse der Grundschule in Friedberg. Seit die vier Mädchen am 25. Januar mit ihrer Mutter abgeschoben wurden, hat Leonora keine Schule mehr besucht. Sie weiß nicht, in welche Schule sie gehen kann. Und sie hat Angst, dass sie mit den Mitschülern nicht mithalten kann, weil sie nie Albanisch geschrieben hat.

Am Abend legen die Eltern Matratzen auf den Boden, die tagsüber zusammengerollt in der Ecke stehen. Valdete G. bekommt vom kosovarischen Sozialamt 85 Euro pro Monat – für die gesamte Familie. „Das reicht nie und nimmer. Wir können damit Milch und ein bisschen Essen kaufen, sonst nichts“, sagt sie.

Adnan G. geht laut eigenen Angaben in Pristina nicht auf die Straße. „Ich habe Angst, dass die mich finden und dann …“ Und dann? G. schweigt einen Augenblick. Dann macht er ein Zeichen mit der Hand, als würde er sich den Hals durchschneiden. „Wenn er hinausgeht, dann sieht er sofort etwas Schwarzes und dann hat er Angst“, versucht Leonora den Gemütszustand ihres Vaters zu erklären. „Ich weiß aber auch nicht, was das Schwarze sein soll“, sagt das Kind.

G. versucht es zu erklären. Er erzählt vom März und April 1999, damals war er 14 Jahre alt, der Kosovokrieg hatte erst begonnen. „Die serbische Polizei ist gekommen und hat mir befohlen, ich soll rauskommen. Ich musste die Leichen der toten Albaner aufsammeln und in einen Lastwagen laden.“ Die Straße Velezerit Fazliu sei damals voller Toter gewesen. „Ich habe vielleicht zehn Tage lang Leichen aufgesammelt, die ich gemeinsam mit drei anderen Roma in grüne Lastwagen gehievt habe. Insgesamt haben wir vier Lastwagen voller Leichen gefüllt. In einen Lastwagen passten vielleicht 40 Leichen“, erinnert sich Adnan G.. Unter den Toten seien Männer, Frauen und Kinder gewesen.

Nach dem Krieg hätten die Albaner ihn gefragt, wo die Leichen hingebracht worden seien. „Aber das weiß ich nicht. Diese Albaner sagen aber, ich hätte mit den Serben zusammengearbeitet. Ich habe Angst. Die anderen Roma-Männer, die mit mir die Leichen in den Lastwagen gehoben haben, sind verschwunden“, sagt Adnan G. Er fühle sich noch immer von Anhängern der ehemaligen Kosovo-Befreiungsarmee UÇK bedroht. „Die haben mir gesagt, dass sie die Leute, die mit den Serben zusammengearbeitet haben, umbringen werden.“

Tatsächlich wurden nach dem Krieg Albaner, Serben und Roma ermordet, weil ihnen – oft völlig zu Unrecht – vorgeworfen worden war, mit den serbischen Polizeieinheiten „kollaboriert“ zu haben. Avni Mustafa von der NGO Roma Versitas in Pristina bestätigt die Glaubhaftigkeit von Adnan G.s Angaben zu Leichentransporten: „Die Roma wurden von der serbischen Polizei und dem serbischen Militär gezwungen, verschiedene Aktivitäten durchzuführen.“ Es gibt beispielsweise auch Berichte aus Prizren, wonach Roma Leichen aufsammeln und in Lastwagen hieven mussten.

„Während des Konflikts 1999 mussten sich die Roma entweder der serbischen oder der albanischen Seite anschließen. Wenn es sich um kleinere Roma-Siedlungen handelte, dann konnten sie sich das nicht aussuchen. Sie wurden wie ein Ball in der Mitte zwischen den beiden Seiten hin und her geschubst“, erläutert Avni Mustafa.

Sowohl Serben als auch Albaner hätten die Minderheit schlecht behandelt. „Deshalb sind so viele nach dem Krieg geflüchtet.“ Heute sei die Situation anders. Roma werden zwar nach wie vor diskriminiert, aber sie werden nicht mehr vertrieben. Mustafa kritisiert jedoch, dass es keine Aufarbeitung der Gewalttaten gegen Roma im und nach dem Krieg gibt.

Adnan G. war zu der Zeit, als es für Roma besonders gefährlich im Kosovo war, ein Jugendlicher. Seine eigenen Kinder spielen heute im abgeriegelten Hof, wenn die Sonne scheint. Leonora, die sich freut, wieder Deutsch sprechen zu können, erzählt von ihren Schulfreundinnen Apolina und Eda in Friedberg. „Ich habe den Mann vom Sozialamt gefragt, ob ich mich noch von ihnen verabschieden kann.“ Die Polizei hatte die Mädchen und die Mutter um fünf Uhr morgens aus der Wohnung abgeholt. „Der Mann vom Sozialamt hat zu mir gesagt: Du kannst hier gar nicht mehr in die Schule gehen und du kannst deine Freundinnen nicht mehr sehen.“

Leonora hat lange, glatte, dunkle Haaren und lächelt viel im Gespräch. Sie sagt, sie würde gern hier im Kosovo in die Schule gehen. Am liebsten würde sie aber zu ihren Freundinnen in Friedberg in ihre alte Klasse zurück. Sie sagt, sie brauche ein Asthma-Spray, das aus Deutschland sei nun leer. Leonora hat einen tief sitzenden Husten. Die Familie hat keinen Arzt, der sie betreut. Rückkehrer im Kosovo haben eigentlich sechs Monate lang Anspruch auf Essen, Unterstützung für Renovierungen und ärztliche Betreuung. „Uns hat niemand irgendetwas erklärt“, sagt ihre Mutter Valdete G.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Flucht und Zuwanderung

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