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Zwangsprostitution In den Händen der Juju-Magier

Mit psychischer Folter machen nigerianische Priester junge Frauen gefügig - eine Abhängigkeit, die sie sogar bis nach Europa verfolgt. Die Aussteigerin Joana Adesuwa Reiterer erzählt. Von Katharina Sperber

11.03.2009 00:03
Katharina Sperber
A voodoo practitioner dances while holding knives during a ceremony in Cotonou
Ein Voodoo-Priester tanzt mit einem Messer in der Hand. Bei der Zeremonie wird Blut von Hühnern gesammelt, um damit Amulette und religiöse Glücksbringer zu bespritzen (Cotonou, Benin, Dezember 2007). Foto: rtr

Adesuwa ist jung, verheiratet mit Tony, der im fernen Österreich seinen Geschäften nachgeht. Welche das sind, weiß sie nicht, aber sie will ihren Mann glücklich machen. Jetzt liegt Adesuwa allein in einer Hütte im Busch nahe dem Fluss Okhwae - weit weg von ihrer Heimatstadt Benin City im Süden Nigerias. Als sie die Augen aufschlägt, sieht sie Köpfe von Ziegen und Hunden an den Wänden, daneben steckt ein Buschmesser.

Sie schreit auf, als sie das Blut aus den Köpfen tropfen sieht. Sie wird hysterisch, die Luft bleibt ihr weg. Sie versucht, auf die Beine zu kommen, aber es gelingt ihr nicht. Jemand hat ihre Füße zusammengebunden. Sie sieht Teile von Tierkörpern auf dem Boden verstreut. Ein Hundebein hängt an dem Seil um ihre Füße. Eine Priesterin tritt plötzlich an sie heran: "Er hat sie, er hat sie gefangen", sagt sie. Wer ist er, fragt Adesuwa. Keine Antwort. Draußen vor der Hütte beginnen Männer zu trommeln, Frauen reißen sich die Blusen von den Körpern und tanzen nackt im Regen.

Tag eins im Reich der Juju-Priesterin geht zu Ende. Noch sechs weitere werden folgen, in denen Adesuwa das Ritual der Magier über sich ergehen lassen wird. Tage voller Angst und Schrecken, in denen sie zeitweise ihr Bewusstsein verlieren wird. Sie tut es freiwillig.

Die zarte 21-Jährige, die die Universität besucht hat, ihre eigene Boutique in Benin City betreibt und im nigerianischen Showbiz einen Namen hat, liebt ihren Ehemann. Adesuwa wurde zur Ehe von niemanden gezwungen oder überredet. Sie hat Tony in Benin City kennen gelernt, er ist der Freund des Mannes einer Freundin. Doch der eloquente, zuweilen auch arrogante Tony spricht bereits kurz nach der Hochzeit von Problemen. Seine Geschäfte in Europa laufen nicht gut, sagt er. Er glaubt, sein Blatt mit Juju-Zauber wenden zu können.

Was die Juju-Priester mit ihr in Nigeria taten und wie schwer sie sich aus deren Bannkreis selbst in Europa befreien konnte, hat die heute 27-jährige Joana Adesuwa Reiterer in ihrem Buch "Die Wassergöttin" aufgeschrieben. Darin erzählt sie, wie Migranten aus Afrika auch hierzulande mit Juju gefügig gemacht werden. Die Behörden glaubten deren Geschichten nicht, weil die Beamten und Angestellten nichts von der Kraft des Juju wüssten, sagt die Autorin.

Juju zur gegenseitigen Kontrolle

Anders als beim Voodoo, einer animistischen Religion, der mindestens ein Drittel aller Westafrikaner anhängt, ist die Abart Juju eher ein enges soziales Netz der gegenseitigen Kontrolle, sagt die Religionswissenschaftlerin Gabriele Lademann. Die Juju-Riten hätten eine große Suggestivkraft und die Priester griffen tief in die Persönlichkeit der Menschen ein. Die Opfer würden manipuliert und in große Angst versetzt, sagt Lademann. Sie nennt Juju "Schwarzmagie", die in Nigeria und dort vor allem in Benin City stark verbreitet sei. Juju-Jünger glauben an Götter und Geister, die sie nicht nur anrufen, sondern auch in sich aufnehmen können. Mit ihrer Hilfe, so das Versprechen, würden sie gesund und reich.

Oder arm und abhängig, wie Joana Adesuwa Reiterer schmerzhaft erleben musste. "Ich weiß von deinem Vater, du bist eine Ogbanje, eine Wassergöttin mit großen magischen Kräften", sagt Tony am Telefon nach seiner Rückkehr nach Wien zu Adesuwa, die in Nigeria zurückgeblieben ist. "Ich und meine Familie haben mit mehreren Priestern gesprochen, und sie haben mir alle das Gleiche bestätigt. Wenn du die notwendigen Rituale nicht vollziehst, wirst du krank werden." Um ihre Liebe zu beweisen, müsse sich die junge Ehefrau dem Juju-Ritual unterziehen, fordert Tony: "Es ist deine Pflicht als Wassergöttin, uns reich zu machen!"

Adesuwa ist entsetzt, dass ihr Mann an Zauberei glaubt. Denn sie hat mit Juju schlechte Erfahrungen gemacht. Bereits als sie 14 Jahre alt war, verfiel ihr Vater, ein mittelständischer Unternehmer, nach einem Bankrott ebenfalls dem Juju-Kult. Er erklärte seine Tochter zur Hexe, zu einer sogenannten Wassergöttin. Sie müsse sich einem Ritual unterwerfen, um dem Vater zu neuem wirtschaftlichen Erfolg zu verhelfen. Adesuwa wehrte sich und floh aus dem Elternhaus.

"Aber dieses Mal werde ich es machen und so Tony meine Liebe beweisen", entscheidet die Frischvermählte nun und unterzieht sich dem Juju-Ritual. Weit weg von ihrer Familie, umgeben von fremden Menschen, die die elegante Großstädterin aus der nigerianischen Mittelschicht an den intimsten Stellen begrabschen, ihr zerriebene Kreide und zermahlene Kräuter auf den nackten Körper schmieren, sie mit Flüssigkeiten besudeln, die auf ihrer Haut brennen. Sieben Tage verbringt sie in Trance, umgeben vom zermürbenden Rhythmus der Trommeln und Rasseln.

Die Juju-Priesterin verspricht ihr: "Ich werde dich zu deiner Identität im Ozean begleiten." Danach werde Adesuwa mit Tony glücklich werden. Mehrmals rät der Instinkt Adesuwa, das Ritual abzubrechen, um nicht verrückt zu werden. Doch Neugierde und die Loyalität zu Tony zwingen sie zu bleiben. "Vielleicht klappt es ja", sagt sich Adesuwa. "Vielleicht mache ich Tony wirklich reich." Immerhin hat ihr Ehemann den Juju-Priesterinnen umgerechnet 3000 Euro gezahlt, damit seine Frau ihre magischen Kräfte in seinem Sinne entfalten kann.

Menschenhändler und Zuhälter nigerianischer Mädchen

Für Tony erweisen sich die 3000 Euro als Fehlinvestition. Die Geschäfte laufen weiterhin schlecht. Er holt seine Frau nach Europa. Österreich ist ihr fremd, sie hat das Gefühl, Mars und Venus seien ihr vertrauter als dieses neue Land.

Sie staunt über Hunde und Katzen, die hier an der Leine geführt werden. Aber Adesuwa freut sich auch auf Wien, sie möchte mit Tony Schloss Schönbrunn besuchen, das sie von Postkarten kennt. Doch ihr Ehemann behandelt sie schlecht und quält sie weiter mit Juju. Weil sie nicht schwanger wird, legt er nasse, ölige Tücher ins Bett und reibt ihren Körper mit weißem Pulver ein. Sie darf kaum aus dem Haus, den Spaziergang nach Schloss Schönbrunn streicht er kurzerhand, genauso die versprochene Reise nach Rom.

Und dann der Schock: Adesuwa entdeckt eines Tages, als sie in Tonys Unterlagen wühlt, die Wahrheit über die Geschäfte ihres Mannes. Er besitzt kein Restaurant, wie er immer gesagt hat. Er ist ein Menschenhändler und Zuhälter nigerianischer Mädchen. Er hat den jungen Frauen nicht nur Pässe und Geld weggenommen, er zwingt sie auch mit dem Juju-Glauben auf den Strich. In Nigeria haben sich die jungen Frauen einem Ritual unterziehen und einen Schwur leisten müssen, dass sie Tony und seinen Helfershelfern gehorchen müssen. Nur so würden sie den versprochenen reichen Ehemann bekommen, der ihren zumeist bitterarmen Familien in Afrika das Überleben sichern werde. Juju-Priester schnitten den jungen Frauen die Fingernägel ab, belegten diese mit einem Zauber, vergruben sie und stießen eine Drohung aus: Sollten die Mädchen Tony in Europa enttäuschen, würden sie sterben. Keine Sekunde zweifeln die Mädchen an der Wirksamkeit des Zaubers. Sie haben ihren Geister-Glauben auf den rund 5000 Kilometern zwischen Lagos und Wien nicht verloren, sondern mit nach Europa gebracht.

Außerdem sind die Frauen der Sprache des neuen Landes nicht mächtig und sie haben keinen Kontakt zu Menschen außerhalb Tonys Einfluss. So stellt niemand ihren Glauben in Frage.

Deckmantel für den Missbrauch von Kindern in Nigeria

Adesuwa weiß, wie den jungen Mädchen zumute ist. Sie kennt ihre Furcht, ihre Verzweiflung und Zerrissenheit. Aber sie hat sich inzwischen aus dem Griff des Juju befreit. Sie hat Deutsch in der Volkshochschule gelernt, sie hat sich eine Arbeit als Zimmermädchen in einem Hotel gesucht, sie hat andere Menschen außerhalb Tonys Freundeskreis gefunden - und sie hat zuerst ihren Ehemann verlassen und sich dann auch scheiden lassen. "Ich bin frei geworden, weil ich mich der sozialen Kontrolle entzogen habe", sagt sie heute.

Ein großer Schritt für eine Frau, die lange im Juju-Netz gefangen war. Inzwischen hat sie einen gebürtigen Österreicher geheiratet und ein Kind. "2006, während meiner Schwangerschaft, begriff ich, in welche emotionale Abhängigkeit ich durch die Juju-Praktiken geraten war", schreibt sie in ihrem Buch. Noch im gleichen Jahr gründet sie in Österreich "Exit", eine Organisation gegen Menschenhandel. Vor einigen Monaten trat sie bei einer UN-Konferenz gemeinsam mit der US-Schauspielerin Emma Thompson auf, um gegen Frauenhandel zu protestieren. Es geht ihr dabei vor allem um Aufklärung. Denn Hilfe, sagt sie, könne sie nur bedingt leisten. Zu fest seien die Juju-Bande. 75 Frauen haben bislang "Exit" besucht. 15 davon hätten "eine gewisse Unabhängigkeit" erreicht, nur vier seien wirklich unabhängig geworden.

Joana Adesuwa Reiterer nimmt heute kein Blatt mehr vor den Mund. "Juju ist keine wirkliche Religion. Es ist der Deckmantel für den Missbrauch von Kindern in Nigeria", sagt sie. Es gehe dabei nur um Geld und Macht. "Unzählige Frauen und Mädchen werden dieser Art spiritueller Folter ausgesetzt, weil Menschen ihre Kräfte missbrauchen, um andere manipulieren und kontrollieren zu können." In weiten Teilen Westafrikas sei es völlig normal geworden, andere für sein persönliches Unglück verantwortlich zu machen. Diese Menschen griffen zu psychologischer Folter, um Unglück von sich selbst abzuwenden. Dieses System müsse in Europa bekannt gemacht werden, damit die hierher verschleppten Frauen sich leichter aus der sozialen Kontrolle lösen könnten, sagt Reiterer. Inzwischen geht sie auch nach Nigeria, "um das Übel an der Wurzel zu bekämpfen". Dazu gehört Mut.

Sie hat viel arbeiten müssen, um diesen Mut zu gewinnen. Sie hat das Buch geschrieben und nichts verschwiegen. Bis auf das Ende des Rituals, dem sie sich aus Liebe zu Tony unterzog, das ihr selbst aber nur Schmerzen zufügte.

Tag sieben des Rituals: Es ist dunkel. Adesuwa steht allein auf dem Weg zwischen Hütte und Fluss. Die Priesterin hat ihr die Kleider weggenommen. Plötzlich umschließt sie der Arm eines fremden Mannes, er versucht, ihre Hände hinter ihren Rücken zu zwingen. Ein großer, muskulöser Leib drückt sich gegen ihre schlammbeschmierte Vorderseite. Sie will schreien. Eine Hand legt sich auf ihren Mund. Ein anderer Mann erscheint und köpft direkt vor ihrem Gesicht vier junge Hühner. Blut fließt aus den Tierkadavern, die Männer bespritzen Adesuwa damit und raunen Wünsche und Flüche. Sie reißt sich los und läuft ins Dunkel zwischen Elefantengras und Palmen, durch das Unterholz, immer weiter über roten Sand. Die Männer erwischen sie doch. Sie fällt zu Boden.

Was danach geschah, daran kann und will sich Joana Adesuwa Reiterer nicht erinnern. "Ich kann es nicht hervorholen. Will es auch nicht. Es würde mich vielleicht wieder um den Verstand bringen."

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