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6. Januar 1919 Als Sozialdemokraten und Linkssozialisten gegeneinander auf die Straße gingen

Der 6. Januar 1919 ist ein Datum, das in Vergessenheit geraten ist. Auch wenn der Tag der Auftakt für den Aufmarsch in eine Epoche der Polarisierungen, der Extreme und Gewalt war.

Spartakusaufstand im Januar 1919
Gefechtsstand mit Maschinengewehr in der Frankfurter Allee in Berlin während des Spartakusaufstand im Januar 1919. Foto: imago

Der Aufmarsch ist gewaltig, und so ist er auch gemeint, als furchteinflößende Demonstration. Doch am Ende laufen die miteinander verfeindeten Massen, Demonstranten und Gegendemonstranten, auseinander, ohne dass man sich gegenseitig Gewalt angetan hätte. Trotz der Polarisierung in den Tagen zuvor, kommt es zwischen den Rivalen, Anhängern der Republik oder solchen der Revolution, zu keinem Zusammenstoß. Die Zeitungen am nächsten Tag zeigen ein Gewimmel. Darin die Menschen wie in einem Gewühle.

Der 6. Januar 1919, heute vor 99 Jahren. Berlin wird von zwei Demonstrationszügen beherrscht, den einen hat die sozialdemokratische Regierung auf die Straße gebracht, die Gegendemonstration die linkssozialistische Opposition. Doch die Stimmung mag noch so aufgeheizt sein, der Aufmarsch, der am Vormittag begonnen hat, löst sich auf, trotz der, ja, doch, Gewaltaufrufe während des Wochenendes.

Interessiert das denn noch? Wie auch immer, man läuft auseinander, mürrisch, nicht friedlich, aber unverrichteter Dinge, obwohl Regierung und Opposition die Machtfrage stellten. Die SPD hatte aufgerufen zum „Protest gegen die Gewalttaten der Spartakusbanden“. Dass Berlin eine Gegendemonstration erlebte, hatte mit einer Massenstimmung zu tun, die die Spartakisten, auch die eine Woche zuvor, am 30. Dezember 1918, gegründete KPD zu mobilisieren wusste.

Bürgerkriegsatmosphäre in Berlin

In der Stadt eine Bürgerkriegsatmosphäre, seit Wochen schon. Berlin hatte blutige Weihnachten erlebt, zum Jahreswechsel forderten Teile der KPD: „Wir müssen die lebende Politik der Straße immer weiter aufstacheln, wir dürfen die Bewegung nicht wieder einlullen“ – und damit war die Beteiligung der KPD an der Wahl zur Nationalversammlung gemeint.

Aus der Sicht einer Zeit-Genossin, der Marxistin Rosa Luxemburg, war das ein „kindischer“, ein „unausgegorener“, wenn auch „gradliniger Radikalismus“. Aus der Perspektive des ersten großen Historikers der Weimarer Republik, des Marxisten und langjährigen KPD-Mitglieds Artur Rosenberg, entwickelte sich die falsche Einschätzung der Kräfteverhältnisse, „aus dem Geist eines fanatischen Utopismus“. Man erging sich in Erwartungen, man erlag Vermutungen, vor allem Selbsttäuschungen.

Man könnte dies für eine hochaktuelle Sache halten. Wie auch immer, während der Historiker Volker Ullrich noch vor wenigen Jahren davon sprach, die Revolution von 1918/19 sei „bis heute ein Politikum geblieben“, stellen Autoren wie Wolfgang Niess, Joachim Käppner oder Mark Jones die Vorgänge als weitgehend ins Vergessen abgesunkene Ereignisse dar – ist ihre Erinnerungsarbeit also anachronistisch? Nein, es geht ja nicht um ein antiquarisches Interesse oder um revolutionsromantische Reminiszenzen, ein Impuls der Beschäftigung nach 1968. Der Titel von Sebastian Haffners zupackender Darstellung war programmatisch: „Die verratene Revolution“. Die Revolte von 68 unterhielt zur Räterepublik 1918/19 ein extrem sentimentales Verhältnis.

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