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50 Jahre Club of Rome „Wir brauchen eine neue Aufklärung“

Der Co-Vorsitzende des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, über aktuelle Grenzen des Wachstums und entfesselte Märkte.

Ernst Ulrich von Weizsäcker
Ernst Ulrich von Weizsäcker. Foto: Imago

Herr von Weizsäcker, der erste Report des Club of Rome, „Die Grenzen des Wachstums“, kam 1972 heraus. Erinnern Sie sich noch, was war Ihre persönliche Reaktion darauf?
Ich dachte: Ach, dass man das jetzt auch mathematisch sagen kann! Muss ich unbedingt lesen.
 
Sie ahnten, dass es eine Art Urknall der Umweltdebatte sein würde?
Nein. Ich selbst hatte mich schon einige Jahre früher als Teil der Umweltbewegung angesehen. Aber es war klar, dass der damals schon hoch angesehene Club of Rome der Sache einen Riesenschwung geben würde. 

Kurz darauf drehte die Opec den Ölhahn zu, und es kam zur ersten Ölkrise. Alle Welt dachte: Der Club of Rome hat es ja vorausgesagt. Aber das hatte er gar nicht, zumindest keine so schnelle Zuspitzung…
Stimmt. Man kann auch sagen, dass die Ölprinzen ganz schlau die Gunst der Stunde nutzten.
 
Das Erdöl ist heute, ein halbes Jahrhundert danach, immer noch nicht knapp. Die Kohle reicht sogar noch für Jahrhunderte. Wo liegen heute die Grenzen des Wachstums?
Nicht in den Rohstoffen, sondern bei Klima, Biodiversität und Böden. Die werden drastisch übernutzt. Wir bräuchten heute rechnerisch schon 1,7 Erden, um unsere Ansprüche zu befriedigen. 
 
Was sind die größten Hindernisse? Sind wir zu viele auf der Welt? Oder konsumieren wir zu viel? 
Beides. Wir konsumieren zu viel Natur, und wir sind eigentlich zu viele auf der Welt. Vor allem die Industriestaaten müssen Ihr Wohlstandsmodell korrigieren, sie haben riesige „ökologische Fußabdrücke“. Dass die ärmeren Länder jetzt rasant aufholen, ist ja eigentlich sehr erfreulich. Aber wir bräuchten wir schon fünf Erdbälle, wenn alle Menschen auf der Erde auf dem Konsumniveau der USA leben würden. Die gute Nachricht ist: Die Industrieländer können die Wende schaffen, durch bessere Technik und weniger Prasserei. Brutaler Verzicht ist nicht nötig.
 
Es gibt die Chancen, das ökonomische Wachstum und die Umweltbelastung zu entkoppeln? 
Durchaus. Im unserem Club of Rome-Report „Faktor Fünf“ haben wir gezeigt, dass man wenigstens fünfmal mehr Wohlstand aus Energie und Stoffen herausholen kann. Aber das kommt nur in Gang, wenn wir den Naturverbrauch endlich teurer machen.
 
Sie selbst haben einmal den Slogan geprägt: „Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen.“ Das ist, in einem preisgesteuerten Wirtschaftssystem von bezwingender Logik, hat sich aber nicht durchgesetzt. Warum? 
Der Slogan ist schwer quantifizierbar. Neuerdings plädiere ich für eine schrittweise, sozialverträgliche Verteuerung des Naturverbrauchs, und das aufkommensneutral, so dass das Leben unter dem Strich nicht teurer wird, und so, dass Industrien nicht aus Steuergründen auf Wanderschaft gehen.

 
Ihr Club hat vor zwei Jahren aber auch empfohlen, die Zahl der Kinder zu verringern. Das gab ziemlich Ärger. 
Das war der Club of Rome-Bericht „Ein Prozent ist genug“ von Jørgen Randers und Graeme Maxton. Und es ist ja offensichtlich: Den Ländern, die eine Stabilisierung ihrer Bevölkerung erreicht haben, geht es viel besser als denen, die es nicht schaffen. Allerdings muss nun ihr ökologischer Fußabdruck schnell kleiner werden. 
 
Ist eine nachhaltige Entwicklung im globalisierten, entfesselten Kapitalismus überhaupt möglich? 
Die Entfesselung des Kapitalismus war ein schwerer politischer Fehler. Bei Adam Smith war der Markt noch in einem festen Rechtskorsett eingebunden und war dann segensreich. 
 
Das ist nun anders. Ist es angezeigt, die Globalisierung zurückzudrehen? 
Es ist angezeigt, die Entfesselung zurückzudrehen. Für globale Märkte brauchen wir globale Regeln. Auch gegen Steueroasen. Das Problem ist die Durchsetzung. Es müsste vereinbart werden, dass Steuern in dem Land bezahlt werden, wo das Geld verdient wurde. Kapital, das die Umwelt ruiniert, Arbeitsplätze vernichtet oder die Demokratie unterhöhlt, muss dort scharf besteuert werden dürfen, wo dieses Unheil angerichtet wird. Zudem sollte endlich eine Kapitaltransfersteuer, die sogenannte Tobin-Steuer, eingeführt werden, und die Handelsverträge dürften künftig nicht jede Umweltschutzmaßnahme als Handelshemmnis brandmarken.
 
US-Präsident Donald Trump droht mit höheren Zöllen. Falscher Mann, richtiges Mittel? 
Maßvolle Zölle sind nicht schlecht. Für viele Entwicklungsländer waren sie die verlässlichste Einkommensquelle. Aber Zölle als Kampfsport der Nationen gegeneinander sind absurd.

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