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9. November „Begriff Antisemitismus ist bei Jugendlichen nicht sehr bekannt“

Meron Mendel von der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank im Interview über zeitgemäße Konzepte gegen Antisemitismus unter Jugendlichen.

Ausstellung "Anne Frank - Ein Mädchen aus Deutschland", JugendBegegnungsStätte Anne Frank e.V., Frankfurt, Bild x von 20
Für viele Jugendliche eine Identifikationsfigur, für Rechte bis heute Feindbild: Anne Frank. Foto: Michael Schick

Herr Mendel, in Deutschland wird heute allerorten der Novemberpogrome gedacht. Erreicht man Jugendliche mit dieser Form der Erinnerung an historisches Unrecht?
Diese ritualisierte Form des Gedenkens hat sich zwar etabliert. Aber wir wissen aus der psychosozialen Forschung, dass Meinungen in der Regel weniger über eine ritualisierte Form des Gedenkens gebildet werden, als vielmehr durch die aktive Auseinandersetzung mit Themen. Ich will deshalb nicht dafür plädieren, Gedenkzeremonien abzuschaffen. Doch eine lebendige Auseinandersetzung mit der Geschichte finde ich wichtiger.

Wie kann das aussehen? Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die selbst vom Erlebten erzählen können, wird es bald nicht mehr geben.
Wir sind gerade in der letzten Phase der Entwicklung unseres neuen Lernlabors „Anne Frank, morgen mehr“, das am 12. Juni 2018 eröffnen wird. Darin gehen wir das Thema Erinnerungskultur mit Tools an, die Jugendliche in ihrem Alltag nutzen – neue Medien, Computerspiele –, und regen zur aktiven Auseinandersetzung mit Unrecht in unserer heutigen Welt an. Aus der Biografie und dem Tagebuch Anne Franks heraus, aber auch anhand zahlreicher anderer historischer und aktueller Beispiele werden Themen eruiert, die in ihrem Bezug zu unserer Gesellschaft heute relevant sind. Die Jugendlichen können sich selbstbestimmt mit diesen Themen auseinandersetzen, Entscheidungen treffen, sich eine Meinung bilden und äußern. Frei nach dem Motto „deine Meinung zählt, deine Meinung ist wichtig“. Denn Jugendliche haben über die Geschichte hinweg immer die Welt kommentiert und eine Position gegen Unrecht eingenommen.

Viele Jugendliche haben keine familiären Bezüge mehr zur Zeit des Nationalsozialismus, etwa weil ihre Eltern und Großeltern aus anderen Ländern eingewandert sind. Wie bringt man ihnen nahe, dass das, was damals geschehen ist, sie heute betrifft?
Auf der Schiene zu argumentieren, „weil eure Großeltern oder Urgroßeltern damals in Deutschland gelebt haben oder vielleicht sogar beteiligt waren, müsst ihr euch damit beschäftigen“, funktioniert ohnehin nicht. Und die Geschichte des Nationalsozialismus und der Schoah ist nicht nur eine deutsche Geschichte. Das Interesse für dieses Thema geht über nationale Grenzen hinaus. Zu denken, dass nur diejenigen, deren Großeltern in Deutschland gelebt haben, einen Bezug zum Thema hätten, dieser Gedanke ist nachweislich falsch. Deswegen versuchen wir, nicht zuschreibend und moralisierend zu arbeiten und an die angebliche Verantwortung der Jugendlichen zu appellieren, sondern das Thema auf Augenhöhe, aktuell und lebendig zu vermitteln. Wir arbeiten stark mit dem Peergroup-Ansatz – unsere Teamer sind 17 bis 22 Jahre alt und haben einen ganz anderen Zugang zu Schülerinnen und Schülern, als Lehrkräfte.

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