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Zeitumstellung Des Kaisers neue Zeiten

In Deutschland ist das Geschimpfe über die Zeitumstellung ein Volkssport. Eine Umfrage der Europäischen Kommission zu dem Thema fällt deutlich aus. Rückt eine Abschaffung nun näher?

Wilhelm
„Für die eine Stunde weniger Schlaf könnt ihr euch bei Kaiser Wilhelm bedanken“, sagt Comedian John Oliver. Foto: epd

Wird bald die Zeitumstellung abgeschafft? Millionen EU-Bürger wären dafür: Das zeigen die geleakten Ergebnisse einer Online-Umfrage der Europäischen Kommission, die seit Anfang Juli lief. Mit mehr als 80 Prozent hat sich darin wohl die überwiegende Mehrheit der immerhin 4,6 Millionen Teilnehmer – von gut 500 Millionen EU-Bürgern zwar eine verschwindend geringe Zahl – für die Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen. Eine etwas schwächere Mehrheit will außerdem die dauerhafte Sommerzeit. Interessant außerdem: Mit drei Millionen wurden zwei Drittel der Gesamtstimmen wohl von Deutschen abgegeben. Das hatte am Dienstag zunächst die „Westfalenpost“ berichtet.

Die EU-Kommission wollte die durchgesickerten Zahlen am Mittwoch zunächst nicht bestätigen. Die Kommission werde die Ergebnisse bei einer Klausurtagung Donnerstag und Freitag beraten, sagte ein Sprecher, der aber ankündigte, die Aufbereitung und Veröffentlichung der Ergebnisse sei „eher früher als später“ zu erwarten.

Die „Öffentliche Konsultation“ zur Sommerzeit, wie die Umfrage im Kommissions-Sprech heißt, ist zwar weder repräsentativ noch bindend. Trotzdem dient sie laut der Kommission „dem Zweck zu evaluieren, ob die Sommerzeit für alle Mitgliedstaaten unverändert bleibt oder ob sie für die gesamte EU abgeschafft wird“. Gut möglich also, dass aufgrund der Ergebnisse das Ende der Zeitumstellung näher gerückt ist.

Das EU-Parlament hatte bereits im Februar mit einer Mehrheit von 384 Stimmen bei 154 Gegenstimmen für die Abschaffung der Sommerzeit gestimmt und die Kommission beauftragt, die Zeitumstellung zu überprüfen. Diese ist seit 2001 in der Richtlinie 2000/84/EG des Europäischen Parlaments und des Rates geregelt; seit 1996 stellen alle EU-Länder jedes Frühjahr und jeden Herbst ihre Uhren um.

Sommerzeit oder Winterzeit?

Probleme bei der Abschaffung könnte indes die Frage bereiten, was die Zeitumstellung ersetzen soll: die Winterzeit, die vor der Einführung der Zeitumstellung die Normalzeit war; oder die dauerhafte Sommerzeit, die bei der Umfrage die Mehrheit erhalten zu haben scheint? Würde Deutschland in Zukunft die Koordinierte Weltzeit+1 (UTC+1), also die bisherige Winterzeit befolgen, oder die Sommerzeit (UTC+2)?

Während eine Abschaffung der Zeitumstellung EU-weite Gültigkeit hätte, läge die Bestimmung der neuen Normalzeit im Ermessen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Das könnte dazu führen, dass Länder, die eigentlich in der gleichen Zeitzone liegen, unterschiedliche Uhrzeiten befolgen. Es ist sicher kein Zufall, dass zwei Drittel der 4,6 Millionen Teilnehmer der Umfrage aus Deutschland kamen. Schimpfen über die Zeitumstellung ist hierzulande Volkssport. Umfragen zeigen, dass seit Jahren knapp drei Viertel der Deutschen die Zeitumstellung für sinnlos halten und ihre Abschaffung fordern. Auch gibt gibt es zahlreiche Initiativen und Petitionen, die sich der Causa widmen.

Es gibt jedoch auch genügend Hinweise, dass der Ärger berechtigt sein könnte: Zweimal im Jahr, wenn wieder die Zeitumstellung ansteht, schlägt die Stunde der Gesundheitsexperten, die vor den Folgen eines veränderten Schlafrhythmus warnen: Schlafstörungen, Dauerstress, Stoffwechsel- und Herzkreislaufprobleme sind unter den Gefahren.

Auch die Daseinsberechtigung der Sommerzeit steht zur Debatte: Die bessere Ausnutzung des Tageslichts im Sommer soll Energie einsparen. Dazu lässt allerdings das Umweltbundesamt verlauten, die Deutschen schalteten zwar im Sommer tatsächlich abends seltener das Licht an, fingen dafür aber im Frühjahr und im Herbst früher an zu heizen. 2016 schätzte eine Vergleichsstudie des Deutschen Bundestags die Einsparung beim Energieverbrauch bei 0,03 Prozent ein und bezeichnete sie als vernachlässigbar.

Kaiser Wilhelm II. setzte die Sommerzeit großflächig um 

Dass gerade die Deutschen so gegen die Zeitumstellung wettern, ist indes nicht ohne Ironie, wenn man um ihre Geschichte weiß. Denn wer hat wohl als Erster an der Uhr gedreht? „Ganz recht: Für die eine Stunde weniger Schlaf könnt ihr euch bei Kaiser Wilhelm bedanken“, lästerte der britische Comedian John Oliver 2015. Seine Show „Last Week Tonight“ hat ein vergnügliches Drei-Minuten-Video über die auch in den Vereinigten Staaten verhasste „Daylight Saving Time“ produziert, das auf Youtube fast sieben Millionen Menschen angesehen haben.

Er hat recht: Die Idee selbst stammt zwar nicht von Wilhelm II., er ist jedoch der Erste, der sie großflächig umgesetzt hat. Im Ersten Weltkrieg hoffte der deutsche Kaiser, mittels Zeitumstellung ließe sich Brennstoff einsparen. Es folgt ein bewegtes Verhältnis zwischen den Deutschen und der Zeitumstellung: Abschaffung während der Weimarer Republik, Wiedereinführung während des Zweiten Weltkriegs, Wiederabschaffung danach. 1980 wurde die Sommerzeit dann erneut eingeführt, infolge der Ölkrise in den 70er Jahren. Eins ist sicher: Mit einer endgültigen Abschaffung der Zeitumstellung könnte die EU-Kommission bei den Deutschen Punkte machen. Und die Hobby-Nörgler wären mit der nächsten Streitfrage versorgt. Denn was ist besser: Dauerhafte Winter- oder ewige Sommerzeit?

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