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Wolfgang Niedecken „Es war großartig, diesen Urknall mitzuerleben“

BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken über 1968, Fremdenhass, den Echo und die aktuelle BAP-Tournee.

Retrospektive des ehemaligen dpa-Fotografen Manfred Rehm
Nass wurden die Streikposten des SDS und VDS am 15.05.1968 an den Eingängen der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Foto: dpa

Es hört sich so an, als habe Sie vor allem der Soundtrack zur Revolte fasziniert. Wollten Sie nicht auch auf den Straßen mitmischen?
Natürlich habe ich Partei bezogen. Als beim Schah-Besuch die Demonstranten von der Polizei niedergeknüppelt wurden, wenn die Wasserwerfer aufgefahren sind, dann war schon klar, mit wem wir gehalten haben. Aber selbst loszuziehen und mich den Wasserwerfern entgegen zu stellen, das war für mich undenkbar. Mein Vater hatte allerdings immer Angst, dass ich jetzt auch noch zum Straßenkämpfer würde.

Haben die Zeit der Revolte und die Diskussionen in deren Verlauf nicht dazu beigetragen, dass Sie Ihrem Vater später wieder näher kommen konnten?
Nicht wirklich. Das Verhältnis zu meinem Vater war ziemlich speziell. Wir haben es danach auch leider nicht mehr geschafft, uns über dieses Thema auszusprechen. Mein Vater ist 1904 geboren, hat zwei Weltkriege überlebt. Er ist Gott sei Dank nicht eingezogen worden. Beim ersten Krieg war er zu jung, beim zweiten zu alt. Alles, was mich interessierte, nachdem ich mich politisch und auch kulturell sozialisiert hatte, das interessierte meinen Vater nicht – und umgekehrt. Allerdings: je älter ich werde, desto mehr habe ich begreifen können, warum mein Vater so war, wie er war. Er liegt vor mir wie ein offenes Buch und ich kann ihn lesen – aber wir konnten leider nicht mehr drüber sprechen. Das tut mir sehr leid. Davon handelt auch unser wohl bekanntestes Lied, „Verdamp lang her“.

Was ist Ihnen von 1968 geblieben? Neben dem Gefühl und dem Wissen, man kann  was bewegen, auch wenn man sich den Wasserwerfern nicht entgegenstellt?
1968 war, anders als die Proteste auf den Straßen, ja nicht bloß ein kurzes Aufflackern und dass man sich plötzlich für Politik interessierte und plötzlich dann wieder nicht. Der Effekt war ja ein bleibender, diese Zeit hat etwas bewirkt – im Kopf, im Verhalten. Und da gab es auch keinen Weg mehr zurück. Jedenfalls nicht für mich. Ich bin immer politisch interessiert geblieben. Und als ich 1970 angefangen habe, Kunst zu studieren, da waren auch meine ersten Bilder, die ich gemalt habe, von politischen Inhalten geprägt. Als ich dann wieder angefangen habe, nebenbei Musik zu machen, das war die Zeit, als die ersten Häuser besetzt wurden. Und da war ich auch wieder auf der aufmüpfigen Seite. Als in Köln das Stollwerck besetzt wurde, da waren wir natürlich auch dabei und haben gespielt. Man kann nun wirklich nicht sagen, wir wären keine politische Band. Ich hab immer über das geschrieben, was mir durch den Kopf ging – und wenn das was Politisches war, dann war das eben so. Und je älter ich werde und zurückblicke kann ich nicht sagen, dass ich jemals an einem Punkt gewesen wäre, an dem ich gesagt hätte: „Macht doch, was ihr wollt, das interessiert mich nicht.“ Wenn ich nicht täglich eine anständige Zeitung lese oder eine gut aufbereitete Nachrichtensendung sehe, dann werde ich unruhig.

Ist BAP ein Produkt der 68er? Weil die Band die Musik seit jeher mit einer, wenn nötig, klaren Botschaft verbindet?
Letztendlich schon. Ich laufe ja mit offenen Augen durch die Gegend. Und ich kann mich noch gut an die Zeit vor 1968 erinnern, als alles entsetzlich miefig war. Der Satz ist ja tausendmal zitiert: unter den Talaren der Muff von tausend Jahren. Und das war ja nicht nur unter den Talaren so. Das war ja auch in der nächsten Eckkneipe so. Wenn man vor 1968 mit langen Haaren in eine bleiverglaste Eckkneipe ging, in der es nach Frikadellen und Zigarettenrauch roch, da wurde man komisch angesehen. Sich die Haare lang wachsen zu lassen war ja auch ein Ausdruck von: ich will nicht so sein wie ihr, ich will mich absetzen. Diese neu entstehenden Rollenmodelle haben einem ja auch Kraft gegeben. die alten Rollenmodelle zu durchbrechen. Für mich war so eine Figur wie Keith Richards oder Bob Dylan wichtiger als ein Che Guevara, der war mir zu weit weg und zu gewalttätig. Die Stones haben mir zum Beispiel gezeigt, wie man sich vermeintlichen Autoritäten gegenüber verhalten kann. Die Haltung eines Dylan oder eines Keith Richard gegenüber den Etablierten in Politik und Gesellschaft, davon konnte ich mir eine Scheibe abschneiden und sehen: Ach ja, so geht das.

Was hat Sie da so beeindruckt?
Die haben mit ihrer gesamten Körpersprache zum Ausdruck gebracht, dass sie sich nicht vereinnahmen lassen: „Ihr geht mir am Arsch vorbei!“ Das hat mir sehr imponiert.

Aber es kostete den jungen Kölner damals sicher mehr Kraft, in der Eckkneipe seinen revolutionären Mann zu stehen als einen Keith Richards, der damals finanziell schon ausgesorgt hatte ...
Ja klar. Wir waren natürlich auch naiv. Wir haben nur gesehen, dass es irgendwie auch anders funktionieren kann, aber wir haben uns über die Konsequenzen keine Gedanken gemacht. Wir haben uns ja nicht überlegt, dass es clever sein könnte, wenn man sich anpasst, für den Fall dass man später mal Medizin studieren möchte. Wir sind ja praktisch vom Cowboy- und Indianer-Spielen direkt zu den Stones und den Beatles gekommen. Als ich die ersten Beatles-Songs gehört habe, hatte ich noch meinen Winnetou-Starschnitt im Zimmer hängen.

25 Jahre später, als die ersten Asylbewerberheime brannten, haben Sie und andere Musiker mit Konzerten dagegengehalten. In Köln etwa das „Arsch huh, Zäng ussenander“ – da ging es drum, dass die Gesellschaft klar Stellung bezieht gegen Fremdenhass. War das auch so eine Art ’68, nur mit einem anderen Ziel?
Das kann man, glaube ich, nicht vergleichen. Das war die Zeit, als die Asylantenheime brannten, auf dem Balkan war Krieg, und plötzlich brannten Häuser in Rostock-Lichtenhagen und man fing an, sich an den Lynchmob zu gewöhnen. Dann haben wir uns in Köln zusammengesetzt und gesagt, wir müssen zeigen, dass wir hier sowas nicht durchgehen lassen, nicht in Köln, aber auch nicht anderswo. Mobil machen gegen Fremdenhass. Und dann haben wir dieses große Konzert organisiert auf dem Chlodwigplatz. Wir haben damit gerechnet, dass wenn’s hochkommt 20 000 Leute kommen, am Ende waren es mehr als 100 000. Und dieser Erfolg hat gezeigt, die Leute haben nach einer Gelegenheit gesucht, um zu zeigen: Nicht mit uns, nicht in Köln, das war eine Riesendemonstration des guten Willens. Da flogen keine Steine, da kamen alle zusammen und haben friedlich demonstriert. Und heute sagen die Leute, so was müsste mal wieder gemacht werden. Gibt ja heute auch wieder genug Anlässe, leider. Aber man sagt ja auch: man springt nicht zweimal in denselben Fluss, sondern höchstens in den gleichen. Und wenn man das heute mit denselben Acts wiederholen würde, würde sich das ja einfach nur inflationieren. Ich frage mich natürlich, wieso die jüngeren Kollegen nicht auf die Idee kommen, etwas Vergleichbares anzuzetteln.

Die Stimmung damals hat einem ja den Eindruck vermittelt: da sind so viele Leute auf der Straße, das trägt eine Weile. Schaut man nun auf das Wahlergebnis vom Herbst stellt sich die Frage: war man damals zu schnell zufrieden und dachte, Fremdenhass und rechtes Denken verschwinden einfach wieder?
Die Leute, die zur „Arsch huh“-Zeit Jugendliche waren, sind im Laufe der Globalisierung und der Digitalisierung vielleicht hinten runtergefallen – oder haben zumindest das Gefühl, dass es so ist. Diese Wahlergebnisse sind wieder ein anderer Fluss, um im Bild zu bleiben. Man muss immer wieder neu überlegen: wie kriegt man jemanden dazu, sich angemessen politisch zu informieren und nicht den Populisten nachzurennen.

Und wie ist das, wenn Sie heute auf Tour gehen – haben Sie da noch das Bedürfnis, den Leuten zu sagen: Macht was?
Ja, natürlich. Ich kneif‘ da nicht vor. Da sind schon einige politische Songs dabei. Ich werde jetzt keine politischen Reden halten, aber ich werde die Songs aneinander moderieren und das, was ich sage, ist der Klebstoff für den Abend. Die Songs müssen ja auch für sich funktionieren, denn die Leute lassen sich nicht durch Zurufe oder Predigten oder Vorträge beeinflussen. Manche unserer Stücke sind ja vom Inhalt her bekannt. „Kristallnaach“, „Drei Wünsch frei“ oder „Absurdistan“, da wissen die Leute, worum es geht. Wenn wir „Vision vun Europa“ spielen, ein Lied über zwei Brüder, die versuchen, von Afrika nach Europa zu kommen – da werde ich auch nochmal darauf hinweisen, dass das, wovon das Lied handelt, da draußen tagtäglich passiert.

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