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Zika Arme Kranke rechnen sich nicht

Das tropische Fieber Zika wurde zum internationalen Medienereignis. Trotzdem dürfte es in absehbarer Zeit weder Impfstoffe noch Medikamente zu seiner Behandlung geben.

05.07.2016 14:53
Toni Keppeler
National Primate Research Centers Study Zika Virus
MADISON, WI - JUNE 28: Jennifer Post, a research specialist at the Wisconsin National Primate research Center (WNPRC) at the University of Wisconsin-Madison, puts a pregnant rhesus macaque monkey infected with the Zika virus back into its cage following an ultrasound on June 28, 2016 in Madison, Wisconsin. Researchers at the University released a study today detailing how research at the facility has found the Zika virus persisted in the blood of pregnant monkeys for 30 to 70 days but only around 7 days in others. The study also found that monkeys previously infected with the virus were resistant to a second infection, which suggests the animals have a naturally occurring immunity. Health professionals in the United States are preparing for the possibility of an epidemic of Zika which can be transmitted by mosquitoes. Scott Olson/Getty Images/AFP Foto: SCOTT OLSON (GETTY IMAGES NORTH AMERICA)

Es begann mit roten, juckenden Flecken an den Armen und leicht erhöhter Temperatur. „Kein richtiges Fieber“, erinnert sich Carmen Martínez. Sie hat es nicht einmal gemessen. Sie fühlte sich fit genug, um jeden Tag aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Die 44-jährige Salvadorianerin ist Yoga-Lehrerin und macht bei ihren Kursen selbst alle Übungen mit. Das ist anstrengend. Schlimm kann die Krankheit also nicht gewesen sein. Nur die Flecken waren lästig, und sie wurden mehr. Sie tauchten an den Beinen auf, am Hals, am ganzen Körper. Nur im Gesicht nicht. „Ich hätte mich wegkratzen können.“

Drei Tage lang ging das so, dann verschwanden die Flecken langsam wieder. Statt dessen bekam Carmen Martínez Rückenschmerzen und blutunterlaufene Augen. Dazu schwollen ihre Hand- und Fußgelenke an. „Meine Fesseln waren so dick, dass ich in keine Schuhe mehr passte.“ Das dauerte noch einmal drei, vier Tage, dann war alles vorbei und übrig blieb nur eine große Müdigkeit.

Beim Arzt war Carmen Martínez nicht. Warum auch? Die wenigsten Menschen in El Salvador haben eine Krankenversicherung. Arztbesuche kosten Geld. Man macht sie nur, wenn es gar nicht mehr anders geht. Ihr Fall taucht deshalb – wie der von ungezählten anderen – in keiner Statistik auf.

Carmen Martínez hat die Krankheit in diesem Frühjahr erwischt. Sie wusste, um was es sich handelt; auch ohne ärztliche Diagnose. In den Medien werden die Symptome wieder und wieder beschrieben, lateinamerikanische Gesundheitspolitiker sprechen täglich darüber, in Behörden hängen aufklärende Plakate. Als aber im August 2014 im Nordosten Brasiliens erst Hunderte, dann Tausende und schließlich weit über eine Million Menschen mit denselben Symptomen erkrankten, da rätselten Gesundheitsexperten lange. Man tippte zunächst auf eine milde Variante des seit Jahrzehnten in Lateinamerika grassierenden tropischen Fiebers Dengue. Bei Blutuntersuchungen aber fand sich kein entsprechender Erreger.

Als Nächstes hatten die Behörden Chikungunya im Verdacht. Dieses Fieber, verbunden mit heftigen Gliederschmerzen, ist vor ein paar Jahren fast überall in Lateinamerika aufgetaucht und seither nicht mehr verschwunden. Aber auch Chikungunya ließ sich nicht nachweisen. Erst im April 2015 entdeckte man die wahre Ursache: Zika. Der damalige brasilianische Gesundheitsminister, der Medizin-Professor Arthur Chioro, trat erleichtert vor die Presse und sagte: „Das Zika-Virus beunruhigt uns nicht. Es handelt sich um eine gutartige Krankheit.“

Damit hätte man den Fall eigentlich abhaken können. Zika, übertragen von einem Aedes aegypti genannten Moskito, breitet sich vor allem in dichtbesiedelten Armenvierteln der Tropen aus. In den dort herrschenden Bedingungen fühlt sich die Stechmücke besonders wohl: feucht-heißes Klima und massenhaft abgestandenes Wasser, etwa in Pfützen auf ungeteerten Straßen und Wegen oder in offen gelagertem Müll wie weggeworfenen Altreifen. Dort legt die weibliche Mücke ihre Eier ab. Zika ist eine klassische Armutskrankheit, und die sind den Medien in der reichen Welt allenfalls eine kleine Randnotiz wert; meist werden sie einfach ignoriert.

Zika aber wurde zum internationalen Medienereignis, und das lässt sich erklären: Zum einen ist die Krankheit in Brasilien ausgebrochen, im Jahr vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, bei denen die Welt – vor allem die reiche – zu Gast sein wird und sich vor Ansteckung fürchtet. Zum anderen stellte sich Zika als eine emotional berührende Krankheit heraus: Neun Monate nach dem Ausbruch häuften sich im Seuchengebiet Geburten von Kindern mit viel zu kleinen Köpfen. Heute weiß man, dass etwa ein Prozent der Frauen, die sich in den ersten drei Monaten ihrer Schwangerschaft mit Zika infizieren, Babys mit dieser Mikrozephalie genannten Anomalie zur Welt bringen. Bei über einer Million Infizierter macht das ein paar hundert Fälle. Das fällt auf, das lässt sich fotografieren und filmen, das berührt. Das Kindchenschema greift ans Herz der Medienkonsumenten.

Seither geht jede auch noch so vage Vermutung als Horrormeldung um die Welt. Zika-Kinder könnten später vielleicht an der Verhaltensstörung ADHS leiden oder zu Epileptikern werden, glauben ein paar Experten. Eine Schädigung der Augennerven bis hin zur Erblindung gilt als möglich, ein Zusammenhang mit dem Guillan-Barré-Syndrom als wahrscheinlich. Bei dieser noch weitgehend unverstandenen Krankheit handelt es sich um sehr selten auftretende vorübergehende Lähmungserscheinungen, die an den Händen und Füßen beginnen und den ganzen Körper befallen können. In aller Regel erholen sich die Patienten nach wenigen Monaten. Nur wenn die Lähmungen den Atmungsapparat befallen, kann die Krankheit tödlich enden.

El Salvadors stellvertretender Gesundheitsminister Eduardo Espinoza, ein gelernter Arzt, forderte angesichts solcher noch unbewiesener Schreckensvisionen die Frauen seines Landes auf, in den nächsten beiden Jahren nicht schwanger zu werden. In stockkatholischen Ländern wie Kolumbien debattiert man wegen Zika über eine Lockerung des strikten Abtreibungsverbots. Mit dem Klimawandel und den dadurch steigenden Temperaturen könnte die Krankheit auch näher an die industrialisierte Welt im Norden rücken. In den USA befürchtet man schon, dass sich die Stechmücke Aedes aegypti auch in den warmen Südstaaten ausbreiten und wohlfühlen könnte. Warum eigentlich nicht im Rheintal? Es braucht nur zwei Moskitos, die einen Langstreckenflug überleben und in einem feucht-heißen mitteleuropäischen Sommer landen. Auch in der Schweiz wurde schon mancher Experte zu dieser Möglichkeit befragt.

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Ohne Kindchenschema und heraufbeschwörbare Gefahren – das kann als sicher gelten – würde Zika ignoriert wie jede andere Armutskrankheit. Wer kennt schon zum Beispiel die Chagas-Krankheit, die so gut wie überall in Lateinamerika verbreitet ist? Rund 18 Millionen Menschen sind damit infiziert – im Fall von Zika rechnen die schlimmsten Projektionen mit vier bis sechs Millionen. Zika spürt man, wenn überhaupt, wie eine leichte Grippe und nach einer Woche ist alles vorbei. Vier von fünf Angesteckten merken gar nichts und spätestens nach zehn Tagen ist auch der Erreger aus ihrem Körper verschwunden.

Die Chagas-Krankheit dagegen geht in ihrer etwa einen Monat währenden akuten Phase mit hohem Fieber, Durchfällen und Bauchschmerzen einher. Danach bleibt sie für immer im Körper und zerstört oft erst nach Jahren die Nervenzellen im Verdauungstrakt und lässt das Herz krankhaft wachsen. Bei etwa zehn Prozent der Infizierten führt sie zu einem langsamen und grausamen Tod. In Bolivien trägt rund ein Viertel der Bevölkerung den Erreger in sich, im Westen von Honduras mehr als die Hälfte. Die Krankheit ist seit 1909 bekannt. Es gibt bis heute weder einen Impfstoff zum Schutz vor Chagas noch ein Medikament zur Behandlung. Das gilt genauso für Zika (bekannt seit 1947), Dengue (seit spätestens 1635 bekannt) und Chikungunya (1952 zum ersten Mal beschrieben).

Alle diese Krankheiten haben eines gemein: Sie befallen fast ausschließlich arme Menschen in armen Ländern und raffen Jahr für Jahr Zehntausende von ihnen dahin. Zika mit allen seinen bis heute bewiesenen Folgen ist da zwar im Einzelfall tragisch, im Ganzen aber vergleichsweise harmlos. Chagas wird von einer Raubwanze übertragen, die im Stroh von Dächern und in Wänden aus einem Gemisch von Stroh und Lehm lebt – die typische Hütte armer Leute auf dem Land. Zika, Dengue und Chikungunya werden alle von Aedes aegypti übertragen, das sich in den hygienischen Bedingungen der überfüllten städtischen Armenviertel besonders wohlfühlt.

Gäbe es keine Favelas in den Städten und keine bittere Armut im Hinterland, wären Chagas, Zika, Dengue und Chikungunya kein Problem. Und befielen diese Krankheiten nicht überwiegend Arme, gäbe es längst Impfstoffe zu ihrer Verhinderung und Medikamente zu ihrer Behandlung. Die Pharmaindustrie aber ist – mit der kubanischen als einziger nennenswerter Ausnahme – privatwirtschaftlich organisiert und also an Profit orientiert. Mit armen Leuten in armen Ländern lässt sich kein Profit machen. Schon gar nicht, wenn die Krankheiten, an denen sie leiden, mehr beschrieben als verstanden sind und oft epidemisch auftreten und dann wieder abklingen oder scheinbar ganz verschwinden. Bevorzugt werden Medikamente für Krankheiten entwickelt und produziert, die bekannt und erforscht sind und die häufig und vorhersehbar in Ländern mit genügend Kaufkraft auftreten.

So haben Wissenschaftler der Gesundheitsbehörde der USA bereits einen Impfstoff gegen das vorwiegend in Afrika und nur sehr selten in Nordamerika und Europa auftretende, oft tödliche West-Nil-Fieber bis zu ersten klinischen Tests entwickelt. Sie fanden aber keinen Pharma-Konzern, der bereit gewesen wäre, das Präparat industriell zu produzieren. Der Grund: Keiner der angefragten Firmen schien es rentabel genug zu sein. Jetzt arbeiten Forscher in staatlichen Laboren der Vereinigten Staaten an einem Zika-Impfstoff und befürchten einen ähnlichen Ausgang.

Zwar wird in rund einem Dutzend kleinerer Firmen und Labore inzwischen über Zika geforscht – dafür gibt es nun Geld von der Weltgesundheitsorganisation. Die Großen der Branche aber geben sich zaudernd. So hat der britische Konzern Glaxo-Smith-Kline nur vage gesagt, er werde „die Machbarkeit prüfen“. Das will auch Sanofi Pasteur in Frankreich tun, merkte in einer Presseerklärung aber gleich an: „Es gibt noch zu viele unbekannte Faktoren.“

Der wesentliche unbekannte Faktor ist der Markt: Wird es in drei, fünf oder zehn Jahren, wenn ein Impfstoff oder Medikamente marktreif sein könnten, überhaupt genügend Zika-Kranke geben, mit deren Geld Investitionen und Gewinne eingespielt werden können? Der jetzt in Lateinamerika grassierende Ausbruch wird dann sicher vorbei sein. In Brasilien ist die Zahl der Neuinfektionen schon jetzt rückläufig. Wann und wo der nächste Ausbruch kommen wird, weiß niemand. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass es wieder in einer armen Weltgegend sein wird, vielleicht noch viel ärmer, als es der Nordosten Brasiliens ist. Und eben deshalb wird es wohl auch dann weder Impfstoff noch Medikamente geben.

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