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Wolfgang Niedecken „Es war großartig, diesen Urknall mitzuerleben“

BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken über 1968, Fremdenhass, den Echo und die aktuelle BAP-Tournee.

Retrospektive des ehemaligen dpa-Fotografen Manfred Rehm
Nass wurden die Streikposten des SDS und VDS am 15.05.1968 an den Eingängen der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Foto: dpa

Mit Blick auf den Echo, der ja doch für Wirbel gesorgt hat, würden wir gerne noch das Thema künstlerische Freiheit ansprechen – wie weit darf ein Künstler Ihrer Ansicht nach gehen?
Spätestens wenn es antisemitisch wird, muss man einschreiten. Antisemitische Texte sind tabu. Wir hier in diesem Land, das für den Holocaust verantwortlich ist, haben allen Grund, dafür zu sorgen, dass so was unterbleibt. Punkt. Aber weil Sie das ansprechen: haben Sie mitbekommen, wie das gelaufen ist? Ich bin vier Tage vor der Echo-Verleihung angerufen worden, dass ich für Paul McCartney einspringen soll, der die Laudatio für Klaus Voormann halten sollte. Ich hatte zuvor von Farid Bang und Kollegah überhaupt nichts mitbekommen. Diejenigen, die denen ein Podium geboten haben, haben sich vertan. Für die beiden Jungs hat das funktioniert – denn die hatten die Promo des Jahrhunderts: „Any promotion is good promotion“ Ich bin dort angekommen und war leider nicht bei der Generalprobe, sonst hätte mir Campino schon gesagt, was Sache ist. Ich habe davon zum ersten Mal auf dem roten Teppich erfahren, als ich von Journalisten gefragt wurde, was ich davon halte. Nach und nach erfuhr ich, dass da irgendwas mit Rappern läuft, die provozierende Texte ablassen. Dann war schon die Veranstaltung, Campino las seine Rede, die ich toll fand. Da ich aber keine einzige Textzeile von den Rappern kannte, war ich vollkommen konsterniert, als ich unmittelbar nach ihrem Auftritt auf die Bühne kam. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Laudatio zu halten. Denn ich kann ja nicht zu etwas Stellung nehmen, wenn ich die Fakten nicht kenne. Ich bin da regelrecht ins Messer gelaufen. Das war furchtbar, natürlich besonders für Klaus Voormann. Keiner hat mehr über seinen Echo für sein Lebenswerk geredet.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie Ihren Echo anschauen?
An meinen Echo habe ich sehr angenehme Erinnerungen. Damals hat Campino eine unfassbar sensible Laudatio gehalten und Wim Wenders hat mir mit sehr nahegehenden Sätzen den Echo überreicht. Alle waren in Tränen aufgelöst. Ich hatte ein halbes Jahr vorher einen Schlaganfall überstanden. Das alles ging mir sehr nahe. Wenn ich das heute auf Youtube anschaue, habe ich immer noch einen Klos im Hals.

Der Preis ist für Sie also mit einem so wichtigen Moment verbunden, dass es nicht infrage kommt, ihn zurückzugeben?
Nein, das könnte ich nicht. Für mich und meine Familie war das ein Moment mit ausschließlich wunderbaren Erinnerungen. Echo hin, Echo her. Dieser kam von Herzen. Ich habe kurz überlegt, ob ich meinen Echo auch zurückgeben soll, aber das war es mir nicht wert.

Jetzt ist der Echo abmoderiert …
Das ist auch gut so. Ich hoffe nur, dass bei der nächsten Form dieser Veranstaltung nicht der alte Wein in neuen Schläuchen serviert wird. Der Echo krankt darunter – mal ganz abgesehen von diesem antisemitischen und frauen- und menschenverachtenden Zeug – dass er außer dem Preis fürs Lebenswerk nur anerkennt, was sich am besten verkauft. Das kann nicht alles sein. Da gehört eine kompetente Jury hin, die Preise auch nach Qualität vergibt. Man stelle sich vor, beim Oscar oder den Grammys würden nur Blockbuster ausgezeichnet.

Wie haben denn Ihre Kollegen an dem Abend reagiert?
Ich habe zum Beispiel noch nie erlebt, dass es nach einer Echo-Lebenswerk-Verleihung keine stehenden Ovationen gibt. Aber alle waren wie schockgefroren. Das sah auch von der Bühne aus unfassbar aus. Campino wusste selbst nach der Show nicht, ob das okay war, was er gemacht hatte. Ich habe ihn bestärkt und ihm gesagt, dass das großartig war. Ich musste ihn fast trösten, das müssen Sie sich mal vorstellen. Er hatte doch alles richtiggemacht.

Ist das Problem der Echo oder sind es nicht eher Entwicklungen in der Musikszene? Kommerzielle Erfolge feierten ja nicht erst Farid Bang und Kollegah, die Echo-Vergabe an die rechtslastige Band Frei.wild 2016 war ja auch schon umstritten.
Man kann die Musikszene nicht losgelöst vom gesamtgesellschaftlichen Kontext sehen. Wenn man nur Preise an diejenigen verleiht, die am meisten verkaufen, ist demnach auch die Gesellschaft in Unordnung geraten. Ich habe mich mit Frei.wild übrigens nicht auseinandergesetzt. Auch diesen Namen hörte ich beim Echo damals zum ersten Mal. Ich muss mich mit so etwas auch nicht auseinandersetzen. Es gibt genug, was mich interessiert und ich komme ohnehin nicht dazu, alles zu hören. Aber die Gesellschaft verändert sich. Wieso? – Die Antwort würde sehr abendfüllend.

Zum Abschluss schauen wir noch kurz auf Ihre Tournee, zu der Sie erstmals auch ein Bläsersatz begleitet …
Das Solo-Album „Reinrassije Strooßekööter“, an dem wir uns musikalisch orientieren, habe ich im Mai 2017 in New Orleans aufgenommen. Da sind einige Stücke mit Bläsern drauf, die wollen wir auf der Bühne nicht mit Synthesizern faken. Es sind genug Fake-News im Umlauf. Und einige ältere Songs sind diesmal etwas anders arrangiert als wir das normalerweise mit BAP machen.

Sie sind ja nun schon mehr als vier Jahrzehnte auf der Bühne, andere spielen zu dem Zeitpunkt schon ihre zehnte Abschiedstournee. Wie lange wollen Sie noch da oben stehen?
Keine Ahnung, ich habe jedenfalls keine Lust eine Tournee mit „Abschiedstournee“ zu bewerben, denn sowas ist ja ein beliebtes Marketing-Instrument. Ich kann aber auch nicht sagen, wie lange ich das noch machen kann. Das hängt davon ab, wie es mir gesundheitlich geht. Lust habe ich genug, das bis in alle Ewigkeit zu machen. Es ist ein Riesenspaß. Aber man weiß es nie. Meinen Schlaganfall hatte ich auch nicht erahnt. Ich freue mich, dass ich auf diese Art und Weise mein Leben zubringen darf und meine Familie damit ernähren kann. Das ist eine unglaubliche Gnade.

Interview: Andreas Sieler und Boris Halva

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