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Zugunglück in Meerbusch Regional-Express hätte offenbar halten müssen

3. UpdateBei der Suche nach der Ursache für die Zugkollision in Meerbusch bei Neuss mit mehr als 40 Verletzten zeichnet sich ein erstes Bild ab: Der Regional-Express hätte demnach halten müssen.

Unfallstelle
Die Unfallstelle nach dem Zugunglück bei Meerbusch: Rechts ein teilweise entgleister Güterzug, links ein Personenzug. Foto: Arnulf Stoffel

Unglücksursache noch unbekannt, 50 Verletzte, neun davon schwer. Warum ein Regional-Express am Dienstagabend bei Meerbusch auf einen stehenden Güterzug fuhr, das ermittelt derzeit die Bundesstelle für Eisenbahnunfall-Untersuchungen (BEU). Pendler berichten, dass es auf der Strecke seit Jahren regelmäßig Signalstörungen gebe.

Wie ist der Unfall abgelaufen?
Der Regional-Express 7 von Köln nach Krefeld mit der Zugnummer 32547 hat den Neusser Hauptbahnhof um 19.28 Uhr verlassen. Der rund acht Kilometer lange Streckenabschnitt bis zum Haltepunkt Meerbusch-Osterath ist in drei Block-Abschnitte unterteilt. Jeder dieser Abschnitte wird durch Signale gesichert. In einem Abschnitt dürfen keine zwei Züge gleichzeitig unterwegs sein. Genau das war am Dienstagabend aber der Fall.

Der Regional-Express des Eisenbahn-Unternehmens National Express ist laut der Ermittlungsstelle der Bundespolizei im dritten Abschnitt auf den stehenden Güterzug der DB Cargo aufgefahren. Dieser Zug mit leeren Schüttgut-Wagen war von Dillingen nach Rotterdam unterwegs und stand auf freier Strecke vor der Einfahrt in den Haltepunkt Osterath vor einem roten Signal. Ein Lokführer, der in einen besetzten Block einfährt, müsste das Rotsignal missachten. Der Zug würde automatisch gebremst.

Warum konnte das dennoch geschehen?
Das ist Gegenstand der Ermittlungen der BEU und der Bundespolizei. Die Fahrtenschreiber beider Züge wurden sichergestellt und werden derzeit ausgewertet. Auch die Informationen aus den Stellwerken und der Bahnfunkverkehr stehen den Ermittlern als Informationsquellen zur Verfügung.

Ist die Signaltechnik auf der Strecke auf dem neuesten Stand?
Nein. Der Verkehr auf der Strecke wird durch ein sogenanntes Spurplan-Stellwerk geregelt. Die Technik stammt aus den 1970er Jahren, ist bei der Bahn aber noch weit verbreitet, gilt als zuverlässig und erfüllt alle Sicherheitsstandards wie ein modernes elektronisches Stellwerk. Dabei werden die Fahrstraßen per Tastendruck gestellt und freigegeben. Der Fahrdienstleiter im Stellwerk kann einen Zug ohne Sicherheitsabfragen nicht ohne Weiteres in einen blockierten Abschnitt schicken. Das lässt die Technik nicht zu.

Gibt es Ausnahmen?
Ja. Mit Erlaubnis aus dem Stellwerk darf ein Lokführer unter bestimmten Bedingungen ein auf Halt stehendes Signal mit gedrückter Befehlstaste überfahren, wenn zum Beispiel ein Signal gestört ist. Das ist mit bis zu 40 Stundenkilometern möglich, ohne dass eine Zwangsbremsung erfolgt. Die Fahrzeugelektronik warnt akustisch, außerdem wird der Vorgang elektronisch aufgezeichnet.

Könnte der Lokführer des RE 7 eine solche Freigabe erhalten haben?
Das ist Spekulation. Pendler berichten, die auf diesem Abschnitt regelmäßig unterwegs sind, berichten aber, dass es dort in immer wieder zu Signalstörungen kommt. Der Unfallzug hat vor dem Aufprall auch auf freier Strecke vor einem Signal gehalten. Tobias Richter, Geschäftsführer von National Express, hatte zuletzt in einem Beitrag für die WDR-Sendung Markt im Februar 2016 davon gesprochen, dass es auf dem Abschnitt immer wieder Probleme mit den Bahnübergängen gibt.

Wie lange wird die Bergung dauern?
Seit Dienstagmittag ist ein 160 Tonnen-Kran im Einsatz, um die havarierten Güterwagen wieder aufs Gleis zu setzen. Ob der vordere Teil des Personenzugs abgeschleppt werden kann, ist noch unklar. Die Reparaturen an den Gleisen und der Oberleitungen werden wohl mehrere Tage dauern.

Wie viele Menschen wurden verletzt?
50, davon neun schwer. Rund 400 Rettungskräfte kümmerten sich um die Verletzten an der Unfallstelle. 173 Passagiere, darunter auch die Verletzten, mussten stundenlang in dem Doppelzug ausharren. Weil beim Aufprall auch die Oberleitung heruntergerissen wurde, musste diese erst abgeschaltet werden. Das dauerte fast zwei Stunden. Die Rettungskräfte lobten den Lokführer. Der habe sich, obwohl selbst deutlich mitgenommen, um die Fahrgäste gekümmert und geholfen, das alles ruhig abgelaufen sei. Mit seiner Notbremsung habe er zudem Schlimmeres verhindert. „Wir hoffen, dass ihn keine Schuld trifft“, sagt ein Sprecher des Zugbetreibers National Express. Der Schaden dürfte deutlich höher als zwei Millionen Euro liegen. Das gilt als schwerer Unfall.

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