Lade Inhalte...

Zugunglück in Meerbusch Eine Kette des Versagens

Zugunglück in Meerbusch: Was wir bisher wissen, welche Fragen noch offen sind.

Zugunglück in Meerbusch
Am Tag nach dem Unglück beginnt die Bergung der Züge. Am 5. Dezember 2017 waren auf der Strecke von Köln nach Krefeld ein Regionalexpress RE7 auf einen stehenden Güterzug geprallt. Foto: dpa

Die Ausgangslage vor dem schweren Zugunglück in Meerbusch, bei dem 50 Menschen verletzt worden sind: Der Zugverkehr auf dem Abschnitt zwischen der Abzweigung Weißenberg hinter dem Neusser Hauptbahnhof und dem Haltepunkt Meerbusch-Osterath wird von zwei Fahrdienstleitern auf zwei Stellwerken gesteuert. Einer sitzt im Stellwerk Weißenberg, der andere im wenige Kilometer entfernten Stellwerk Osterath. Es ist 19.28 Uhr, als der Regional-Express 7 von Köln nach Krefeld den Neusser Hauptbahnhof verlässt. Wenige Minuten später muss er am Abzweig Weißenberg in Höhe des Stellwerks anhalten, weil das Signal auf Rot steht. Der Grund: Im Gleisabschnitt vor ihm steht ein Güterzug der DB Cargo mit leeren Schüttgut-Waggons auf dem Weg von der Dillinger Hütte im Saarland nach Rotterdam – ebenfalls vor einem Rotsignal vor der Einfahrt in den Haltepunkt Osterath. Der Gleisabschnitt vor ihm ist nicht frei. Auf ihm fährt gerade ein anderer Güterzug durch den Bahnhof Osterath.

Die Nachfrage
Der Lokführer des Regional-Express 7 ruft per Bahnfunk den Fahrdienstleiter auf dem Stellwerk Weißenberg an, will von ihm wissen, warum er vor dem Rotsignal warten muss. Im Normalfall läuft der Zugbetrieb auf dieser Strecke automatisch ab. Die Signale erkennen jeden Zug und schalten auf Grün, jedoch nur unter der Bedingung, dass der Gleisabschnitt davor frei ist. Das ist an diesem Abend nicht der Fall. Der Lokführer des Regionalzugs informiert deshalb die Reisenden in seinem Zug über den Zwangsstopp. Er teilt ihnen mit, dass er auf eine Freigabe warte. Der Fahrdienstleiter im Stellwerk Weißenberg schaut auf das Gleispult vor ihm und sieht, dass das Gleis vor „seinem“ Regionalzug durch einen Güterzug blockiert ist. Er setzt sich mit seinem Kollegen auf dem nächsten Stellwerk in Osterath in Verbindung, um Informationen einzuholen. Wann wird der Güterzug diesen Abschnitt verlassen?

Die Antwort
Das könne doch gar nicht sein. Der Abschnitt sei längst frei. Das erweist sich als ein Irrtum. Der Fahrdienstleiter im Stellwerk Osterath hat den wartenden Güterzug wohl nicht auf dem Schirm. Die Behörden müssen jetzt ermitteln, ob der Fahrdienstleiter in Osterath diesen Güterzug mit dem vorausfahrenden Güterzug verwechselt hat oder ob es eine technische Störung gab. Das kann nach dem bisherigen Stand der Untersuchungen nicht vollends ausgeschlossen werden. Im Stellwerk Weißenberg versucht der Mitarbeiter daraufhin, „seinem“ Regional-Express 7 grünes Licht zu geben. Das klappt natürlich nicht. Die Sicherheitssysteme greifen, melden den Gleisabschnitt als belegt. Das Signal lässt sich deshalb nicht umschalten.

Der Fahrbefehl
Nach den Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ erteilt der Fahrdienstleiter dem Lokführer des Regional-Express 7 daraufhin einen Fahrbefehl. Das ist ein ziemlich aufwendiges Unterfangen. Der Befehl muss auf einem eigens dafür vorgesehenen Formular schriftlich ausgefüllt, per Bahnfunk an den Lokführer geschickt werden. Bevor der überhaupt losfahren darf, muss er den Vorgang ebenfalls schriftlich in einem vergleichbaren Formular niederlegen. Genau das geschieht. Der Fahrdienstleiter in Weißenberg gibt dem Lokführer zwei Befehle. Erstens: Fahren Sie am Hauptsignal vorbei, obwohl es Rot zeigt. Zweitens: Fahren Sie auf Sicht, das bedeutet mit maximal Tempo 40, aber nur so schnell, dass Sie jederzeit von einem Hindernis anhalten können. Anschließend gibt er die Strecke frei. Der Regional-Express setzt sich in Bewegung. Warum sich der Fahrdienstleiter auf dem Stellwerk Weißenberg nicht noch einmal bei seinem Kollegen auf dem Stellwerk Osterath rückversichert hat – bist Du ganz sicher, ist der Abschnitt frei, kann ich davon ausgehen, dass es sich um eine Signalstörung handelt? – diese Frage müssen die Ermittler der Bundesstelle für Eisenbahnunfall-Untersuchungen klären.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen