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Wohnungslosigkeit „Eine eigene Wohnung ist doch die normalste Sache der Welt“

Wie lässt sich Wohnungslosigkeit effektiv bekämpfen? Indem Betroffene zuallererst eine Wohnung bekommen. In Lissabon wird dieser innovative Ansatz erprobt.

Ehemaliger Wohnungsloser
Carlos lebte mehr als 25 Jahre auf den Straßen Lissabons.

In seine Heimat auf die Azoren wollte Jaime nie zurück, zu seiner Familie hat er keinen Kontakt – aus Scham. Deshalb möchte er weder seinen richtigen Namen noch sein Foto in der Zeitung sehen. Dank des Projekts von Crescer hat Jaime zumindest wieder eine kleine Wohnung. „Endlich habe ich meinen eigenen Raum mit eigenen Schlüsseln.“ Jaime möchte zur Ruhe kommen. Hier hat er die Möglichkeit dazu.

Unterstützt werden Carlos, Jaime und die anderen von Sozialarbeitern und Psychologinnen wie Rita Farias. Sie weiß: „Ohne einen Rückzugsort kann man keinen Halt finden im Leben oder sich organisieren.“ Die 27-Jährige besucht ihre Klienten einmal pro Woche, manche auch öfter. Diese Betretung ist integraler Bestandteil von Housing First – zumindest solange sich die Projekte auf Obdachlose mit besonderen Problemen konzentrieren.

Farias redet mit ihren Klienten über deren Perspektiven und vermittelt Kontakte zu Einrichtungen, die günstiges Essen oder medizinische Versorgung bieten. Die meisten ehemals Obdachlosen bekommen monatlich nur etwa 180 Euro vom Staat, ein Drittel müssen sie für die Wohnung bezahlen. Das gehört wie die Besuche von Farias zum Pflichtprogramm. Sonst gibt es keine Anforderungen. Wer eine Wohnung braucht, soll eine bekommen.

Doch die finanziellen Mittel sind natürlich begrenzt. „Dennoch ist Housing First im Endeffekt sogar billiger für den Staat als Notunterkünfte, zumal die Leute von dort aus meist wieder auf der Straße landen“, sagt Farias. Die Stadt Lissabon will dieses Jahr voraussichtlich noch etwa 20 weitere Wohnungen finanzieren. Die Pschologin fordert viel mehr. Sie weiß aber auch: „Es ist schon jetzt schwierig, an Wohnungen zu kommen.“ Der zunehmende Tourismus und Immobilieninvestoren lassen die Preise steigen. Die Gentrifizierung ist auch in Portugals Hauptstadt längst in vollem Gange.

Frage des politischen Willens

Ist die in vielen deutschen und europäischen Städten herrschende Wohnungsnot womöglich der Grund, warum Housing First so wenig Verbreitung findet? Nein, sagt Volker Busch-Geertsema. Zwar hätten solche Projekte mit der Akquise von Wohnraum zu kämpfen, gerade dort, wo dieser teuer sei – doch Housing First sei vor allem eine Frage des politischen Willens: „Schließlich wurde der Ansatz zuerst in New York umgesetzt, wo es bestimmt keinen entspannten Wohnungsmarkt gibt.“

Für die Bundesrepublik fordert der Experte eine nationale Strategie gegen Wohnungslosigkeit, ähnlich wie in Finnland. Dazu gehöre der Wohnungsneubau ebenso wie eine höhere Quote an Sozialwohnungen. Und natürlich Housing First. Denn selbst wenn es genug Wohnraum gäbe, existiere ein Zugangsproblem: „Gerade für Langzeitobdachlose sind die Zugangsbarrieren sehr hoch.“ Vermieter wollten aufgrund von Vorurteilen oft nicht an Wohnungslose vermieten. Umso wichtiger sei ein Umdenken. Soziale Wohnraumagenturen sollten Wohnungen anmieten, Privatvermietern Risiken abnehmen und den Wohnraum dauerhaft an Wohnungslose vermieten.

In Lissabon ist die Zahl der Obdachlosen in den letzten Jahren entgegen einem europaweiten Trend leicht gesunken – trotz der schwierigen ökonomischen Lage, mit der Portugal bis heute kämpft. „Es sind mehr Menschen als früher auf Hilfe angewiesen – und Armut ist der Hauptgrund für Wohnungslosigkeit“, sagt Farias. „Doch obwohl vieles zu langsam vorangeht, gibt es hier den Willen, Wohnungslosigkeit zu bekämpfen – und zwar mit den richtigen Mitteln.“ Kürzlich hat die Regierung beschlossen, Housing First nun auch auf andere Landesteile auszuweiten.

Jaime möchte vielleicht bald seine beiden Söhne nach Lissabon einladen – jetzt, wo er wieder eine Wohnung hat. Und Carlos lädt seine Gäste zur Verabschiedung ein, wiederzukommen: „Mein Haus ist dein Haus“, sagt er lächelnd.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Portugal

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