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8. März - Pro & Contra "Abschaffen!"

Alle Jahre wieder am 8. März stellt sich die Frage: Ist der Frauentag überflüssig? Bei der Gleichberechtigung hapert es noch immer. Alice Schwarzer plädiert für die Abschaffung des Frauentags, Caroline Korneliy dagegen. Ein Pro und Contra.

08.03.2010 00:03

Contra 8. März

Von Alice Schwarzer

Auch in diesem Jahr wird am 8. März vieles passieren, was mir Freude macht: Die Iranerinnen in Deutschland gehen für die Menschenrechte in ihrer Heimat auf die Straße; die Frauen in Wittenberg klettern auf die Kirchturmspitze und flaggen: Mehr Frauen an die Spitze!; in der ganzen Welt marschieren Frauen, wie jedes Jahr, mit beim Marche Mondiale für mehr Frauenrechte - und last but not least präsentiert Emma an diesem 8. März ihre frisch relaunchte neue Homepage.

Ja, und dann sind da noch all die Politiker und Politikerinnen, die an diesem Tag den Frauen in ihren guten Stuben einen Sekt ausgeben; und das in Vorwahlzeiten besonders gerne in Anwesenheit der Medien. Nicht zu vergessen die Zeitungen, die entweder beflissen die Frauenevents zum 8. März melden oder aber mal wieder ihre Glossenschreiber antreten lassen.

Wir haben uns also längst daran gewöhnt, dass der 8. März der "Frauentag" ist. Nur: Woher kommt der eigentlich?

Von der Frauenbewegung auf jeden Fall nicht. In den 1970er Jahren kannten wir keinen 8. März. Es muss so Anfang der 80er Jahre gewesen sein, als der auftauchte. Im Westen. Im Osten war er wohlbekannt.

Denn in der DDR war der 8. März seit Staatsgründung so etwas wie ein "sozialistischer Muttertag". Muttern bekam das Frühstück gemacht, bevor sie in die Brigade eilte; Vatern überreichte der Seinen rote Nelken; im Betrieb gab´s Kaffee und Kuchen. Und der Staatsratsvorsitzende empfing die allerverdientesten Genossinnen zum Sektempfang.

Und in manchen sozialistischen Ländern amüsierten sich übermütige Genossen an diesem Tag damit, die dreifach belasteten Frauen (Betrieb, Einkaufsschlange, Kinder) mit Parfüm zu bespritzen, mit billigem Parfüm. Eine Handlung, die vom symbolischen Gehalt des karnevalesken Krawattenabschneidens der Frauen an Weiberfastnacht in nichts nachsteht Kurzum: Der 8. März ist eine sozialistische Erfindung, die auf einen Streik von tapferen Textilarbeiterinnen zurück geht und 1910 auf der 2. Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen in aller Form beschlossen wurde. "Genossinnen! Arbeitende Frauen und Mädchen!" schrieb Clara Zetkin 1911 in der Gleichheit, "der 19. März (der später zum 8. März wurde, Anm. d. Red.) ist euer Tag. Er gilt eurem Recht!"

Doch gerade die Frauenbewegung entstand bekanntermaßen Anfang der 1970er Jahre im Westen nicht zuletzt aus Protest gegen die Linke. Eine Linke, die zwar noch die letzten bolivianischen Bauern befreien wollte, die eigenen Frauen und Freundinnen aber weiter Kaffee kochen, Flugblätter tippen und Kinder versorgen ließ. Und die realsozialistischen Länder waren in den obersten Etagen bekanntermaßen auch frauenfrei. Unter diesen Vorzeichen ist die Übernahme des sozialistischen Muttertags als "unser Frauentag" für Feministinnen, gelinde gesagt, der reinste Hohn.

Schaffen wir ihn also endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, wie die Moderatorin Caroline Korneli Alice Schwarzer contert.

Pro 8. März

Von Caroline Korneli

Weil Eva sich nicht beherrschen konnte und vom Baum der Erkenntnis naschte, sind sie und ihr Partner aus dem Paradies geflogen. Sie hätte sich auch einfach damit abfinden können, dass es ihr nicht gestattet ist, den Unterschied zwischen gut und böse zu erkennen, aber Eva musste es ganz genau wissen, und sie hat sich und ihrer Art damit ´ne Menge Ärger eingehandelt.

Wir alle kennen die Geschichte: Adam und Eva werden sich ihrer Nacktheit bewusst, entdecken den Sex, schämen sich ´ne Runde, und Eva wird klar, dass sie diejenige ist, die das Kind austragen soll. Das ist dann länger als erwartet auf ihre Hilfe angewiesen, sie soll aber trotzdem alles andere auch auf die Reihe kriegen, und wegen ihrer Rädelsführerschaft beim Sündenfall ist Eva von nun an doppelt gestraft.

Solange die Frau es schwerer hat als der Mann, soll sie auch einen Frauentag haben. Das ist der eine Tag im Jahr, an dem wir alle genau daran erinnert werden sollen, auf die eine oder andere Weise.

In meiner Kindheit in der DDR wurde viel gebastelt, meistens weiße Tauben oder Dinge die der "Mutti" - wie die schöne, willensstarke, kluge Frau die mich groß gezogen hat, im Osten genannt wurde - die Arbeit im Haushalt erleichtern sollten.

Ihren ekstatischen Höhepunkt fanden diese Bastelevents natürlich am internationalen Frauentag. Der sozialistische Brigadechef deckte den Kaffeetisch und servierte kleine Likörchen; hatte er Humor, band er sich mit einem Augenzwinkern eine kleine Schürze um.

Jede Frau sollte an diesem besonderen Tag etwas von dem zurückbekommen, wofür den Rest des Jahres keiner danke sagte. Neben ihrer regelmäßigen Erwerbstätigkeit hatte sie ja auch noch eine Arbeit, die nur dann auffiel wenn sie nicht gemacht wurde.

Und ganz frei von Ironie oder jenem Augenzwinkern erledige ich heute noch dieselben blöden Tätigkeiten jeden Tag, die auch meiner Großmutter auf den Geist gehen. Ich sammle schmutzige Wäsche ein und wasche sie, dann hänge ich sie zum Trocknen auf und nehme sie ab und verteile dann alles auf die richtigen Schränke und fange wieder mit Einsammeln an.

Wenn die Sonne untergeht, koche ich. Die hierfür benötigten Töpfe weiche ich hinterher ein, weil meistens irgendwas anbrennt. In meinem Kopf wohnt eine Haushaltstandanzeige, die rot leuchtet und vibriert, wenn ich an einem Supermarkt vorübergehe.

Und weil das ganz sicher nicht nur bei mir so ist, brauchen wir einen Frauentag oder wahlweise einen anderen guten Grund, um am Nachmittag schon Sekt zu trinken.

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