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Youtube-Hype um Jilet Ayse Die Ghettobraut aus Neukölln

Hunderttausende sehen auf Youtube zu, wenn die 18-jährige Jilet Ayse, gefälschter Adidas-Anzug, hochtoupiertes Haar und kotelettgroße Ohrringe, loskeift. Im wahren Leben ist sie Sozialpädagogin an der Neuköllner Rütli-Schule.

Erfüllt alle sarrazinschen Klischees der sich gebährmaschinenhaft fortpflanzenden Türkin: Idil Baydar. Foto: Markus Wächter

Vor sich hat die Ghettobraut aus dem tiefsten Berlin-Neukölln ihre fünf Handys ausgebreitet, daneben hat sie Eyeliner und Lipgloss postiert. Hunderttausende sehen auf Youtube zu, wenn die 18-jährige Jilet Ayse, gefälschter Adidas-Anzug, hochtoupiertes Haar und kotelettgroße Ohrringe, loskeift.

Sie ist wütend – etwa auf ihre Schwester, „die Integrationsnutte“. Die mischt sich nämlich in ihr Leben ein. Nur weil ihr Freund Ayak Ahmet halt mal zulangt, wenn sie ihn nervt. Dabei gehöre sich das so. „Ein Mann kommt rein, sagt: ‚Wo ist mein Börek? Wo ist mein dies das? Schlampe, halt die Fresse!‘ Das ist ein Mann!“ Und überhaupt, ihr Gangster-Freund Ayak Ahmet, der alle ihre Handys kontrolliert, hat für die beiden einen attraktiven Lebensentwurf ausgeheckt: „Spätkauf aufmachen, mit acht, neun Kindern bisschen Kindergeld.“

Waldorf-Internat besucht

Idil Baydar, 37-jährige Schauspielerin und Sozialpädagogin, hat den Assi-Star Jilet Ayse erfunden. Inzwischen schickt Adidas ihr neue Trainingsanzüge, in der U-Bahn wird sie von Jugendlichen angesprochen. Dabei hat Baydar, aufgewachsen im niedersächsischen Celle, nie das konsequent falsche Kiezdeutsch ihrer Figur gesprochen. Sie besuchte ein Waldorf-Internat, ihre türkische Mutter sprach nur Deutsch mit ihr. In Ankara verständigt sie sich auf Englisch.

Erst als sie mit 16 Jahren nach Berlin zog, wurde sie plötzlich immer wieder mit ihrem Migrationshintergrund konfrontiert. Ein Wort, das wie eine Behinderung klingt, sagt sie. Die berlinernde Baydar musste plötzlich erklären, dass nicht alle Türken ihre Frauen schlagen, selbst wenn diese ein Kopftuch tragen. Dabei ist sie selbst von nirgendwo her migriert, sagt sie – „außer aus dem Bauch meiner Mutter.“ Mitte 2011 reichte es ihr dann. Sarrazin war der letzte Anstoß dafür, dass sie sich dachte: „Ihr wollt eure Kanacke? Ihr kriegt eure Kanacke!“

Ghettobraut erfüllt alle sarrazinschen Klischees

Auch wenn Baydars Ghettobraut alle sarrazinschen Klischees der sich gebährmaschinenhaft fortpflanzenden Spätkauf-Besitzer-Türken erfüllt – ihre Figur ist zugleich realistisch genug, dass sich nicht wenige wiedererkennen. Von den Statistiken der Video-Plattform und den Reaktionen weiß sie, dass ihre Videos vor allem unter „türkischen Mädchen mit deutschem Integrationshintergrund zwischen 14 und 16 Jahren“ ein Hype sind.

Baydar kennt diese Gruppe von ihrer Arbeit als Sozialpädagogin an der Neuköllner Rütli-Schule. Sie sagt: „Jilet Ayse berührt diese Jugendlichen, weil sie eine Lebensrealität verkörpert, die sonst nicht angesprochen wird. Niemand interessiert sich wirklich für ihr Leben. Die haben ihre Kanackenrolle zu spielen und gut ist.“

Keine reale Figur

Am Anfang dachten viele gar, ihre Figur wäre real. Dabei ist es Baydar wichtig, dass Jilet Ayse als fiktive Rolle wahrgenommen wird. „Und damit als ein Angebot, sich von außen zu betrachten, die zugeschriebene Rolle nicht einfach anzunehmen.“ Einmal rief entsetzt ein Freund an, weil seine Töchter grinsend erklärten: „Papa, du bist wie Ayak Ahmet.“

Die Reflektion über die eigene Rolle und Identität ist für Baydar ein zentrales Thema. Als sie mit 28 Jahren ihr Abitur nachmachte, hatte sie ein Schlüsselerlebnis, das sie auf die subtile Rollenzuschreibung als Türkin aufmerksam machte. Damals hatte ihr ihre Englischlehrerin ein Kompliment gemacht, verbunden mit dem Zusatz: „Dabei ist es doch für dich so schwierig, weil du erst alles vom Deutschen ins Türkische übersetzen musst und dann ins Englische.“ Wieso, fragte sich Bayran, hat sie nicht gesagt: „Du bist bilingual aufgewachsen, du könntest noch viel besser sein“?

Dass türkische Jugendliche oft unterschätzt werden, bedeute auch, dass sie viel zu oft selbst mit einem guten Notendurchschnitt keine Empfehlung für das Gymnasium erhalten – sodass ihnen die Chancen tatsächlich genommen werden. Das Dilemma: „Jilet Ayse ist das, was Deutschland verdrängen will – und so doch immer wieder neu produziert.“

Kiezdeutsch

Trotzdem sagt Idil Baydar, dass sie manchmal eifersüchtig auf ihre Figur ist. Schon wegen dem Kiezdeutsch. „Das ist fantastisch kreativ – eine einzige Neuerschaffung von Worten.“ Sie setzt es auch ein, um ihre Schüler überhaupt erst einmal zu interessieren. Und auch Jilet sollte nicht unterschätzt werden: „Nur weil sie eine andere Ausdrucksart hat, heißt das nicht, dass sie nicht durchaus schnallt, was in ihrer Umgebung los ist.“
Baydar will sich nun auf ihre Rolle als Ghetttobraut konzentrieren. Seit Kurzem hat sie einen Manager und auch für erste Liveauftritte ist sie gebucht. Überhaupt, glaubt sie, dass noch mehr möglich ist. Im Kiez könnte auch Merchandising funktionieren, sagt sie. „So etwas wie Jilet-Ayse-Lipgloss.“

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