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Zehn Jahre nach den Anschlägen Offene Wunden in Madrid

Vor zehn Jahren explodierten vier Vorortzüge auf dem Weg zum Madrider Atocha-Bahnhof. Es war der folgenschwerste Terroranschlag auf europäischem Boden. Die Opfer und Hinterbliebenen fühlen sich von der spanischen Politik bis heute im Stich gelassen.

Ein zerstörter Waggon am Bahnhof Atocha in Madrid. Foto: dpa

Auf Daniels Nachttisch liegt noch eine spanische Ausgabe der „Verwandlung“ von Franz Kafka, die letzten zehn Seiten hat er nicht mehr gelesen. Pilar Manjón, Daniels Mutter, räumt das Buch nicht weg. „Sein Zimmer ist so, wie er es vor zehn Jahren verließ“, sagt sie mit einem Zittern in der Stimme. „Ich bin bei ihm, wenn ich es betrete.“

Am Morgen des 11. März 2004 nahm Daniel, wie jeden Morgen, den Vorortzug in Vallecas, im Südosten Madrids, um zur Uni zu fahren. Er setzte sich in den vierten Wagen – „sonst saß er immer im ersten“, erzählt seine Mutter –, in den Wagen, in dem drei Minuten später, um 7.38 Uhr, im Bahnhof von El Pozo del Tío Raimundo eine Bombe explodierte. Daniel starb mit 20 Jahren.

Zehn Bomben detonieren in vier Zügen

Die Bombe, die Daniel tötete, war eine von zehn, die an diesem Morgen fast zeitgleich in vier Vorortzügen auf dem Weg zum Madrider Atocha-Bahnhof explodierten. In Spanien lebende Islamisten hatten Reisetaschen mit Sprengstoff gefüllt, sie in den Zügen abgestellt und per Mobiltelefon gezündet. 191 Menschen starben, 1858 wurden verletzt. Eine Frau, die damals 26-jährige Laura Vega, liegt bis heute im Koma. Abgesehen vom Anschlag auf eine PanAm-Maschine über dem schottischen Lockerbie 1988 hat kein anderer Terrorakt auf europäischem Boden so viele Opfer gefordert wie die Attentate vom 11. März 2004 in Madrid.

Spanien reagierte auf die Anschläge mit kühlem Kopf. Die Polizei ermittelte und spürte bald die Attentäter und ihre Hintermänner auf. Nach ersten Festnahmen stießen die Fahnder am 3. April auf eine Wohnung in der Madrider Vorstadt Leganés, in der sich eine Gruppe mutmaßlicher Terroristen versteckt hatte. Als eine Sondereinheit der Polizei die Wohnung zu stürmen versuchte, sprengten sich sieben der Verschanzten in den Tod, auch ein Polizist kam dabei ums Leben. Den restlichen, gefassten Attentätern und ihren Helfern wurde 2007 vor dem Nationalen Gerichtshof der Prozess gemacht. Zwei in Spanien lebende Marokkaner wurden als Haupttäter zu nominellen Freiheitstrafen von je knapp 43 000 Jahren verurteilt, ein spanischer Minenarbeiter als Sprengstofflieferant zu knapp 35 000 Jahren. 19 Angeklagte kamen mit kürzeren Haftstrafen davon, zehn weitere wurden freigesprochen.

Der spanische Rechtsstaat funktionierte so gut wie ein Rechtsstaat funktionieren kann. Kein Guantánamo, keine Mordkommandos, keine versehentlichen Erschießungen wie nach den Attentaten auf die Londoner Metro zwei Jahre später. Polizei und Justiz machten ihre Arbeit, und die Spanier bewahrten die Ruhe. Obwohl sie erfahren mussten, dass unter ihnen Araber voller Hass auf die westliche Welt lebten, nahmen sie dafür nicht alle anderen Araber in Verantwortung. Spanien ist ein friedliches und vergleichsweise gastfreundliches Land geblieben. Das einzige Gesetz, das die Regierung verschärfen ließ, war jenes über die Kontrolle von Sprengstoffen. Ansonsten bauten Polizei und Geheimdienst, die diese Gefahr bis dahin unterschätzt hatten, ihre Abteilungen gegen den islamistischen Terror aus. Weitere islamistische Attentate hat es in Spanien seitdem nicht gegeben.

Und trotzdem ist nicht alles gut in Spanien. „Wir haben nicht nur einen geliebten Menschen verloren oder müssen mit den Folgen unserer Verletzungen leben“, sagt Pilar Manjón, die Mutter Daniels und Präsidentin des Selbsthilfevereins der Opfer des 11. März, der Asociación 11-M. „Unser Unglück war, dass drei Tage nach den Anschlägen Wahlen stattfanden. Wenn sich Politik und ein Terrorattentat vermischen, geraten die Opfer in den Hintergrund. Sie beginnen zu stören.“

So empfinden sich viele der Überlebenden und Hinterbliebenen: als Störenfriede. Die Schuld für diese undankbare Rolle gibt Manjón „der politischen Klasse“. Große Katastrophen lassen die Menschen gewöhnlich zusammenrücken. So war es auch nach den Madrider Terroranschlägen. „Wir empfanden so etwas wie Stolz darauf, wie die Spanier reagierten“, erzählt Juan Carlos González, ein Spanischlehrer, der den Attentaten knapp entging, weil er am Morgen des 11. März das Haus etwas später verließ als sonst. Sein Stolz galt den Taxifahrern, die Gratisfahrten machten, den Psychologen, die sich freiwillig meldeten, um die Angehörigen der Opfer zu trösten, oder den Menschen, die sich in langer Schlange an der Puerta del Sol zum Blutspenden aufreihten. „In jenen Tagen gab es ein Gemeinschaftsgefühl unter den Spaniern.“ Doch dieses Gefühl zerbrach schnell.

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Attentat drei Tage vor den Parlamentswahlen

Anfang 2004 regierte in Spanien die konservative Volkspartei (PP) unter dem damaligen Ministerpräsidenten José María Aznar. Für den 14. März standen Wahlen zum nationalen Parlament an, und die PP lag in allen Umfragen vorn. Dann explodierten die Madrider Züge, und auf einmal waren die Wahlen wieder offen. Sollten Islamisten für das Attentat verantwortlich sein (wie sich schließlich herausstellte), würde das der PP schaden; sollte die damals noch aktive baskische Eta dahinter stecken, würde es ihr nützen.

So dachte jedenfalls die Aznar-Regierung und versuchte so lange wie möglich, die Eta-Hypothese am Leben zu erhalten. Es war keine ganz abwegige Hypothese. Zwei Wochen vor den Anschlägen hatte die Polizei in der Nähe von Madrid zwei Eta-Mitglieder festgenommen, die in einem Lieferwagen eine halbe Tonne Sprengstoff transportierten. Doch mit den Attentaten vom 11. März hatte das nichts zu tun. Alle Ermittlungen deuteten sehr bald darauf hin, dass die Bomben in den Zügen nicht von der Eta, sondern von islamistischen Terroristen gelegt worden waren.

Die PP verlor die Wahlen am 14. März, drei Tage nach den Attentaten, eine Niederlage, von der sich die Partei lange nicht erholte. Was viele Wähler im letzten Moment für die Sozialisten unter ihrem Spitzenkandidaten José Luis Rodríguez Zapatero stimmen ließ, war gerade das hartnäckige Beharren der Aznar-Regierung, wider besseres Wissen, auf der möglichen Eta-Täterschaft. Aznar fürchtete, dass die Spanier ein islamistisches Attentat als Rache für die spanische Beteiligung am Irakkrieg im Jahr zuvor interpretieren würden – und damit Aznar indirekt für die Anschläge mitverantwortlich machen würden.

Und wirklich sind bis heute viele Spanier davon überzeugt, dass erst Aznars bedingungslose Unterstützung des US-amerikanischen Irakfeldzugs Spanien zum Ziel der Islamisten gemacht habe. Zu ihnen gehört Pilar Manjón: „Sie haben uns in einen Krieg geführt, in den ich nicht ziehen wollte und in den 90 Prozent der Bevölkerung nicht ziehen wollten. Und natürlich gibt es einen Zusammenhang damit, dass ich meinen Sohn verloren habe.“

Wahrscheinlich irrt sich Manjón. Fernando Reinares, Terrorismusforscher am staatlichen Real Instituto Elcano, hat jahrelang alle Spuren des 11. März verfolgt und kommt in seinem gerade veröffentlichten Buch „Bringt sie um! Wer steckte hinter dem 11-M und warum wurde ein Attentat in Spanien verübt“ zu dem Schluss, dass die Idee zu den Anschlägen schon Ende 2001 geboren wurde, lange vor der Invasion des Irak. Die Bombenattentate seien eine Antwort auf den Schlag der spanischen Polizei gegen eine spanische Al-Qaida-Zelle um den gebürtigen Syrer Abu Dahdah gewesen. Doch die Stimme des beharrlichen Faktensammlers Reinares geht im lauten ideologischen Streit um die Deutung des 11. März unter. „Die Attentate haben die Spanier gespalten, und diese Spaltung hält zehn Jahre später an“, sagt der Politologe.

Theorien werden lebendig gehalten

Während die Einen noch immer Aznar eine Mitverantwortung an den Anschlägen geben wollen, versuchen die Anderen die Theorie von einer Beteiligung der Eta oder anderer, dunkel bleibender Mittäter lebendig zu erhalten. Weil der Sozialist Zapatero drei Tage nach den Attentaten die Wahlen gewann, müsse der Regierungswechsel das eigentliche Ziel der Anschläge gewesen sein, glaubt zum Beispiel der PP-Politiker Jaime Ignacio del Burgo, immerhin Sprecher seiner Fraktion im einstigen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum 11. März.

Seine Thesen erklärt del Burgo im jüngst erschienenes Buch „11-M, das Attentat, das die Geschichte Spaniens veränderte“. Doch die Attentate haben Spaniens Geschichte nicht verändert. Das taten im besten Fall die Wähler. Sie entschieden sich für den Sozialisten Zapatero, der Spanien einen vorsichtigen Modernisierungsschub verpasste, inzwischen aber längst wieder abgewählt ist; sein konservativer Nachfolger Mariano Rajoy versucht gerade den nächsten Richtungswechsel, diesmal nach rechts. So wie es Alltag ist in Wahldemokratien.

Die Opfer und Hinterbliebenen, die unfreiwilligen Protagonisten der Anschläge vom 11. März 2004, fühlen sich von keiner der Regierungen verstanden, weder von den früheren noch von der jetzigen. „Sie versprachen uns den roten Teppich auszurollen“, sagt Pilar Manjón, die Präsidentin der Asociación 11-M, in der mehr als 1700 Betroffene zusammengeschlossen sind. „Also haben sie ein Team von 20 Psychologen engagiert, das am 31. Dezember 2004 wieder entlassen wurde – eine wunderbare Hilfe“, fügt sie ironisch hinzu. Die Zapatero-Regierung habe Distanz zu ihnen gehalten, „eine Distanz, die zur Vergessenheit wurde“. Niemand sollte denken, habe man ihnen erklärt, dass sich die Sozialisten der Opfer zu propagandistischen Zwecken bedienten.

Solche Sorgen kennt die Rajoy-Regierung nicht. Für die Volkspartei steht die Asociación 11-M sowieso auf der falschen Seite. Im Zuge der allgemeinen Sparmaßnahmen hat sie deshalb die Subventionen für den laufenden Betrieb des Vereins von 100 000 Euro auf 40 000 Euro im Jahr gekürzt, berichtet dessen Schatzmeister Ángel de Marcos. „Sie versuchen uns Stück für Stück die Luft abzuschnüren“, glaubt er. „Aber wir machen weiter, selbst wenn wir auf der Straße betteln müssen.“ Für die Mitglieder ist der Verein ein Zuhause, für viele der einzige Ort, an dem sie sich verstanden fühlen. Zehn Jahre sind keine lange Zeit, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat oder, als Überlebender, mit den schrecklichen Bildern des Anschlags leben muss. „Die Wunden sind noch offen“, sagt Pilar Manjón. „So frisch, so brennend, so schmerzhaft.“

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