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Xavier Naidoo Naidoos Weg in die rechte Ecke

In fremden Sphären bewegt sich seit längerem Deutschlands populärster Soulsänger Xavier Naidoo. Er predigt, Deutschland sei besetzt und die USA stecke hinter 9/11. Dem Ruhm schadet’s nicht – also dreht er weiter auf.

Berlin Rechte Mahnwache Montagsdemo Ca 300 350 Menschen nahmen am 3 Oktober 2014 vor dem Kanzleram
Xavier Naidoo bei einer rechten Montagsdemo im Oktober 2014 in Berlin. Foto: imago/Christian Ditsch

Es ist ein Moment der Wahrheit, wenn auch nur ein kleiner. Sebastian Krumbiegel, Sänger der Deutschpopband Die Prinzen, sitzt mit Xavier Naidoo unter dem nächtlichen Sternenhimmel Südafrikas auf einer Couch, um sie herum flackern Windlichter und Kaminfeuer. Es wird eine Folge der Sendung „Sing meinen Song“ gedreht, in dem Musiker die Hits anderer Musiker neu interpretieren.

Krumbiegel versteht sich als Linker, in Leipzig führte er Gegendemos an, um Nazi-Aufmärsche zu blockieren; für sein Engagement gegen Rechts bekam er das Bundesverdienstkreuz.

Naidoo, vor 43 Jahren als Sohn südafrikanischer Eltern in Mannheim geboren, ist einer der größten deutschen Popstars unserer Tage. Er verkaufte mehr als fünf Millionen Platten, sang sich der Nation mit seinem sanftem Soul regelrecht ins Herz: „Dieser Weg wird kein leichter sein“, „Ich kenne nichts, was so schön ist wie du“, „Sie ist nicht von dieser Welt“. Doch im letzten Herbst bekam das Verhältnis der Deutschen zu Naidoo einen Knacks. Da stand er plötzlich als Redner auf einer rechtspopulistischen Kundgebung vor dem Reichstag in Berlin, stellte infrage, ob Deutschland überhaupt eine gültige Verfassung habe und bedankte sich per Du bei den Organisatoren, die zu den stramm rechten „Reichsbürgern“ gehören. Die Szene wird vom Verfassungsschutz beobachtet und hängt der Fantasie nach, das Deutsche Reich bestehe fort und sei noch immer von fremden Mächten besetzt. Passend dazu trug Naidoo ein T-Shirt mit der Parole: „Freiheit für Deutschland!“

Dass Naidoo nun trotz der Aufregung, den der Auftritt auslöste, launig durch die derzeit erfolgreichste Musiksendung im deutschen Fernsehen führt, ist schon Teil der Antwort. Die Frage lautet: Was passiert eigentlich, wenn sich einer der populärsten Sänger Deutschlands ins Fahrwasser rechter bis antisemitischer Verschwörungstheorien begibt?

Im Fahrwasser rechter Verschwörungstheorien

An jenem Abend in Südafrika kommt jedenfalls für den Prinzen Krumbiegel der Moment, in dem Xavier Naidoo verkündet, welches Lied er jetzt von ihm nachsingt: „Deutschland.“ Ausgerechnet.

Krumbiegel könnte nun sagen, dass Naidoos fragwürdige Auftritte und Sprüche ihn irritieren. Er könnte betonen, dass die Prinzen mit ihrem ironischen „Deutschland“-Lied gerade gegen jene NPD-Fans ansingen wollte, vor denen Naidoo in Berlin redete.

Stattdessen sagt Krumbiegel hastig: „Man kann die ganze Diskussion nicht in zwei Minuten abfrühstücken.“ Er gibt Naidoo sogar Recht, der behauptet, man sei politisch gar nicht weit voneinander entfernt. „Ich weiß, dass du politisch sehr korrekt bist“, sagt Krumbiegel schließlich und denkt dabei vermutlich an Naidoos Songs gegen Rassismus. „Deshalb ist für mich die ganze Diskussion schwachsinnig.“ Sein Bandkollege neben ihm nimmt sich schnell einen Drink und schließt beim Trinken pikiert die Augen. Die anderen Musiker auf der Couch atmen aus. Kein Eklat, der die Unterhaltungsshow stört.

Ihre TV-Premiere erlebt die Szene an diesem Dienstagabend  auf Vox, gedreht wurde sie Anfang des Jahres. Das Entsetzen über Naidoos Berlin-Auftritt war noch frisch, die Zeitungsberichte und Internet-Debatten nicht lange her. Seine Heimatstadt Mannheim hatte diverse gemeinsame Projekte mit Naidoo auf Eis gelegt; die Popakademie, die er mitgegründet hatte, setzte Workshops mit ihm aus. Die Pop-Uni teilt mit, dass sich daran bislang nichts geändert habe. Doch das Rathaus in Mannheim ist schon wieder in Gesprächen mit Naidoos Firma, man „konkretisiert“ die Idee eines neuen „Medienparks“.

Bei Vox hat man weniger Bedenken. Natürlich habe man mit Naidoo „über die damals gegen ihn erhobenen Vorwürfe gesprochen“, erklärt ein Sprecher. Immerhin arbeite man ja sehr eng zusammen. Naidoo habe aber „alles sehr deutlich eingeordnet“, sodass es keinen Grund gebe, die Zusammenarbeit infrage zu stellen.

Sicher, Naidoo liefert Vox eine der Shows mit den höchsten Einschaltquoten des Senders, das riskiert man nicht so leicht. Aber wurde denn auf ihn eingewirkt? Wurde vereinbart, dass politische Äußerungen außen vor bleiben sollen? „Nein“, sagt der Sprecher, „solche Vereinbarungen sind nicht notwendig.“ Sogar in einer großen Naidoo-Doku, die Vox am 20. Juni ausstrahlt, würden Naidoss kontroverse Ansichten thematisiert. Man darf gespannt sein, wie. In der heutigen „Sing meinen Song“-Folge bleibt es jedenfalls bei den verklemmten Andeutungen und Witzchen zwischen Naidoo und den Prinzen, und Naidoos süffisanter Anspielung auf seine „anderen Ausflüge“. Er frage sich, ob nun wieder ein Skandal anstehe, wenn er singt: „Schönen Gruß an die Welt, seht es endlich ein, wir können stolz auf Deutschland sein.“ Die Prinzen meinten das sarkastisch. Und Naidoo?

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Der 3. Oktober 2014 war ein sonniger Tag in Berlin, mit zarten Wölkchen am blauen Himmel. Sowohl vor dem Reichstag, als auch vor dem Kanzleramt sind kleine Bühnen mit Mikrofon-Anlagen aufgebaut, am Nationalfeiertag demonstrieren in Sichtweite zueinander hier die „Reichsbürger“ und dort die „Montagsmahnwachen“, insgesamt ein paar hundert Menschen. Es wehen preußische und russische Fahnen, in Sprechchören wird gegen die deutsche Regierung und gegen Israel gepöbelt.

Und plötzlich steht Xavier Naidoo oben, mit Schirmmütze und Sonnenbrille. „Das ist eine Premiere für mich“, sagt er schüchtern ins Mikro. Nach der musikalischen Bühne stehe er nun erstmals auf der politischen. Sarkastisch lobt er die Meinungsfreiheit in Deutschland, jemand brüllt: „Guter Witz!“„Ich möchte, dass wir irgendwie wieder Ordnung schaffen in diesem Land“, hebt Naidoo an. „Der 11. September 2001 war der Warnschuss. Wer das als Wahrheit hingenommen hat, was da erzählt wurde, hat einen Schleier vor den Augen.“ Er habe in Mannheim, wo viele US-Soldaten stationiert waren, die „amerikanische Besatzung immer vor Augen gehabt“, Deutschlands Unterstützung für Amerikas Kriege müsse enden. „Einer allein hat schon die Macht, das Ganze zum Sturz zu bringen.“

Xavier Naidoo rechtfertigte sich später mit widersprüchlichen Ausflüchten. Er wolle auf alle Menschen zugehen, sagt er bis heute, auch auf die NPD. Doch der Knacks war da. Plötzlich sprach man wieder über sein Kurz-Interview im ARD-Morgenmagazin von 2011, als ihm auf die Frage, wie frei er sich fühle, einfiel: „Wir sind immer noch ein besetztes Land.“ Unter den „Reichsbürgern“ wurde er schon damit zum Helden. In manchen Songs hatte er noch früher über die Allmacht jüdischer Bankiers gesungen, etwa 2009 in „Raus aus dem Reichstag“, oder wie 2012 von – jüdischen? – Ritualmorden an Kindern fabuliert und Schwule bedroht. Auch in den Texten seiner Band Söhne Mannheims fanden sich nun fragwürdige Aufrufe zum Umsturz. Bislang tat Naidoo Kritik stets als Missverständnis ab. Nun ergab sich ein latent antisemitisches, jedenfalls reichlich verrücktes Weltbild.

Man könnte das nun als künstlerischen Spleen eines Narzissten abhaken. Oder als Extremposition, wie sie die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff vertritt. Doch wer einmal gesehen hat, wie Naidoo sich bei seinen Konzerten in die Messias-Pose begibt und wie er dafür bejubelt wird, dem fällt auch der Begriff „Einstiegsdroge“ ein. Schon heute berichten Lehrer von ganzen Abiturklassen, die jeder Zeitung misstrauen und von offen antisemitischen Sprüchen auf Schulhöfen in ganz Deutschland.

Ist Naidoo Vorbild oder Vertreter dieses Trends? Und wie ist er da nur hineingerutscht? Sein Management verweist heute auf ältere Stellungnahmen Naidoos. Er habe zum Thema alles gesagt.

Und tatsächlich hat der Popstar sich, von den wirren Ausflüchten abgesehen, einmal ganz offiziell erklärt: Im März gibt Naidoo dem Stern ein langes Interview, den Text segnen danach seine Anwälte und Pressesprecher ab. Zum Gespräch in einem Hamburger Hotel kommt Naidoo in grauer Jogginghose, mit der Bulldogge Sinclair an der Leine und, kein Witz, dem deutschen Grundgesetz als kleines Büchlein in der linken Hosentasche. Das habe es immer dabei, sagt er, offenbar im Ernst.

Dann erzählt er über seine Kindheit als Arbeiterkind in Mannheim. Wie ihn die anderen Kinder bespuckten, weil er schwarz war, und Erwachsene ihn „Bimbo“ nannten. Wie er Messdiener wurde und im katholischen Knabenchor sang. Von einem sexuellen Missbrauch durch einen 50-jährigen Gärtner in Südafrika, als er neun Jahre alt war. Davon, wie er mit seinem ersten Popstar-Geld einen Fuhrpark aus 100 Gebrauchtwagen zusammenkaufte, dann aber an der Gründung einer Autovermietung für „Leute ohne Kreditkarte“ scheiterte. Und er beschreibt seine ersten beiden Erweckungsmomente: Als Kochlehrling besuchte er ein Elton-John-Konzert – und wollte Sänger werden. Und nach dem frühen Tod seines Vaters las er in der Silvesternacht 1992 in der Bibel – und spürte: „Jesus könnte für mich ein Vorbild werden.“

Tatsächlich wurden das die Eckpfeiler seiner Karriere, wobei anfangs kaum ein Fan bemerkte, dass seine vermeintlichen Liebeslieder voller religiöser Erweckungsbotschaften steckten. Und irgendwie kam er bis zu seinen Berliner Demo-Auftritten auch mit den obskuren Polit-Botschaften durch.
Dass diese genau so gemeint sind, stellt Naidoo in dem Interview ausdrücklich klar: „Deutschland ist kein souveränes Land, wir sind nicht frei“, wiederholt er und biegt sich die Studien eines Historikers zum Beleg zurecht. Die Thesen der NPD und von Pegida lehne er zwar ab. Aber was die Anschläge aufs World Trade Center angeht, wiederholt er die Verschwörungstheorie einer „kontrollierten Sprengung“. Vom Auftritt bei den Reichsbürgern, erzählt er schließlich, rieten ihm viele seiner Berater ab. „Aber darauf höre ich nicht“, sagt er. „Ich lasse mich nicht steuern, ich möchte frei bleiben.“

Darin liegt die Tragik der Geschichte: Xavier Naidoos Absturz scheint programmiert, weil er eben die Erfahrung gemacht hat, auf niemanden hören zu müssen, um erfolgreich zu sein. Seinem Ruhm hat es nie geschadet. Und jedes Mal, wenn er damit durchkommt, dreht er etwas weiter auf. Auch bei seinen Konzerten trägt er inzwischen das „Freiheit für Deutschland“-Shirt. Nach Kritik rudert er immer weniger zurück.

Dabei neigen schon normalsterbliche Verschwörungsanhänger dazu, sich immer tiefer in ihre geschlossenen Weltbilder und Paralleluniversen zu verwickeln. Jedes Signal von außen wird in die verschobene Weltsicht eingepasst – und was nicht passt, muss eben eine Lüge von denen da oben sein.
Wer seine Sinne noch beisammen hat, ist dann meist machtlos. Lohnt der Streit, die Debatte? Oder ist es nicht für alle Seiten angenehmer, so zu tun, als könne der andere so irre Ansichten gar nicht vertreten? Prinzen-Sänger Krumbiegel hat es dabei belassen, und gewissermaßen ist es typisch für die Musikfans, die Zeitungsredakteure, die Fernsehmacher.

Xavier Naidoo ist wie der eigentlich liebenswerte Onkel, der leider bei jedem Treffen früher oder später anfängt, wirres Zeug zu reden, das er sich mit Halbwissen aus dem Fernsehen und von halbgaren Internetseiten zusammenreimt und dem wir nicht einmal dann laut widersprechen, wenn er wieder mal über die Allmacht der Juden schwadroniert. Kann er ja nicht so meinen, so nett wie er ist. Irgendwann taucht er dann angetrunken auf einer Polizeiwache auf, um den Bundespräsidenten wegen Hochverrats anzuzeigen, weil er wieder irgendwas im Internet gelesen hatte.

Traurig, aber wahr: Davon abgesehen, dass er nicht unser Onkel, sondern unser Lieblingssoulsänger ist, trifft all das tatsächlich auf Xavier Naidoo zu. Sogar die Geschichte mit der Polizeiwache. Sie spielte schon 2010 in Mannheim, Naidoo erzählte sie neulich selbst im Interview: Im Internet hatte er über ein paar Leute gelesen, die das damalige Staatsoberhaupt, Horst Köhler, anzeigten, weil er geholfen habe, in Deutschland „ohne verfassungsrechtliche Legitimation“ den Euro einzuführen. Naidoo marschierte zur nächsten Polizeiwache, um sich anzuschließen. Vor ihm habe eine Studentin ihr gestohlenes Fahrrad gemeldet, und als er danach mit Alkoholfahne („Ich habe mir vorher etwas Mut angetrunken.“) den Polizisten von Horst Köhlers Hochverrat berichten wollte, verstanden die immer „Hochfahrrad“. „Die dachten“, erzählt Naidoo, „ich sei völlig hirnverbrannt.“

Es klingt trotzdem, als sei er heute noch stolz auf die Aktion. Man wünscht ihm einen lichten Moment, in dem er einsieht, dass es schon damals eher die Polizisten waren, die richtig lagen.

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