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25 Jahre Maikrawalle Die Wut entlud sich in Eintagskriegen

Am 1. Mai 1987 brannte Kreuzberg. Eine Nacht lang entlud sich die Wut der linken Szene, Randalierer und Anwohner machten fröhlich mit, die Polizei musste kapitulieren. Das Ritual überlebt – die politische Bilanz bleibt bescheiden.

30.04.2012 23:08
Thomas Rogalla
Die Polizei war am 1. Mai 1987 noch mit 250 Beamten vertreten – zu wenige, um die brutale Gewalt zu stoppen. In den Jahren danach fuhren die Beamten mit Wasserwerfern vor, wie hier im Jahr 2001 Foto: dpa

Am Nachmittag des 1. Mai 1987 wurde die Polizei zu einem Verkehrsunfall am Lausitzer Platz in Kreuzberg gerufen, auf dem das traditionelle, alkoholgeschwängerte, aber wie in den Vorjahren weitgehend friedliche Maifest der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW) stattfand. Es erschien wie in solchen Fällen üblich ein weiß-grüner VW-Bulli mit zwei Polizisten, sie nahmen den Unfall auf. Alles verlief soweit normal. Bis gegen 16 Uhr.

Da fanden die Beamten ihren Bulli auf der Seite liegend vor, umgestürzt von sogenannten linken Autonomen. Polizeiliche Verstärkung wurde gerufen, und wurde, als sie später in ihren „Wannen“ erschien und den Platz räumen wollte, mit Steinen beworfen. Die Polizei antwortete mit Tränengas, das auch in die Fenster der angrenzenden Häuser geschossen wurde, und mit Schlagstöcken. Was dann in Kreuzberg SO 36 folgte, war eine Gewaltorgie bis in den frühen Morgen, die selbst für das an Straßenkämpfe gewohnte West-Berlin eine neue Qualität hatte: Drei Dutzend Autos brannten aus, 1500 Autonome warfen Steine auf Polizisten, es gab zahlreiche Verletzte auf beiden Seiten. Im Laufe der Nacht entfaltete sich die bei Randale übliche Eigendynamik. Wer, obgleich friedlicher Bürger, ungerechtfertigt Tränengas oder Schläge abbekam, griff dann seinerseits zu Steinen und Flaschen. Alkohol löste letzten Hemmungen.

Keine Gnade für die Feuerwehr

Selbst Bewag-Schaltkästen wurden umgetreten und gingen funkensprühend in Rauch auf. Und durch die zertrümmerten Schaufensterscheiben von 30 Geschäften, vom Supermarkt bis zum kleinen Laden an der Oranienstraße, griffen nicht nur die Steinewerfer, sondern auch Anwohner in die Auslagen. Bundesweite Berühmtheit erlangte die Plünderung des Bolle-Supermarkts am Görlitzer Bahnhof. Die Polizei fuhr planlos von einem Brandherd zum andern, „wir waren auf dieses Szenario in keiner Weise vorbereitet“, berichtet Hartmut Moldenhauer, damals leitender Polizeirat im Berliner Präsidium. Nur 250 Beamte, später in der Nacht 400, waren im Einsatz und standen einem Mob aus rücksichtlos steinewerfenden und stahlkugelschießenden Autonomen, aggressiven türkischen und arabischen Kids und alkoholisierten Festbesuchern gegenüber. Über Stunden zog sich die Polizei nachts ganz aus Kreuzberg zurück.

Nicht nur die Tagesschau-Reporterin fühlte sich an Beirut erinnert. Wer dort abends unterwegs war, hörte insbesondere von älteren Kreuzbergern immer wieder einen Satz: „Das ist wie im Krieg!“ Aber in Kreuzberg galt nicht einmal das Kriegsrecht, wonach Nichtkombattanten und Verletzte zu schonen sind.

Als der Bolle-Brand auf das Nachbarhaus überzugreifen drohte, kam die Feuerwehr wegen Steinwürfen nicht durch. Entsetzte Augenzeugen mussten zusehen, wie das Löschfahrzeug von seiner Besatzung aufgegeben und von Schwarzvermummten angezündet wurde.

Das führte danach in der links-alternativen Szene West-Berlins, parlamentarisch vertreten durch die Alternative Liste (AL), zwar zu gewisser Nachdenklichkeit, aber noch nicht zu der Konsequenz, sich eindeutig von politischer Gewalt zu distanzieren. „Mit dieser Frage haben wir uns seit unserer Gründung gequält“, sagt Wolfgang Wieland, damals für die AL im Abgeordnetenhaus. In seiner Fraktion gab es Distanzierung von Randale, aber auch den Abgeordneten Dirk Schneider, für den ein Steinwurf „ein befreiendes Gefühl“ auslöste. Die linke Tageszeitung taz kritisierte zwar solche Auswüchse, widmete sich aber vor allem der Frage, welche Verantwortung der Senat unter Eberhard Diepgen (CDU) und „die Bullen“ an den Mai-Geschehnissen trügen.

Tatsächlich war morgens um fünf auf Geheiß der Staatsanwaltschaft, die seit den Zeiten der Hausbesetzungen zu Beginn der 80er-Jahre einen von Verhältnismäßigkeit weitgehend freien Law-and-Order-Kurs fuhr, das „Volkszählungsboykottbüro“ im Kreuzberger Mehringhof von der Polizei gestürmt worden. Dass die Razzia in der Linken-Zentrale ein Auslöser der Krawalle war, darüber sind sich die Beobachter weitgehend einig. Ansonsten gibt es viele Erklärungen und Mutmaßungen, warum sich ein Gemeinwesen seit zweieinhalb Jahrzehnten im Mai zu Eintagskriegen verabredet.

750 Motive für den Gewaltausbruch fand die taz, was sich auf die 750-Jahr-Feier Berlins 1987 bezog, die zuvor vom West-Berliner Establishment mit einem pompösen Buffet im ICC eröffnet worden war. Das sorgte nicht nur bei der extremen Linken für Zorn und Empörung. Es führte auch in der sozial schwachen Kreuzberger Bevölkerung zu der Auffassung, dass „die da oben feiern, und wir kriegen nichts zu fressen“. Unmut verbreitete auch der Plan des Senats, die Mietpreisbindung in Berlin aufzuheben. Solche offenkundigen Ungerechtigkeiten sind zwar keine Rechtfertigung für Gewalt, schaffen aber eine Grundstimmung, Randale zu tolerieren oder zu unterstützen.

Wer maskiert Steine auf einen Polizisten wirft oder ein Auto anzündet, braucht Umstehende, die ihn aus Angst, Schaulust oder klammheimlicher Freude gewähren lassen. Die fanden sich in West-Berlin auch in den Achtzigerjahren, als mit Hausbesetzungen und Demonstrationen gegen spekulativen Leerstand demonstriert wurde. Der Protest führte letztlich zu einem Umdenken in der Stadtentwicklungspolitik . Die linke Strömung in Berlin hat die kollektive Erfahrung gemacht, dass Krawall Aufmerksamkeit für ein Problem bewirken kann, weswegen auch heute einige bei Grünen und Linkspartei diese Option ungern aufgeben wollen.

Keine Bullen, trotzdem Krawall

Es ist auch eine der Erklärungen dafür, warum sich die Meinungsführer im „bunten“ Kreuzberg nicht schon 1988 klar gegen die Gewalttäter des Schwarzen Blocks stellten. Stattdessen durften die in „Kiezpalavern“ darlegen, warum im Kampf gegen Kapitalismus, Faschismus, Imperialismus und andere Ismen es notwendig sei, in Kreuzberg „Angriffe auf Schweinefirmen, kollektive Enteignungsaktionen usw.“ durchzuführen und das Quartier einmal jährlich zu zerstören.

Versuche, diese verschwiemelte Solidarität der linken Szene und unter Anwohnern mit dem Schwarzen Block aufzubrechen, scheiterten in den Folgejahren weitgehend, und zwar nicht nur unter strammen CDU-Senatoren wie Wilhelm Kewenig, Dieter Heckelmann oder dem Ex-General Jörg Schönbohm. Die Null-Toleranz -Strategie der Konservativen gegenüber Rechtsbruch auf der Straße zog auch deshalb nicht, weil eine ganze Reihe von Senatoren und anderen CDU-Funktionsträgern in Korruptionskandale verwickelt war und selbst den Staatsanwalt im Hause hatte.

Als 1989/90 die erste rot-grüne Koalition unter Walter Momper und Innensenator Erich Pätzold am 1. Mai wohlmeinend auf Deeskalation setzte, gab es unter dem Motto „Keine lila Pause für Rot-Grün“ besonders schwere Ausschreitungen. Die Autonomen widerlegten dabei eindrucksvoll ihre eigene Parole: „Keine Bullen, kein Krawall.“ In den 90er-Jahren wichen die Extremisten zeitweise nach Friedrichshain und Prenzlauer Berg aus. Irgendwelche Anlässe fanden sich immer, mal war es der Jugoslawienkrieg, mal der G8-Gipfel. Die Globalisierung der Themen bot auch immer mehr „erlebnisorientierten“ Krawalltouristen aus anderen Berliner Bezirken oder von auswärts Gelegenheit, beim jährlichen Räuber- und Gendarm-Spiel mitzutun. Wie immer, wenn es um Gewalt geht, sind auch am 1. Mai, wenn Sonnenwärme den Adrenalinausstoß begünstigt, meist junge Männer die Urheber. 2011 zählte die Polizei unter 100 Festgenommenen 90 Männer, rund ein Drittel von auswärts.

Erst ab 2003 eroberten sich die Anwohner der Oranienstraße mit dem „Myfest“ ihren Kiez zurück. Das sei ein „extrem harter und anstrengender Prozess“ gewesen angesichts des „rohen Kreuzberger Umgangs miteinander“, sagt Silke Fischer, die in enger Zusammenarbeit mit Innensenator Ehrhart Körting (SPD) das Myfest führend mitorganisierte. Jetzt gibt es Reggae, Hip Hop, DJs. Wo früher Barrikaden brannten, brutzelt Bratwurst. Und junge Migranten sind stolz, wenn sie als Ordner jobben können. Politisch bewirkt haben 25 Jahre Randale nichts. Wenn die Eintragskriege toben, parken die Spekulanten ihre BMW außerhalb. An den übrigen 364 Tagen im Jahr erhöhen sie die Mieten, besonders in Kreuzberg.

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