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Wolfgang Niedecken „Es war großartig, diesen Urknall mitzuerleben“

BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken über 1968, Fremdenhass, den Echo und die aktuelle BAP-Tournee.

Retrospektive des ehemaligen dpa-Fotografen Manfred Rehm
Nass wurden die Streikposten des SDS und VDS am 15.05.1968 an den Eingängen der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Foto: dpa

Herr Niedecken, 1968 waren Sie 17 Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an die Revolte jener Tage?
Die Jungs, die eine Klasse über mir waren, die haben davon mehr mitgekriegt. Zum Beispiel der Gitarrist und der Sänger meiner Band, die waren 68 voll dabei. Vor allem ging es um Vietnam. Vietnam hat mich letztlich auch politisiert, dieser ungerechte Krieg, der dort geführt wurde. Als diese Ungerechtigkeit erkennbar wurde, hat mich das zum Nachdenken gebracht. Das hat auch dazu geführt, dass ich nicht mehr nur meinen Vater gefragt habe, was denn da los ist. Ich habe mir meine eigene Meinung dazu gebildet, ich fing an, Zeitung zu lesen und habe aufmerksamer als vorher verfolgt, was dort vor sich geht. Was für meinen Vater nicht einfach war.

Weil Ihre Ansichten und die Ihres Vaters nicht mehr zusammenpassten?
Überhaupt nicht mehr. Für meinen Vater muss das sehr schwer gewesen sein, weil ich ja auch ihn damit infrage gestellt habe. Mein Vater stammt aus einer erzkatholischen Winzerfamilie vom Rhein, ein strammer CDU-Wähler, vorher NSDAP-Mitglied. Das war mir vorher nicht wichtig gewesen, aber plötzlich erschien das alles in einem neuen Licht. Er war einer der sogenannten Märzgefallenen, die erst nach der Machtübernahme der Nazis 1933 noch schnell eingetreten sind, weil sie sonst womöglich Schwierigkeiten bekommen hätten. Er war vor allem angepasst. Und wenn man dann, so wie wir damals, in einem Alter ist, in dem man sich abgrenzen will, revoltieren will, da war Angepasstheit nun wirklich das Letzte, was man einem durchgehen ließ. Dann wurde es für meinen Vater richtig anstrengend.

Inwiefern?
Ich hatte mich natürlich gut über den Vietnamkrieg informiert, habe mir meine Argumente gut überlegt – und irgendwann hat er in diesen Diskussionen immer den Kürzeren gezogen. Das war für die Stimmung zuhause natürlich alles andere als optimal.

Und mit Blick auf die Straßen hierzulande – welche Diskussionen brachen da los im Hause Niedecken?
Da gab es ja viele Anlässe zur Diskussion. In Paris war die Revolte gerade ausgebrochen, der Prager Frühling war noch nicht lange her. Das war alles Thema bei uns. Andererseits war mein ’68 irgendwie auch nicht so direkt politisch, denn dadurch, dass ich einer der Jüngsten in der Band war, kam alles gefiltert durch meine älteren Bandkollegen bei mir an. Für mich war dann eher interessant, was die Beatles und die Stones aus diesem Thema gemacht haben.

Streetfighting Man?
Natürlich, und dann die Beatles mit ihrem doch eher ambivalenten Song „Revolution“, in dem sie ja nicht so ganz klar Stellung beziehen. „Don’t you know that you can count me out“ hat Lennon da gesungen. Und damit klargestellt: wenn es gewalttätig wird, dann mache ich nicht mehr mit. Das war so der Grundtenor bei den Beatles. Und bei den Stones war das fast schon ein bisschen resignativ. Was kann so ein kleiner Junge wie ich schon machen – außer in einer Rock’n’Roll-Band spielen? Und der kleine Junge war eigentlich ich. Es stürmte plötzlich viel auf einen ein, wovon man vorher keine Ahnung hatte.

Was meinen Sie damit?
Als die Weltpolitik zum ersten Mal in mein Leben eingedrungen ist, war ich elf Jahre alt: das war die Kuba-Krise. Ich war zu dieser Zeit im Internat und als die großen Jungs, von denen wir sonst nicht so viel mitbekommen hatten, plötzlich über ihre Angst vorm Dritten Weltkrieg sprachen, da bekam ich natürlich auch Angst. Das war eine Erfahrung, die mir in den ersten Jahren meines Lebens erspart geblieben war. Ich hab‘ mich immer sehr gut aufgehoben und behütet gefühlt. Und dann, ein paar Jahre später, geht es los, dass man alles infrage stellt. Bei mir knallte das alles auch noch in die Pubertät rein, eine Zeit, in der man sowieso revoltieren und sich lösen will. Letztendlich habe ich natürlich Glück gehabt, diese Zeit mitzuerleben. Die Sechziger Jahre, die aufkeimende Popkultur, sagen zu können: das gehört alles unserer Generation . Das gehört nicht den Spießern, das gehört uns! Es war großartig, diesen Urknall mitzuerleben. Als plötzlich Bands ihre eigene Musik machten und nicht wie irgendwelche Schlagerfuzzis über den roten Teppich zum Playback-Auftritt schwebten. Auf einmal war das unsere Kultur.

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